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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenBewahrer nigerianischer Kultur05.09.2019

Afrikanische MusikkulturerbeBewahrer nigerianischer Kultur

Den brutalen Übergriffen der islamistischen Boko Haram fallen nicht nur Menschen zum Opfer. Auch Nigerias Kultur leidet, da sie überwiegend mündlich tradiert wird. Ein Archivprojekt der Universitäten Maiduguri und Hildesheim soll die Musikkultur Nigerias bewahren und wiederbeleben.

Von Dörte Hinrichs

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In Zusammenarbeit mit dem Center for World Music der Uni Hildesheim forschen Wissenschaftler*innen aus Nigeria und Ghana wie durch gemeinsame Kulturprojekte der Wiederaufbau der Gesellschaft gelingen kann (Foto: Daniel Kunzfeld)
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Ein sonniger Tag Ende August an der Universität Hildesheim. An einem Tisch in der Bibliothek des Centers for World Music sitzen deutsche und nigerianische Wissenschaftler, die sich schon lange kennen, deren Arbeitsbedingungen sich aber teilweise gravierend gewandelt haben.

Damals, in den 1980er Jahren, so erinnert sich Raimund Vogels,

"War Borno bekannt als home of peace, galt es als die Region Nigerias, wo man wirklich sicher war und friedlich leben konnte, das hat sich natürlich dramatisch geändert, heute könnten wir da nicht mehr arbeiten und auch für die einheimischen Wissenschaftler ist es fast zu gefährlich, in die dörflichen Bereiche zu gehen. Damals war es so, dass es viel Musik gab, dass Musik fest eingewoben war in die Feste, in die Jahresfeste, Musik und Oralliteratur war Träger von Werten, von dem, wie man sich verhält. All diese Sachen werden über Musik und  Sprichwörter, Oralliteratur vermittelt, und das war lebendig, das war ganz selbstverständlich eingewoben und gehörte zum Alltag."        

So hat es Prof. Raimund Vogels  erlebt, als der Musikethnologe und heutige Direktor des Centers for World Music in Dörfern im Nordosten Nigerias Aufnahmen traditioneller Musikzeremonien gemacht hat - gemeinsam mit Bosoma Sheriff, von der Universität Maiduguri in der Provinz Borno. Der Professor für Afrikanische Literatur und Englisch ist derzeit Gastwissenschaftler an der Universität Hildesheim. Er hofft, wie so viele, auf friedlichere Zeiten, auch an den Hochschulen seines Landes.

Gefährliche Forschungsbedingungen in Zeiten von Boko Haram

"Boko Haram ist in meiner Gegend wirklich ein Problem für fast alle.  Als sie in die Stadt kamen, waren wir, die Gelehrten und Akademiker, in ernster Gefahr. Da einige von uns getötet wurden und einer oder zwei sogar entführt wurden, und einer von uns immer noch bei ihnen ist, wissen wir nicht, ob er lebt oder tot ist. Es gibt ein ernstes Problem für alle Akademiker, wenn diese Leute in der Stadt sind. Aber jetzt haben wir die Möglichkeit, unsere Forschungen ohne Angst vor Boko Haram- Elementen durchzuführen."

Denn viele Boko Haram-Milizen wurden in die Wälder zurückgedrängt. Doch frei von Attentaten ist die Gegend um Maiduguri immer noch nicht, erst im Juli wurden 65 Menschen auf dem Rückweg nach einer Beerdigung getötet. Auch viel kulturelles Leben wurde zerstört: Wo früher Zentren lebendiger Kultur waren, sind heute Flüchtlingscamps. Die Universität Maiduguri mit etwa 30 000 Studierenden versucht dennoch so gut es geht, den akademischen Betrieb aufrecht zu erhalten. Jahrzehntelange Partnerschaften, wie die mit der Universität Hildesheim, dienen auch dazu, die Akademiker in dem Konflikt in Nordostnigeria zu stärken. Zeugnisse der einst blühenden musikalischen Vielfalt sollen gerettet und für den Wiederaufbau genutzt werden. Denn ähnlich wie Grabungsstätten oder Bibliotheken sind auch die mentalen Archive und mündlichen Überlieferungen, Erzählungen und Sprachenvielfalt in bewaffneten Konflikten bedroht. Das Archivprojekt hat in Maiduguri zur Gründung es Universitätsinstitutes "Promotion of Cultural Sustainibility" geführt. Etwa 600 Tonbänder mit Gesängen zu Hochzeiten und Beerdigungen, Singspielen  und Ensembles sind seit den 1980er Jahren entstanden und lagern im Hildesheimer Archiv des Centers for World Music.

