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StartseiteEine WeltTechnokrat im Paschtunengewand29.03.2014

AfghanistanTechnokrat im Paschtunengewand

Zum dritten Mal seit der Vertreibung der Taliban finden nächste Woche in Afghanistan Präsidentschaftswahlen statt. Hamid Karzai darf kein drittes Mal antreten. Zu den aussichtsreichsten Bewerbern gehört der ehemalige Finanzminister Ashraf Ghani, der sich für diese Wahl erstaunlich gewandelt hat.

Von Sabina Matthay

Der Kandidat um die afghanische Präsidentschaft, Ashraf Ghani, während einer Wahlkampfveranstaltung, im Porträt. (picture alliance / dpa)
Der Kandidat um die afghanische Präsidentschaft, Ashraf Ghani, während einer Wahlkampfveranstaltung (picture alliance / dpa)
Weiterführende Information

Raus aus Afghanistan, rein nach Afrika? (Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton, 19.02.2014)

Verhandlungen zwischen den Taliban und der Regierung (Deutschlandfunk, Eine Welt, 08.02.2014)

Das Mädchen, das der Taliban die Stirn bot (Deutschlandfunk, Andruck, 04.11.2013)

Ashraf Ghani bei einer Fernsehdebatte der afghanischen Präsidentschaftskandidaten - beredt wie eh und je und doch erstaunlich anders. Mit Vollbart, in Pluderhosen, Kaftan und Turban, in der Hand eine islamische Gebetskette, gab sich der 65-Jährige in diesem Wahlkampf volksnah, patriotisch und fromm und betonte seine paschtunische Herkunft, indem er auch den Stammesnamen Ahmadzai nutzte

Ganz anders als 2009, als Ashraf Ghani stets glattrasiert, mit Anzug und Schlips als Modernisierer auftrat und nicht nur Konkurrenten seine intellektuelle Überlegenheit spüren lies.

Die Quittung damals: chancenlose drei Prozent der Stimmen. Vor allem auf dem Lande, im paschtunisch-dominierten Süden Afghanistans, kam der im Westen ausgebildete Politologe überhaupt nicht an. Dass er die Hälfte seines Lebens im Ausland verbracht hatte, machte ihn auch nicht eben beliebt.

Sein Imagewechsel hat diese Ressentiments offenbar weitgehend beseitigt. Dass er deshalb nun laut Umfragen zu den aussichtsreichsten Kandidaten zählt, weist Ashraf Ghani aber zurück:

"2009 war alles anders, damals kandidierte Amtsinhaber Hamid Karzai für die Wiederwahl, diesmal ist es ein offenes Rennen", so Ghani beim Gespräch in seiner Villa in Kabul.

Ruf eines kompetenten Technokraten

Der ehemalige Weltbank-Berater Ashraf Ghani tritt erneut mit einem detaillierten Programm an. Wie die meisten Präsidentschaftskandidaten verspricht er Arbeitsplätze, Korruptionsbekämpfung, Friedensgespräche mit den Aufständischen, hat aber anders als die anderen detaillierte Vorstellungen dazu. Das Sicherheitsabkommen mit den USA, dem der amtierende Präsident Karzai die Unterschrift verweigert, will er unterzeichnen. Ashraf Ghani hat das Abkommen im Auftrag der afghanischen Regierung ausgehandelt:

"Aus Sicherheitsgründen brauchen wir diese Vereinbarung, denn wir wollen nicht den staatlichen Zusammenbruch riskieren."

Diese Zusage wird nicht nur im Ausland gern gehört, auch viele Afghanen sind dafür, wissen sie doch, dass ihr Land in vieler Hinsicht noch nicht auf eigenen Beinen stehen kann. Ashraf Ghani hat zudem Regierungserfahrung: Als Finanzminister und als Beauftragter für die Übergabe der Sicherheitsverantwortung von der NATO an die afghanischen Sicherheitskräfte hat er sich den Ruf eines kompetenten Technokraten erworben.

Trotzdem stößt der Kandidat weiterhin auf Skepsis bei den Wählern.

Manchen passt nicht, dass seine libanesische Frau Christin ist – Ghanis Konkurrenten weisen gern darauf hin, dass sie die erste nicht-muslimische First Lady Afghanistans wäre. Ein wichtiges Gegenargument in dem zutiefst konservativen Land.

Andere sind bestürzt, dass ausgerechnet Ashraf Ghani, der stets dem Rechtsstaat das Wort geredet hat, sich für diese Wahl einen dubiosen Vize-Kandidaten ausgesucht hat, nämlich den ethnischen Usbeken Abdul Rashid Dostum, dem schwere Menschenrechtsvergehen zur Last gelegt werden.

Es ist noch gar nicht lange her, dass Ashraf Ghani den früheren Kriegsfürsten als Mörder bezeichnet hat. Nun sagt er, man müsse die afghanische Realität akzeptieren.

"Frieden kann es nicht unter Laborbedingungen geben", begründet Ghani seinen Meinungswandel. "Damit wir uns aussöhnen können, müssen wir einander annehmen. Dann erst können wir uns auf den weiteren Weg einigen."

Wahlieg wäre der Sieg eines Reformers

Ashraf Ghanis Ehrgeiz sei größer als sein Idealismus, sagt dagegen Nader Nadery vom Forschungsinstitut AREU in Kabul:

"Er glaubt, dass die politische Landschaft dieses Bündnis erforderlich macht", so Nadery.

Weil das Kandidatenfeld mit acht Bewerbern groß ist, zählt jede Stimme. Und weil der Paschtune Ghani nicht nur auf das Votum seiner Volksgruppe setzen kann, soll der Usbekenführer Dostum die Stimmen seiner Ethnie liefern. In Afghanistan regiert nach wie vor Patronage die Politik. Nicht Parteien, sondern Lokalfürsten bestimmen das Wahlverhalten, mit ihrer Autorität können sie Loyalitäten in Form von Stimmen einfordern.

Immerhin rang Dostum sich zu einem beispiellosen Schritt durch und bat auf Facebook um Entschuldigung für in der Vergangenheit erlittenes Unrecht.

Vor allem junge Leute und einflussreiche Ratsversammlungen hat Ashraf Ghani für sich gewonnen und konnte mittlerweile mit seinem schärfsten Konkurrenten Abdullah Abdullah gleichziehen.

Die absolute Mehrheit in der ersten Runde wird wohl kein Kandidat erringen, wenn es bei der Wahl mit rechten Dingen zugeht. Ein Sieg Ghanis im zweiten Wahlgang wäre der Sieg eines Reformers, der sich vom Idealisten zum Pragmatiker gewandelt hat. 

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