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StartseiteInformationen am MorgenUSA-Taliban-Abkommen mit vielen Fragezeichen29.02.2020

Afghanistan-KonfliktUSA-Taliban-Abkommen mit vielen Fragezeichen

Die USA und die radikalislamischen Taliban haben in Doha ein Abkommen über einen US-Truppenabzug aus Afghanistan unterzeichnet. US-Präsident Donald Trump hofft, damit den längsten Krieg in der Geschichte der USA beenden zu können. Kritiker sind angesichts vieler offener Fragen skeptisch.

Von Martin Gerner

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Amerikanische Soldaten schauen aus einem Helikopter auf Afghanistans Hauptstadt Kabul herunter (Getty Images/Andrew Renneisen)
Noch nie führten die USA länger Krieg als in Afghanistan: US-Soldaten schauen aus einem Helikopter auf die Hauptstadt Kabul herunter (Getty Images/Andrew Renneisen)
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Nach dem Willen von US-Präsident Donald Trump soll das Abkommen mit den militant-islamistischen Taliban den mehr als 18 Jahre währenden Krieg der USA in Afghanistan beenden. Trump appellierte an die afghanische Regierung und das afghanische Volk, diese historische Chance wahrzunehmen.

Was sieht das Abkommen vor?

Was der US-Präsident - zumindest in seinen öffentlichen Verlautbarungen - unterschlägt, ist, dass das Abkommen vor allem der Innenpolitik und seinem Wahlkampf dienen soll. Das Ende des Krieges in Afghanistan war eines von Trumps Versprechen in den Präsidentschaftswahlen vor vier Jahren.

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Der Deal mit den Taliban, der am Samstag in der Hauptstadt Katars unterzeichnet wurdel, sieht vor, dass die USA binnen 14 Monaten stufenweise alle Truppen aus Afghanistan abziehen. Im Gegenzug sollen die Taliban die Kampfhandlungen einstellen, alle Verbindungen mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida beenden und kontrollieren, dass sowohl Al-Kaida als auch die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" keinen Zugriff mehr auf das afghanische Territorium haben.

Welche Chancen hat das Abkommen?

Um auszutesten, wie glaubwürdig die Taliban sind, hatte man für die vergangenen sieben Tagen eine Teil-Waffenruhe vereinbart. In den großen Städten und auf Überlandstraßen hat diese Woche der "Gewaltreduzierung" weitgehend gehalten. Dennoch gab es in den vergangenen sieben Tagen 30 Tote, darunter Sicherheitskräfte und Zivilisten. Hochgerechnet auf die Zahl der Toten pro Jahr sind das knapp Zweidrittel weniger als in den vergangenen Monaten. Dennoch kam es in 12 von 36 Provinzen zu Kämpfen.

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Wie schon vor knapp einem halben Jahr, als schon einmal ein Abkommen mit den Taliban unterzeichnet werden sollte, warnen auch jetzt wieder Kritiker, unter anderem im US-Kongress, vor einem übereilten Frieden mit den Taliban. Kritisch gesehen wird vor allem die Forderung der Taliban, 5.000 ihrer Anhänger aus den Gefängnissen in Afghanistan und weltweit, etwa aus Guantanamo, zu entlassen.

Fraglich ist außerdem, ob die geplanten innerafghanischen Gespräche in zwei Wochen beginnen werden. Hier verlässt sich die US-Regierung auf die Zusagen der Taliban, die vor Verhandlungen mit der Regierung in Kabul zunächst auf eine Abkommen mit den USA bestanden haben. Garantien, ob es zu diesen innerafghanischen Gespräche kommt, fehlen jedoch.

Wer soll das Abkommen überwachen?

Durch den Abzug der US-Truppen kann ein neues Machtvakuum in Afghanistan entstehen. Das ist eine der Sorgen vieler Kritiker des Abkommens - nicht nur in den USA, sondern auch in Europa. Die Vereinten Nationen oder die Europäer könnten als Garantie- und Kontrollistanz einspringen, doch davon ist bislang nicht die Rede. Die Regionalmächte Pakistan und Iran könnten eher versuchen, in das Vakuum zu drängen. Auch in dieser Hinsicht gibt es viele offene Fragen. Fest steht: Wenn die USA ganz oder weitgehend aus Afghanistan abziehen, wird dies nicht ohne Folgen für die Bundeswehr und die anderen NATO-Streitkräfte dort bleiben.

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