"Und theoretisch liegen diese Aufnahmen auch in der Universität Maiduguri, aber dort liegen sie im Prinzip gut verschlossen, weil sie schon auch ein Ziel von Boko Haram wären, denn klar, das sind kulturelle Aktivitäten die diesen islamistischen Vorstellungen widersprechen."

Archivprojekt zur Wiederbelebung traditioneller Kultur

Die Gesänge wurden ausschließlich mündlich tradiert, weshalb die seltenen Ton- und Videoaufnahmen so wertvoll sind. Auf einem Video von 1994 ist z.B. "Shilla Shilla" zu sehen und zu hören, ein Flötenensemble aus Nordostnigeria. Die Musiker spielten vor allem für Feste und Feiern zur Unterhaltung. Junge Mädchen in bunten Gewändern tanzten dazu. 

"Was wir jetzt machen wollen, ist, dass wir diese Aufnahmen digitalisieren und als Digitalisate z.B. über Smartphones erreichbar auf Server ablegen und über Smartphones erreichbar auf die Art und Weise wieder in die Gesellschaft hineingeben, um Prozesse in Gang zu setzen, wo man sich über Fragen von Vergangenheit austauscht und evtl. bestimmte Konfliktlösungsmechanismen erkennt und die wieder kopiert.  Werte, die in den Erzählungen deutlich gemacht werden, dass man sich auch derer besinnt und auf die Art und Weise versucht, so einen Identitätsbildungsprozess in Gang zu setzen, der sich bezieht auf Materialien, die vor diesem Bürgerkrieg lebendig waren und dazugehört, und eben auch um die Möglichkeit zu geben, dass man sie kopiert und in neuen Kontexten evtl. auch neu interpretiert. Dass ist dann die Entscheidung der Künstler, der Menschen vor Ort, aber dass man diese Materialien zugänglich macht und sie aus den Archiven herausholt und in die Gesellschaft wieder hineingibt, das ist eigentlich Ziel unserer Arbeit." 

Eine Wiederbelebung der Kultur erhofft sich davon auch Bosoma Sheriff. Denn die Musikinstrumente, die z.B. Jäger gespielt haben und deren traditionelles Liedgut, seien heute so gut wie vergessen, sagt er. Viele Jäger seien inzwischen Teil einer Task Force, die versucht, die Regierung im Kampf gegen Boko Haram zu unterstützten. Dabei ist gerade das Wissen der Jäger gefragt:

Lieder als Landkarten

"Die traditionellen Jäger kennen das Terrain und wir haben in einer unserer Aufnahmen etwa 42 verschiedene Jagdlieder. Und das alles mit  wunderbaren, manchmal metaphorischen Namen: Wie ein Baum,  dessen Name Karanjum ist, der so groß ist, dass wenn Sie darunter gehen, wenn es regnet, sie nicht vom Regen berührt werden. Und durch diese Lieder, die die Jäger kennen, wissen sie auch, ob sie sich in der Nähe von Antilopen aufhalten, in welchen Gebieten sie Elefanten finden, wo Löwen sind - und so gibt es regelrecht Routen, denen man folgen kann. So kennen die Jäger den ganzen Wald, der jetzt von Boko Haram besetzt ist."

Videos aus dem Hildesheimer Archiv zeigen z.B. Aufnahmen von einem Festival von Jägern in Nigeria mit komplexen Ritualen, Gesängen und Tänzen. Mitglieder verschiedener Stämme demonstrieren Jagdszenen mit Pfeil und Bogen und Feuerrituale. Bosoma Sheriff hat nicht nur zu Jagdliedern geforscht, sondern ebenso zu traditionellen Hochzeitsliedern und Musikensembles  der Kanuri. Auch hier droht viel Wissen verloren zu gehen.

