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StartseiteThemaWie stehen die Nachbarländer zu den Taliban?29.08.2021

AfghanistanWie stehen die Nachbarländer zu den Taliban?

Die Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban setzt nicht nur die Anrainerstaaten unter Druck. Chinesen und Taliban mögen ein verbindendes Interesse an den großen Rohstoffvorkommen Afghanistans haben, doch Peking fürchtet das Eindringen von Terrorismus ebenso wie Russland.

Von Marcus Pindur

Chinas Außenminister Wang Yi und Taliban Co-Gründer und jetziger Taliban-Außenminister Mullah Abdul Ghani Baradar bei einem Treffen am 28. Juli 2021 in China (dpa / XinHua / Li Ran)
Chinas Außenminister Wang Yi und Taliban Co-Gründer und ihr politischer Führer, Abdul Ghani Baradar, bei einem Treffen am 28. Juli 2021 in China (dpa / XinHua / Li Ran)
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China

Neben der üblichen Häme über die Schmach der USA in Afghanistan hört man aus China immer wieder besorgte Töne. Denn wenig fürchtet die Regierung in Peking mehr als islamistischen Terrorismus und die Unabhängigkeitsbestrebungen der uigurischen Minderheit in der chinesischen Provinz Xinjiang. Die Uiguren werden seit Jahren brutal von der Regierung in Peking unterdrückt, und eigentlich war Peking insgeheim froh, dass die Amerikaner und ihre Verbündeten einen Export des islamistischen Extremismus aus Afghanistan 20 Jahre lang verhindert haben.

Afghanistan und seine Nachbarn (Globus Infografik)Afghanistan und seine Nachbarn (Globus Infografik)

Jetzt muss sich China umorientieren. Ein Grund dafür, warum Außenminister Wang Yi Ende Juli eine Delegation unter Führung des ranghöchsten Taliban, Abdul Ghani Baradar empfing. Trotz der gewaltsamen Unterdrückung ihrer muslimischen Brüder und Schwestern versicherten die Taliban, sie würden niemandem erlauben, afghanischen Boden gegen China zu nutzen. Gleichzeitig haben sich Hunderte von uigurischen Extremisten in den vergangenen Jahrzehnten den Taliban angeschlossen, einige wurden in Guantanamo interniert. Das Misstrauen dürfte beidseitig sein. 


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Dabei mögen Chinesen und Taliban ein verbindendes Interesse haben. In Afghanistan werden große Vorkommen von Kohle, Gas, seltenen Erden, Lithium, Eisen, Kupfer und Gold vermutet. Der Wert wird auf mehrere Billionen Dollar geschätzt. Die Taliban könnten ihre Einnahmen durch den Verkauf deutlich ausweiten, China könnte seinen hohen Rohstoffbedarf besser decken, und dies in seiner direkten Nachbarschaft. Allerdings sind die Taliban durch ihren Heroin-Export finanziell zunächst weitgehend unabhängig. Die Extremisten gehören zu den umsatzstärksten Drogenbaronen der Welt.

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Russland

Russland gibt sich zwar gelassen, hält seine Botschaft in Kabul offen und zeigt sich gesprächsbereit gegenüber den Taliban, fürchtet aber auch seit jeher den Einfluss des extremistischen Islamismus an seiner Südflanke. Deshalb hat Russland vor kurzem, als der Erfolg der Taliban sich abzuzeichnen begann, eine verstärkte militärische Zusammenarbeit und Grenzsicherung mit den ehemaligen Sowjetrepubliken Turkmenistan, Tadschikistan und Usbekistan vereinbart.

Moskau hat ein Afghanistan-Trauma, seit sich seine Truppen vor 32 Jahren aus dem Land zurückzogen. Außerdem stellt der Heroin-Export ein großes Problem dar, auch für die russische Gesellschaft. Deshalb wird Moskau sehr genau hinschauen, was die Taliban konkret machen, wen sie unterstützen und wo sie unter Umständen versuchen, an der russischen Südflanke Einfluss zu nehmen. Kurzfristig hat das Arrangement Russlands mit den obengenannten drei Ex-Sowjetrepubliken den Vorteil für Putin, dass er diese wieder enger an sich binden kann. Dass Russland darüber hinaus das nach dem Abzug der NATO zunächst entstandene Machtvakuum in Afghanistan füllen könnte oder wollte, wird von Experten bezweifelt.

