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StartseiteUmwelt und VerbraucherDroht ein Vernichtungsfeldzug gegen das Schwarzwild?29.11.2017

Afrikanische SchweinepestDroht ein Vernichtungsfeldzug gegen das Schwarzwild?

Seit 2007 breitet sich die Afrikanische Schweinepest auch in Europa aus. Um das APS-Virus, das dem Menschen nicht schadet, aber für Schweine tödlich wirkt, einzudämmen, setzt Mecklenburg-Vorpommern ein Zwei-Millionen-Euro-Sofortprogramm in Kraft. Es richtet sich vor allem an die Jäger. Doch die sind skeptisch.

Von Silke Hasselmann

Ein Wildschwein (AFP / Petras Malukas)
80.000 Wildschweine sollen nach dem Willen des Schweriner Landwirtschaftsministers 2017 geschossen werden, um die Infizierungsmöglichkeiten zwischen den Rotten so minimal wie möglich zu halten (AFP / Petras Malukas)
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Wie lange hält sich das Virus der Afrikanischen Schweinepest auf - sagen wir - einem Parmaschinkenbrot? Bis zu 299 Tage, sagt das Friedrich-Löffler-Institut für Tiergesundheit und warnt, diese Tierseuche könne sich auch durch achtlos an den Straßenrand geworfene Wurst- und Fleischreste weiterverbreiten. Über Wildschweine, denn die fressen gern unsere Speisereste und können sich dabei infizieren.

Kein Wunder, dass das Land Mecklenburg-Vorpommern an seinen Autobahnrastplätzen entsprechende Hinweise für Kraftfahrer anbringen ließ. Außerdem zahlt es nun Abschussprämien, damit Jäger wie Curt Rackow den Wildschweinnachwuchs drastischer als bislang reduzieren.

"Also, ab erstem Dezember sollen alle Jäger, die einen Frischling bis 25 Kilogramm oder eine nichtführende Bache erlegen, 25 Euro vom Land erhalten."

Schon voriges Jahr brachten die Jäger in Mecklenburg-Vorpommern 60.000 Wildschweine zur Strecke. In diesem Jahr sollen es nach dem Willen des Schweriner Landwirtschaftsministers 80.000 sein. Denn: Je weniger Schwarzwild, desto weniger Kontakt- und Infizierungsmöglichkeiten zwischen den Rotten. Das wiederum mindert die Gefahr, dass das Virus auf Haus- und Zuchtschweine überspringt. Rund 850.000 leben allein in Mecklenburg-Vorpommern, oft in großen Mastanlagen. Da bei einem Infektionsfall sämtliche Tiere einer Anlage gekeult werden müssten, wäre der Schaden immens, sagt Renate Schuster vom Hybridschweinezuchtverband Nord/Ost:

"Das Risiko wird ja im Moment vom Friedrich-Löffler-Institut als hoch eingestuft und es würde dann Sperrgebiete geben. Das würde bedeuten, dass die Tiere getötet werden müssen. Denn nur so könnte man das Problem dann lösen."

Wegen Flurschäden im Dauereinsatz

Den Jägern kommt also eine hohe Verantwortung zu, um die Wildschweine als mögliche Seuchenträger auszuschalten. Doch man sei schon jetzt wegen der enormen Flurschäden im Dauereinsatz, erzählt Jagdpächter Curt Rackow. Allein in seinem kleinen Jagdrevier Godern - zwischen Schwerin und Parchim gelegen - hätten sie im vorigen Rekordjahr 32 Schweine erlegt.

"Wir sind wöchentlich mit mehreren Jägern draußen gewesen, um dann, wenn die Wildschweine da sind, Strecke zu machen und den Wildschaden zu verhindern. Das ist fast nicht steigerungsfähig. Natürlich wissen wir alle, dass die Schweinepest immer näher kommt, und ich denke, sie wird auch irgendwann kommen. Die Frage ist nur: Wann? Und auch eine Reduktion beim Abschuss von 80.000 Schweinen wird nicht helfen."

Helfen würde nach Meinung vieler Jäger nur, wenn es gar nicht erst zur Infektion im Schwarzwildbestand komme.

"Und das würde bedeuten, dass wir nicht 20 Prozent mehr abschießen, sondern dass wir 90 Prozent mehr abschießen. Und das ist mit jagdlichen Mitteln allein nicht zu machen. Da muss man anders drüber nachdenken."

Militärische Mittel zur Eindämmung

Zwar sei es weder waidgerecht noch derzeit politisch in der Bevölkerung durchsetzbar, sagt der Mecklenburger. Doch angesichts der hohen Wildschweinpopulation müsste man sogar militärische Mittel und Unterstützung erwägen. Niemand möge sich täuschen: Wenn die Afrikanische Schweinepest Mecklenburg-Vorpommern erst einmal erreicht habe, könnte es noch schlimmer kommen.

"Wir werden dann ja auch gehalten sein, irgendwelche Schneisen zu schlagen, wo wir versuchen, wirklich einen Vernichtungsfeldzug gegen das Schwarzwild zu machen. Und dann wirklich massiv. Da reden wir nicht mehr über 90 Prozent, sondern da ist dann das Schwarzwild zu 100 Prozent und nachhaltig zu erlegen, um den Seuchenzug dann auch wirklich zu unterbrechen. Ähnlich, habe ich gelesen, machen die Tschechen das. Die schießen in diesem Bereich alles komplett runter, und das wird auch auf uns zukommen. Für mich ist nur die Frage: Wann?"

Auch die Naturschutzverbände NABU und BUND fürchten, dass die Afrikanische Schweinepest irgendwann in Deutschland ankommen wird. Doch was das Vorbeugen angeht, so meinen sie: Viel schießen hilft nicht viel. Der schon in letzter Zeit bereits stark gestiegene Jagddruck führe vielmehr dazu, dass es im jeweils folgenden Jahr noch mehr Schwarzwild gebe. Der Grund liegt in der strengen Hierarchie, die die Tiere unter normalen Umständen leben: Weil in der Rotte die ältere Bache fehle, die üblicherweise als einzige den Nachwuchs austrage, würden nun schon die kaum geschlechtsreifen Weibchen begattet.

Derweil will das Schweriner Landwirtschaftsministerium mit Blick auf die Afrikanische Schweinepest ein weiteres Thema verstärkt angehen, denn ändern müsse sich endlich auch das Verhalten vieler Landwirte. Wer vorrangig Mais und Raps anbaue, böte den Wildschweinen reich gedeckte Tische - plus beste Verstecke.

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