"So sind selbst die Namen der Musikinstrumente der Mehrheit der Bevölkerung nicht bekannt. Und die ursprünglichen Musikinstrumente und der Mythos von der Schöpfung der Welt, die vielen Legenden, Geschichten und Gedichte, die in diesen Jäger- und Hochzeitsliedern enthalten sind - wenn dies alles digitalisiert wird, haben alle Nigerianer oder Afrikaner oder jedermann auf der Welt Zugang dazu. Und wir hoffen, damit weiter die traditionelle afrikanischen Musik, die afrikanische Kultur und afrikanische Geschichte wiederzubeleben. Und da gibt es viele Möglichkeiten, dieses Wissen auch auf andere Bereiche  auszuweiten wie Geschichte, Ökologie, Geographie und Umweltwissenschaften, was heutzutage sehr wichtig ist. Sie können sehen, es gibt  viele Mythen oder funktionales Wissen in der mündlichen Überlieferung für Umweltschützer, Historiker und Politikwissenschaftler. Das hoffen wir, in unserer Zusammenarbeit mit Hildesheim zu erreichen."

Forschungsaustausch soll gesellschaftlichen Wiederaufbau fördern 

Die vielfältigen künstlerischen Überlieferungen und ihre nachhaltige Bearbeitung sollen den wissenschaftlichen Austausch beleben und als Inspirationsquelle genutzt werden. In Hildesheim läuft derzeit das  Graduiertenkolleg "Performing Sustanibilitiy- Cultures and Development in West-Africa". Bei der vom DAAD geförderten "Graduate School" forschen junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Nigeria und Ghana, wie etwa durch lokale, gemeinschaftsbildende Kultur- und Bildungsprojekte der Wiederaufbau der Gesellschaft gefördert werden kann. Meike Lettau vom Institut für Kulturpolitik der Uni Hildesheim ist eine der Koordinatoren der Graduate School:

"Wir organisieren jedes Jahr zwei akademische Workshops, die zwei Wochen dauern, einen in Ghana und einen in Nigeria für insgesamt 18 Stipendiaten aus den jeweiligen Ländern, und einen aus Kamerun und einen aus Niger.  Diese Workshops behandeln unterschiedliche Themen: z.B. kulturelle Nachhaltigkeit, Kulturpolitik, Friedens- und Konfliktforschung, aber auch wissenschaftliche Arbeitsmethoden und dabei geht es uns eigentlich darum, Akademiker aus Deutschland und den Partnerländern zusammenzubringen, dass die Studierenden neue Perspektiven auf die jeweiligen Forschungsgebiete bekommen und somit in ihren Doktorarbeiten unterstützt werden."

Ein zweiter Punkt ist der Austausch mit Deutschland. Für drei Monate sind Stipendiaten aus Afrika eingeladen, an der Universität Hildesheim zu forschen und mit ihren deutschen Betreuern ihre Doktorarbeiten weiterzuentwickeln. Erst kürzlich waren sie wieder hier und es gab eine rege Zusammenarbeit zwischen den afrikanischen und deutschen Wissenschaftlern.

"Wir haben Studenten, die forschen zur Rolle von Theater, andere forschen zur  Rolle von Filmen in Konfliktsituationen oder zu Kulturpolitik für Theater in Ghana. Weitere Themen sind auch oft verbunden mit den Flüchtlingscamps in Nigeria und welche Rolle kulturelle Ausdrucksformen dort spielen können."

Nachhaltigkeitsanspruch auf vielen Ebenen

Dabei ist den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Nachhaltigkeitsaspekt wichtig, die Forschungen sollen kein Strohfeuer sein. Und das Wissen soll auch nicht im Elfenbeinturm bleiben, sondern in die  nigerianische Gesellschaft hineingetragen werden, betont Raimund Vogels.

