Sonntag, 17.10.2021
 
Seit 07:05 Uhr Information und Musik
StartseiteKommentare und Themen der WocheAtemlose Reise des deutschen Außenministers01.09.2021

Afghanistan-Konflikt Atemlose Reise des deutschen Außenministers

Kontrolle in Afghanistan? Die hatte der Westen nach schnellen militärischen Erfolgen in den ersten Kriegsmonaten 2001 nie wieder, ist unser Kommentator Klaus Remme überzeugt. Dieser Kontrollverlust zeigte sich nun auch auf der Reise von Bundesaußenminister Heiko Maas in die afghanischen Nachbarländer.

Ein Kommentar von Klaus Remme

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Bundesaussenminister Heiko Maas sitzt bei einer Pressekonferenz am Tisch (picture alliance / photothek | Felix Zahn)
Kontrolle in Afghanistan? Die hatte der Westen nach schnellen militärischen Erfolgen in den ersten Kriegsmonaten 2001 nie wieder, kommentiert Klaus Remme (picture alliance / photothek | Felix Zahn)
Mehr zum Thema

Afghanische Geflüchtete in der Türkei "Wir sind kein Flüchtlingslager Europas"

Taliban, IS und Co. Die Rivalität der Islamisten in Afghanistan

US-Truppenabzug aus Afghanistan Politikexperte: Geheimdienste wussten, was Biden hören will

Der Tag mit Christian Höppner Rettung aus Afghanistan: Hat Maas den richtigen Plan?

"Wie sie das bezeichnen, ist ihre Sache", gab Heiko Maas zum Auftakt seiner Krisenmission im türkischen Antalya einem Journalisten zurück, der wissen wollte, ob diese Reise des deutschen Außenministers auch in eigener Sache eine "Flucht nach vorn" sei. Später, in Islamabad, wird er vor Kameras und Mikrofonen erneut nach persönlichen Fehlern gefragt. Eine Antwort blieb er schuldig.

Selbstzweifel waren in den vergangenen vier Tagen nicht zu erkennen. Sie würden helfen, das aktuelle Engagement von Maas angemessen einzuordnen. Nach dem Ende der Afghanistan-Luftbrücke sieht sich Heiko Maas federführend in "Phase 2" möglicher Evakuierungen. Vergessen wir das Etikett, denn es führt in die Irre. "Phase 2", das soll Ordnung und Kontrolle suggerieren, dabei ist der Kontrollverlust offensichtlich.

Folgen einer politischen Katastrophe

Selbst das Wort "Evakuierung" vernebelt den Blick. Es vermittelt eine Nähe zu Naturkatastrophen, so als ob die Menschen in Afghanistan vor Hochwasser, nach Erdbeben, also durch höhere Gewalt in Gefahr geraten sind und gerettet werden müssen. Nein, nein, die Gespräche von Heiko Maas waren Folge einer politischen Katastrophe, für die auch der Westen, die Amerikaner, die Deutschen und dort die handelnden Minister Verantwortung tragen.

Taliban-Kämpfer in der afghanischen Stadt Kandahar am 13. August 2021  (picture alliance / dpa / Xinhua News Agency | Stringer) (picture alliance / dpa / Xinhua News Agency | Stringer)Diese Strategie verfolgen die Taliban
Die Taliban haben in Afghanistan die Macht übernommen. Die US-Truppen sind inzwischen abgezogen. Wie organisieren sich die Taliban jetzt und was heißt das für die afghanischen Bevölkerung?

Übrigens nicht nur die der amtierenden Bundesregierung. Alle Parteien, die sich bei der Wahl in 26 Tagen Hoffnungen auf eine Regierungsbeteiligung machen können, haben diesen Einsatz in den letzten 20 Jahren am Kabinettstisch in unterschiedlichen Koalitionen mitgestaltet. Auch die Grünen und auch die FDP. Kontrolle in Afghanistan? Die hatte der Westen nach schnellen militärischen Erfolgen in den ersten Kriegsmonaten 2001 nie wieder.

Realpolitik im Zeitraffer

Und dieser Kontrollverlust zeigte sich in den vergangenen Tagen, als Heiko Maas in Taschkent und in Duschanbe und in Islamabad auf der Matte stand und um Kooperation bitten musste, er zeigte sich, als Maas am Abend des 2.9. in Katar für große Hilfe und Unterstützung dankte und er zeigt sich vor allem in der Erkenntnis, dass kein Weg an Gesprächen mit den Taliban vorbeiführt. Wir erleben Realpolitik im Zeitraffer. Diese atemlose Reise des deutschen Außenministers gehört dazu.

Der Fall von Kabul ist keine drei Wochen her und schon wird über die internationale Anerkennung und über westliche diplomatische Vertretungen in Kabul diskutiert. Noch kann Heiko Maas die Gespräche mit den Taliban vom deutschen Botschafter führen lassen. Doch es wäre eine Überraschung, würde der (zukünftige) Taliban-Außenminister in Kabul nicht sehr bald auch einen Anruf des verehrten Amtskollegen in Berlin erwarten und bekommen! Deutschland hat geschätzt 50.000 Menschen in Afghanistan Aufnahmegarantien gegeben. Ob es gelingen wird, diese Garantien einzuhalten, hängt zuallererst von Zusagen der Taliban ab. Darauf muss man hoffen, kontrollieren kann man es nicht mehr!

Klaus Remme  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme, geboren in Cloppenburg. Studium der Politischen Wissenschaften und Osteuropäische Geschichte in Freiburg und Wien. Berufliche Stationen: Institute for Defense & Disarmament Studies, Boston, BBC World Service, London, Norddeutscher Rundfunk. Seit 1996 beim Deutschlandfunk. Von 2007 bis 2012 Korrespondent von Deutschlandradio in Washington. Seitdem Korrespondent im Hauptstadtstudio mit Schwerpunkt Außen- und Sicherheitspolitik. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk