Kommentare und Themen der Woche 28.03.2020

AfghanistanRückzug der Bundeswehr: der Anfang vom EndeVon Sabina Matthay

Beitrag hören Bundeswehrsoldaten in Kundus (dpa / picture-alliance / Michael Kappeler)Bundeswehrsoldaten in Kundus. Fast ohne Garantien der Taliban werden die USA und ihre Verbündeten Afghanistan nun verlassen. (dpa / picture-alliance / Michael Kappeler)

Die USA haben mit dem Rückzug ihrer Soldaten vom Hindukusch begonnen - bis 2021 sollen sie Afghanistan verlassen haben. Auch Deutschland hat beschlossen, seine Militärpräsenz zu reduzieren. Doch der Westen wird für diese Entscheidung einen hohen Preis bezahlen, meint Sabina Matthay.

In der Coronakrise gehen derzeit viele Meldungen unter. Zum Beispiel die von der Reduzierung der Bundeswehr in Afghanistan. 1.300 deutsche Soldaten dienen noch bei der Beratermission "Resolute Support", nun soll ein Teil der Dienstposten nicht mehr nachbesetzt werden. Das markiert unausgesprochen den Anfang vom Ende des umfangreichsten und längsten Auslandseinsatzes der Bundeswehr. Dabei hat der Bundestag das Mandat erst Mitte März verlängert. Aber die Mission, einst hoch umstritten, interessiert die Deutschen schon lange nicht mehr.

Ohnehin wollen die USA bis Mitte nächsten Jahres abziehen, zusammen mit den übrigen 37 Verbündeten. Und ohne die amerikanische Führungsnation geht in Afghanistan gar nichts.

Schon jetzt beweist die deutsche Teilnahme an "Resolute Support" vor allem Bündnistreue. Die deutschen Berater tragen keineswegs dazu bei, die Leistungsfähigkeit der afghanischen Sicherheitskräfte zu erhöhen: Die hohe Zahl der Fahnenflüchtigen zeigt das, der Stolz afghanischer Offiziere auf die eigene Unbelehrbarkeit konterkariert die Beratung. Ausbilder brauchen schwerbewaffnete Personenschützer, die sie vor Angriffen ihrer afghanischen Trainees bewahren sollen. Den Amerikanern mit ihren ungleich besseren Möglichkeiten geht es nicht anders.

Schwere Niederlage des Westens

Mit so dürftigen Ergebnissen nach fast zwei Jahrzehnten Einsatz ist der Rückzug vom Hindukusch wohl unumgänglich. Fast ohne Garantien der Taliban verlassen die USA und ihre Verbündeten das Land, das sieht das Abkommen vor, dass die Amerikaner Ende Februar mit den Aufständischen geschlossen haben. Es ist das Eingeständnis einer schweren Niederlage des Westens, die auch selbst verschuldet ist.

Mit immer neuen Zielen war die Mission begründet worden: mit der Ausrottung des islamistischen Terrorismus etwa und mit dem Aufbau einer modernen, friedlichen afghanischen Gesellschaft. Mit immer neuen Strategien sollten diese Ziele durchgesetzt werden.

Natürlich gibt es heute eine Zivilgesellschaft in Afghanistan, können Mädchen und Frauen Schulen und Universitäten besuchen. Aber die Aufständischen beherrschen weite Teile des Landes, jene, gegen die der Einsatz sich richtete, sind nun gar Verhandlungspartner; Afghanistan bleibt weltweit führender Drogenproduzent, Armut und Korruption sind nicht ausgerottet, ethnisch und religiös begründete Gewalt ist tief verwurzelt – der Anschlag auf eine Gebetsstätte der religiösen Minderheit der Sikhs in Kabul diese Woche zeugte davon. Die Demokratie ist durch wiederholten Wahlbetrug ohnehin diskreditiert.

Angst vor dem Zerfall Afghanistans

Nicht zuletzt der anhaltende Streit zwischen Präsident Ashraf Ghani und seinem Kontrahenten Abdullah Abdullah über den Ausgang der Präsidentschaftswahl belegt, dass eine Gesellschaft, die nicht reif dafür ist, weder mit Geld noch guten Worten in die Moderne geführt werden kann. Dabei braucht Afghanistan eine funktionierende Regierung dringender denn je, um innerafghanische Friedensgespräche aufzunehmen. Ein Unterfangen, das selbst unter günstigeren Umständen ausgesprochen heikel wäre. Ob amerikanischer Druck, etwa mit dem Entzug von Hilfsgeldern, wirkt, ist nicht ausgemacht. Um so ausgeprägter ist die Angst der Afghanen vor einen Rückfall in die Bürgerkriegswirren, die sie in den 90er Jahren schon einmal erlebt haben.

Der Abzug des Westens aber gefährdet den letzten Rest von Stabilität am Hindukusch und er wird auch Folgen für Deutschland und Europa haben. Der Zerfall Afghanistans dürfte mehr Menschen in die Flucht treiben und der Sieg der Taliban wird Islamisten in aller Welt beflügeln.

Der damalige Bundesverteidigungsminister Struck erklärte 2002, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt. Der Abzug aus Afghanistan wird zeigen, dass dieser oft belächelte Satz nicht nur damals zutraf, sondern hochaktuell bleibt.

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