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Ex-Sowjetrepubliken Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan, Kasachstan, Kirgistan

Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan sind direkte Nachbarn Afghanistans und fürchten die Kämpfe an ihren Grenzen. In den säkularen Ex-Sowjetrepubliken erstarkt zudem der Islamismus. Ihre Strategie: Sie wollen den Nachbarn wirtschaftlich einbinden und so auch die Taliban in die Pflicht nehmen.

Tadschikistan hat im Juli mit rund 230.000 Soldaten eine Militärübung abgehalten. Seit 1994 regiert Diktator Emomali Rahmon das Land – eines der ärmsten der Welt. Ein von den Taliban beherrschtes Afghanistan in der direkten Nachbarschaft sei eine Gefahr für die Stabilität Tadschikistans und für den Machterhalt Rahmons, so Edward Lemon, Präsident des Forschungsnetzwerks Oxus-Society.

Usbekistan, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Turkmenistan sind Binnenstaaten ohne Zugang zu Ozeanen, aber sie verfügen über riesige Energieressourcen. Und die werden auch in Afghanistan, Pakistan und Indien gebraucht.

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Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan sind direkte Nachbarn Afghanistans und fürchten die Kämpfe an ihren Grenzen. In den säkularen Ex-Sowjetrepubliken erstarkt zudem der Islamismus. Ihre Strategie: Sie wollen den Nachbarn wirtschaftlich einbinden und so auch die Taliban in die Pflicht nehmen.

Pakistan und Indien

Pakistan hat die Taliban immer als Instrument der eigenen Außenpolitik betrachtet. Von dort bekamen die paschtunischen Extremisten stets Waffen und Geld, während gleichzeitig der Nordwesten Pakistans ein Rückzugsgebiet der Taliban war und ist. Zugleich ist der Aufstieg der Taliban für Pakistan zwiespältig, weil er eine Ermutigung für die Extremisten im eigenen Land darstellt. Pakistan betrachtet Afghanistan mit Blick auf das feindselige Verhältnis zu Indien als einen strategischen Hinterhof, ein gigantisches Rückfallgebiet für den Fall eines militärischen Konfliktes mit Indien.

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Indien wiederum hat sich genau deswegen in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit seinem Engagement in Afghanistan militärisch zurückgehalten, um den reizbaren Nachbarn Pakistan nicht zu provozieren. Indien gehört aber zu den größten Geldgebern der Entwicklungshilfe und betreibt viele Entwicklungsprojekte in Afghanistan. Pakistan stößt sich darüber hinaus an den zahlreichen indischen Konsulaten. Indien ist in der Region die einzige Demokratie und betreibt trotz seiner Größe und seines weiter wachsenden wirtschaftlichen Potenzials traditionell eine zurückhaltende Außenpolitik.

Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan - Das Trauma ewiger Feindschaft

Pakistan war ein jahrzehntelanger Verbündeter der USA in der Region, orientiert sich aber schon seit Jahren mehr und mehr Richtung China. Deshalb dürfte es die pakistanische Regierung genau wie die chinesische Regierung alarmiert haben, dass es in den letzten vier Monaten zu vier blutigen Angriffe auf Chinesen in Pakistan gekommen ist, die dem pakistanischen Teil der Taliban angelastet werden. Für eines dieser Attentate übernahmen diese auch die Verantwortung.

Iran

Die Feindschaft zwischen schiitischen und sunnitischen Muslimen ist seit über einem Jahrtausend ein Strukturmerkmal der Region. Deshalb hat der iranische Geheimdienst auch die USA – eigentlich der "große Satan" im Weltbild des Mullah-Regimes – mit Informationen über Truppenbewegungen der Taliban informiert, bevor die USA und ihre Verbündeten 2001 in Afghanistan einmarschierten, um die Taliban zu stürzen. Kein einfaches Verhältnis also zwischen dem Iran und den Taliban.

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Nach dem Abzug der USA und ihrer Verbündeten will der Iran jetzt aber die Chance nutzen: Vor einigen Wochen wurde eine Delegation der Taliban und der jetzt gestürzten Regierung in Teheran empfangen. Iranische Medien berichten seitdem auffällig wohlwollend über die Taliban. Der Iran hat ein direktes Interesse an den Zuständen in Afghanistan, denn zwei Millionen afghanische Flüchtlinge halten sich im Iran auf. Teheran fürchtet eine weitere Flüchtlingsbewegung. Diese könnte sich noch verstärken, falls die sunnitischen Taliban die in Afghanistan lebende schiitische Minderheit der Hazara mit Gewaltakten aus dem Land treiben sollten.

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