"Wir versuchen Nachhaltigkeit in den Fragestellungen in den Forschungsfragen zu eruieren mit den Studierenden. Dass man sagt, wie können wir impact geben in die Gesellschaft, die nachhaltig diese Gesellschaft stabilisiert?

Wir betreiben Nachwuchsförderung für Wissenschaftler, die an den dortigen Universitäten arbeiten. Das ist, wenn man so will, der mittelfristige Nachhaltigkeitsaspekt, dass wir die Qualität der Lehre in Nigeria verbessern, um sie international anschlussfähig zu machen. Wir bauen einen dritten Nachhaltigkeitsaspekt darin ein, dass wir unsere Studierenden alle anhalten, ihre Forschungen nicht nur als Bücherwissen zu produzieren, sondern in Projekten, in der Regel tatsächlich in Flüchtlingscamps so zu gestalten, dass die Masse der Forschungsdaten tatsächlich aus solchen Projekten generiert werden, in denen es um Nachhaltigkeitsaspekte geht in der Kooperation. Und unsere Studierenden arbeiten mit NGOs zusammen, eben in ganz unterschiedlichen Kontexten, damit akademisches Wissen schnell auf möglichst kurzem Wege in die Gesellschaft zurück einfließen kann."    

Forschungstransfer in nigerianische Flüchtlingscamps

Ein Problem, so haben die Stipendiaten berichtet, sei die Langeweile in den Flüchtlingscamps. 40-50 000 Menschen leben hier auf engstem Raum. Sie  wissen nicht, wie ihre Zukunft aussieht, viele sind traumatisiert und trauen sich nicht zurück in ihre zerstörten Dörfer. Das bestätigt auch Andrew Haruna, Professor für Linguistik und Nigerianische Sprache und Vizekanzler der 2013 gegründeten Federal University Gashua in der Provinz Yobe, im Nordosten Nigerias. Er war zuvor an verschiedenen deutschen Universitäten tätig und plant nun mit der Uni Hildesheim einen Studierendenaustausch. Seine Tochter arbeitet in nigerianischen Flüchtlingscamps und organisiert dort Theaterprojekte.

"Nach den Berichten, die ich von ihr bekomme, sind die Flüchtlinge immer aufgeregt, Menschen mit vielen Aktivitäten zu sehen, die sie beschäftigen und sie von den Herausforderungen des Lebens ablenken, denen sie gegenüberstehen. Und es wirkt für sie wie eine Therapie, sie haben das Gefühl, dass es Hoffnung gibt, weil es da draußen ein normales Leben gibt. Und es gibt Leute da draußen, die sich auch für sie interessieren, es ist also ein sehr therapeutischer Heilungsprozess. Und auch die Forscher lassen sich von der dortigen Situation inspirieren und merken, dass es auch andere Arten der Kommunikation gibt."

Für die Flüchtlinge und die Forscher ist der Kontakt bereichernd. Die Begegnung mit dem Videomaterial, in dem traditionelle nigerianische Festivals und Gesänge festgehalten sind, ruft bei den entwurzelten, vielfach traumatisierten Menschen in den Flüchtlingscamps Erinnerungen wach an gelebte Traditionen. Und durch den Austausch und die Aktivitäten, die die Forscher dort initiieren, werden diese wiederum inspiriert zu weiteren Forschungen. Gleichzeitigt verändert sich der Kontakt unter den Geflüchteten: Die Frauen, Männer und Kinder sind zwar ganz verschiedener ethnischer und sozialer Herkunft  –  das gemeinsame Musizieren, Singen, Spielen und Geschichten erzählen, belebt aber die Gemeinschaft.

"Indem ihnen das Theater nahegebracht wird, Lieder in den Camps gesungen werden, finden sie einen Weg, sich als Menschen mit gemeinsamer Menschlichkeit zu betrachten. Und das ist absolut notwendig, um in Frieden zu leben, anstatt in diesen Umbruchzeiten, die wir haben. Die Forscher tun wirklich eine Menge, um den Menschen in den Lagern Hoffnung zu geben, insbesondere den Jüngeren."

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