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StartseiteKommentare und Themen der WocheUS-Truppenabzug ist eine Fehlentscheidung17.04.2021

AfghanistanUS-Truppenabzug ist eine Fehlentscheidung

Die Taliban hätten kein einziges Zugeständnis bei den innerafghanischen Friedensgesprächen gemacht, kommentiert Sabina Matthay. Ein bedingungsloser US-Truppenabzug sei da ein Fehler. Vor allem die afghanische Bevölkerung werde dafür büßen, wie sich an den jüngsten Terroranschlägen bereits zeige.

Ein Kommentar von Sabina Matthay

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Ein zerstörtes Fahrzeug nach einer Bombenattacke in Kabul (picture alliance / AP)
Afghanistan wird derzeit von einer massiven Anschlagswelle erschüttert (picture alliance / AP)
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Es gibt nicht viel, worin Joe Biden sich mit seinem Vorgänger einig ist. Doch den Abzug amerikanischer Truppen aus Afghanistan, den Donald Trump in einem Separatfrieden mit den Taliban bereits vereinbart hatte, den wollte auch Biden. Stichtag ist nun der 11. September, der 20. Jahrestag der islamistischen Angriffe auf Pentagon und World Trade Center.

Dieser bedingungslose Abzug ist eine Fehlentscheidung, die Amerika und seine Verbündeten noch umtreiben wird, für die aber vor allem die Afghanen büßen werden.

Die Taliban haben die Weltmacht USA nicht nur militärisch vorgeführt, sie haben sie de facto auch am Verhandlungstisch ausgesessen.

Seit Beginn der intra-afghanischen Friedensgespräche in Qatar haben die Extremisten nicht ein einziges Zugeständnis an die Delegation der afghanischen Regierung gemacht. Versprechen, die Rechte von Frauen zu wahren oder die Verbindungen zu Al Qaeda zu kappen, sind reine Lippenbekenntnisse.

Besonders Frauen in Visier

Die Terrorkampagne der Taliban am Hindukusch gibt einen Vorgeschmack auf ihre Machtergreifung. Sie richtet sich gegen Journalisten, Beamte, Lehrer, Wissenschaftler, Richter und zivilgesellschaftliche Aktivisten. Insbesondere nehmen die Extremisten jetzt Frauen ins Visier: zwei Richterinnen am afghanischen Verfassungsgericht sind seit Anfang des Jahres Opfer von Anschlägen geworden. Gewalt, die Frauen ihre kargen Fortschritte nehmen und die kleine gebildete Mittelschicht einschüchtern und vertreiben soll.

Also genau jene Afghanen, auf die das Ausland seine Hoffnung setzt; junge Leute, gebildet und progressiv, die eine Zivilgesellschaft und damit die Hoffnung auf eine bessere Zukunft begründet wollen.

Denn es sind vor allem sie, die sich dem Ziel der Taliban widersetzen: der Restauration des brutalen islamischen Emirats, das Afghanistan fünf Jahre lang, bis 2001, grausam knechtete.

Ein Bundeswehsoldat sichert am 11.12.2013 in Masar-i-Scharif (Afghanistan) die Straße (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini) (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)Kommentar: Mehr Unsicherheit für den Westen
Ein lebensfähiger Staat ist in Afghanistan trotz umfassender Unterstützung nicht entstanden, kommentiert Marcus Pindur. Jetzt werden mit dem Truppenabzug aus Afghanistan auch die wenigen Erfolge preisgegeben – andere Staaten füllen das entstehende Vakuum.

Kaum denkbar übrigens, dass westliche Hilfsorganisationen, Ideenschmieden, oder Stiftungen wie die deutschen parteinahen Organisationen, die sich die Förderung von Demokratie und Zivilgesellschaft auf die Fahnen geschrieben haben, dann noch im Lande bleiben könnten.

Denn nach dem Abzug des letzten Nato-Soldaten wird es nicht lange dauern, bis die Extremisten ihren Siegeszug fortsetzen und die afghanische Regierung kollabiert.

Afghanistan könnte ein zweites Syrien werden

Letztlich werden aber nicht nur Afghanen und Amerikaner den Ausgang des Konflikts bestimmen. Russland und Iran bekunden zwar gern, sie lehnten die Wiederkehr der Taliban-Herrschaft ab, auch pflegen sie ihre Beziehungen zu Mitgliedern der einstigen Nordallianz, ein gegen die Taliban gerichtetes Zweckbündnis afghanischer Milizen; zugleich finanzieren sie die Rebellen jedoch, rüsten sie sogar militärisch aus, um die USA aus ihrem Hinterhof zu verdrängen. Indien, Pakistan und China verfolgen ebenfalls eigene Interessen.

Der Konflikt in Afghanistan könnte deshalb schnell dem syrischen Bürgerkrieg ähneln, wo unterschiedliche Regionalmächte ebenfalls verschiedene Seiten unterstützen – ohne Aussicht auf Beilegung.

Zugegeben: Zwanzig Jahre Blutvergießen und Milliarden Dollar Entwicklungshilfe haben Afghanistan nicht befriedet, haben dort kein stabiles politisches System, keine gute staatliche Verwaltung, schon gar keine verteidigungsfähigen Sicherheitskräfte begründet. Die Amerikaner sind kriegsmüde, die geostrategischen Prioritäten des Landes haben sich geändert. Joe Bidens Abzugsentscheidung wird sie vielleicht ruhiger schlafen lassen.

Doch auf die Afghanen und ihr unglückseliges Land wartet nun ein neuer Albtraum.

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