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StartseiteComputer und KommunikationAfrika holt auf in Sachen Telekommunikation09.05.1998

Afrika holt auf in Sachen Telekommunikation

Johannesburg: Großer Andrang auf der Messe ''Telecom Africa 1998''

<strong>Heute endete in Johannesburg die alle vier Jahre stattfindende Messe für Telekommunikation "Telecom Africa". Diese Spezialveranstaltung der UNO-Organisation International Telephone Union (ITU) soll Afrika helfen, seinen großen Nachholbedarf in Sachen Telekommunikation zu verbessern. Experten schätzen zudem, daß Afrika neben China einer der wichtigsten Märkte für die IT-Branche in den kommenden Jahrzehnten sein wird.</strong>

Gerd Pasch, Nelson Mandela, Pekka Tarjanne, Noah Samara, Birk Hagelmann, Ferdinand Tjombe

Südafrikas Präsident Nelson Mandela persönlich hat sich schon vor drei Jahren bei der ITU in Genf dafür stark gemacht, daß die "Telecom Africa 1998" in seinem Land stattfindet. Aber nicht allein die wirtschaftlichen Aspekte stehen bei Mandela im Vordergrund, sondern auch die soziale Frage - und die ist für ihn global zu sehen. Die Rohstoffe Afrikas, Diamanten, Kohle, Gold, von den Industrieländern jahrhundertelang für eigene gesellschaftliche Entwicklung genutzt, gehen unaufhaltsam zur Neige. Da sei es Pflicht der Industrieländer, die Menschen in Afrika nicht von der Informationsgesellschaft auszusperren und sie mit Technologie auszustatten, die ihnen das Menschenrecht auf Kommunikation ermöglicht, so Nelson Mandela zur Eröffnung der Messe. Das gehe nur gemeinsam mit den Unternehmen und internationalen Organisationen der IT-Branche. Wichtig für die Menschen in seinem Lande sei "eine Partnerschaft, die Millionen von Afrikanern den Zugang zum Internet genauso bringt wie die Teilhabe an weltweiten Informationssystemen überhaupt; eine Partnerschaft, die die wenig entwickelten Regionen und die mangelnde Infrastruktur auf internationales Niveau bringt."

Wie es um den Zustand des Internets in Afrika derzeit bestellt ist, beschrieb der Generalsekretär der ITU, der Finne Pekka Tarjanne: "Das Internet breitet sich in ganz Afrika rapide aus. Schon jetzt haben 47 Nationen irgendwie einen Zugang zum Web. Rund eine Million Afrikaner nutzt das Internet." Über 80 Prozent der Internetanschlüsse lägen in Südafrika, wo Telekommunikation und Computertechnologie noch am weitesten entwickelt seien. Tarjanne glaubt jedoch, daß der breite Zugang zum Internet nicht allzu bald sicherzustellen sei: "PCs sind teuer und die meisten Afrikaner wissen noch nicht mit ihnen umzugehen." Dennoch herrschte vergangene Woche eine Art Goldgräberstimmung in Johannesburg. Telekomdienste werden in der Wirtschaft gebraucht, um weiterhin am Markt präsent zu sein. In die Einrichtung von Systemen für Videokonferenzen, Telebanking und Teleshopping wird viel Geld investiert werden. Anders sieht es beim Durchschittsbürger aus. Geld haben die Schwarzafrikaner nur wenig. Dennoch wird viel kommuniziert, denn die jungen Afrikanerinnen und Afrikaner sind hungrig nach Informationstechnologien. Mit Basistechnologien will Südafrikas Minister für Telekommunikation Jay Naidoo den Ausbau der Infrastruktur beschleunigen. Er will sogenannte Telecenter auf dem Lande einrichten. Wie solch ein Telecenter aussehen kann, stellte auf der Messe eine deutsche Firma vor, das Schiederwerk aus Nürnberg. Es handelt sich um ein erweitertes Telefongerät, wie wir es aus unseren Telefonzellen kennen, in einer Säule integriert, mit Solarzellen elektrisch versorgt, und gegebenenfalls auch mit einem Mobilfunkterminaladapter versehen.

Auf dem riesigen Kontinent können Satellitensysteme helfen, die Kommunikation sicherzustellen. Große Pläne stellte hier der afrikanische Unternehmer Noah Samara vor. Mit amerikanischen Investoren und wissenschaftlicher Unterstützung durch Ingenieure des Erlangener Fraunhofer-Instituts für integrierte Schaltungen, gründete Samara die Worldspace-Unternehmung. Ein digitales Informationssystem, gestützt auf Satellitentechnik und einfachste Empfänger wie die in Afrika überall verbreiteten Kofferradios, soll Unterhaltung und Nachrichten, Aus- und Fortbildung in jedes afrikanische Dorf bringen. Auf der Eröffnungsfeier der "Telecom Africa" erntete der Visionär Noah Samara nicht nur von Nelson Mandela Beifall für seine Ankündigung: "Worldspace hat beschlossen, fünf Millionen Geräte für den Empfang von Bild-, Ton und Textdaten sowie alle Arten von Informationen, Fernstudiengänge genauso wie Unterhaltungssoftware, in fünf Millionen Orten und Dorfgemeinschaften in fünf Jahren in ganz Afrika in den Markt zu bringen."

Aber auch Kabelverbindungen haben in den ländlichen Regionen Afrikas eine Chance. Es gibt allerdings immer wieder Probleme, weil Kupferleitungen gestohlen oder als Weidezäune verwendet werden. Um mit der modernen Glasfaser auch breitbandige Datendienste ins kleinste Urwalddorf bringen zu können, haben Ingenieure der Berliner Firma Krone sich eine besondere Lösung ausgedacht, eine Kombination aus Kupfer und Glasfaser. "Wenn man Hybridkabel benutzt, also Kupferleitungen, die die Glasfaserleitungen begleiten", so Birk Hagelmann von Krone, "dann kann man mit herkömmlichen Meßgeräten alle Fehlerortungen durchführen, so daß hochmoderne und damit teure Meßgeräte nicht nötig sind."

Eines der modernsten Telekommunikationssysteme Afrikas will Namibia in den nächsten Jahren errichten. Bei zwei Millionen Einwohnern und einer Fläche rund dreimal so groß wie die Bundesrepublik kommen derzeit gerade sieben Telefone auf hundert Einwohner. Das Netz stammt teils noch aus deutscher Kolonialzeit und ist völlig veraltet oder durch den Krieg im Nachbarland Angola funktionsuntüchtig. Viel Arbeit wartet also auf den Direktor von "Telecom Namibia", Ferdinand Tjombe: "Wir wollen ein brandneues Glasfaserkabel als Backbone durch das ganze Land legen. Es ist eine große Herausforderung für uns, alle heute möglichen Telekommmunikationsdienste in unserem Land anzubieten. Aber mit diesem Glasfaserbackbone sind wir in der Lage, Telefon und neueste Kommunikationsdienste in ländliche Regionen zu bringen, zum Beispiel Internet in die Schulen und einen Datenverbund der Kliniken und Medizinischen Stationen im Busch. So können wir Telemedizin und Telelernen anbieten, wichtige Elemente zur Entwicklung des Landes."

Weil das eine Menge Geld kostet, geht man schrittweise vor. Dennoch solle jeder, der ein Telefon oder Datendienste benötigt, nicht lange warten müssen, verspricht Tjombe: "Und wenn irgend etwas einmal nicht klappt, dann soll der Fehler in Lichtgeschwindigkeit behoben werden. In diesem Punkt möchten wir sogar die europäischen Länder übertrumpfen."

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