Freitag, 23.10.2020
 
Seit 07:05 Uhr Presseschau
StartseiteKommentare und Themen der WocheKein Grund zur Panik10.09.2020

Afrikanische Schweinepest in DeutschlandKein Grund zur Panik

Selbst wenn Fleisch und Wurst den Erreger der Afrikanischen Schweinepest in sich tragen, sei das Virus für Menschen völlig ungefährlich, kommentiert Jule Reimer den ersten Fall in Deutschland. Angesichts möglicher Keulaktionen sollte lieber endlich über Obergrenzen bei den Tierbeständen nachgedacht werden.

Von Jule Reimer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
An einem blauen Elektrozaun hängt ein Schild, das vor Elektrizität am Zaun warnt (picture alliance/dpa-Zentralbild/ZB/Soeren Stache)
Mit solchen mobilen Zäunen versucht man das Vordringen von Wildschweinen nach Brandenburg zu verhindern (picture alliance/dpa-Zentralbild/ZB/Soeren Stache)
Mehr zum Thema

Afrikanische Schweinepest Virus erreicht Deutschland

Coronavirus Wissenschaftler erforschen Gefährdung von Tieren

Niedersachsen Sorge vor der Afrikanischen Schweinepest

Afrikanischen Schweinepest Forstamtsleiter: Wir müssen besondere Vorsicht walten lassen

Tierwohl Schweinestall der Zukunft

Ja, es gib den ersten bestätigten Fall der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland, gefunden bei einem verendeten Wildschwein in Brandenburg, sieben Kilometer entfernt von der polnischen Grenze. Doch auch wenn Pest direkt nach Seuche klingt, die Corona-Pandemie den Menschen überall in der Welt vieles abverlangt und heute in Deutschland zum ersten Mal seit langer Zeit ein "Warntag" mit Übungssirene abgehalten wurde: Ein krankes Wildschwein ist kein Grund zur Panik – und ein paar weitere an der Afrikanischen Schweinepest erkrankte Wildschweine im Übrigen auch noch nicht. Die Krankheit trifft nur Wild- und Hausschweine, für den Menschen ist sie völlig ungefährlich, selbst wenn Fleisch und Wurst den Erreger noch in sich tragen. Und um es vorwegzunehmen: Auch in Belgien traten schon Fälle von Afrikanischer Schweinepest bei Wildschweinen auf – die Belgier haben sie in den Griff bekommen. Denn im Gegensatz zur Klassischen, Europäischen Schweinepest verenden betroffene Tier sehr schnell, binnen Tagesfrist, was die Verbreitungsmöglichkeiten deutlich mindert.

Stau im Stall wäre ein Super-GAU

Mit Aufmerksamkeit verfolgen müssen die Behörden den Fall dennoch. Denn die Schweinehalter machen sich berechtigte Sorgen, die kleinen ebenso wie die, die Schweinefleisch im industriellen Maßstab heran mästen. Landet ein Betrieb erst einmal 45 Tage lang im Quarantäne-Sperrbezirk, dann stellt der Stau im Stall im Just-In-Time-durchgetakteten System der Massenproduktion den Super-GAU dar: die Termine im Schlachthof werden versäumt, für schwerere Tiere müssen teilweise Preisabschläge hingenommen werden, die nächsten Ferkel stehen schon irgendwo Schlange und noch woanders sind Sauen bereits wieder vertraglich geschwängert worden.

Wildschweine im Wald (imago/Martin Wagner) (imago/Martin Wagner)Afrikanische Schweinepest - Virus erreicht Deutschland
Ein Wildschweinkadaver im Landkreis Spree-Neiße in Brandenburg nahe der polnischen Grenze ist positiv auf Afrikanische Schweinepest getestet worden. Damit ist klar: Das Virus ist in Deutschland angekommen. Jetzt greift die Deutsche Schweinepestverordnung, denn eine Impfung gibt es nicht.

Hinzu kommt die allgemeine Sorge, dass Exportstaaten für deutsche Schweinehaxen die Grenzen schließen. Südkorea hat bereits einen Importstopp verkündet, China könnte folgen. Hier könnte die deutsche Schweinewirtschaft ruhig mal ein Halleluja auf die EU singen, statt sie nur als übergriffig zu verfluchen, weil die EU-Kommission sauberes Grundwasser über die massenhafte Ausbringung von Gülle stellt. Denn der EU-Binnenmarkt stellt sicher, dass die Grenzen offenbleiben – vorausgesetzt die richtigen Hygienemaßnahmen werden ergriffen. Allerdings müssen wir uns auch darauf einstellen, dass ganze Schweinebestände gekeult werden könnten, wenn sich das Virus ausbreitet.

Keulaktionen moralisch und ethisch fragwürdig

Bei 10.000 Tieren in einem Stall bedeutet das 10.000 tote Schweine. In vielen Fällen mag der wirtschaftliche Schaden durch die Zahlungen der Seuchenkassen gemildert werden, aber moralisch und ethisch sind solche Keulaktionen fragwürdig – ganz abgesehen von der emotionalen Belastung für viele Tierhalter. Bilder von Bergen getöteter Schweine prägten die Jahre 1996 und 1997, als die klassische, die europäische Schweinepest bei uns ausbrach. All das sind gute Gründe, endlich über Obergrenzen für Tierbestände nachzudenken.

Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer, Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschlandfunk, spezialisiert u. a. auf internationale Handels-, Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Umweltpolitik. Studium der Volkswirtschaft und Portugiesisch an der Universität zu Köln, journalistische Ausbildung in der "Kölner Schule" und bei der Deutschen Welle. Kurzzeitkorrespondentenvertretung der ARD für das südliche Afrika. Neben der Leidenschaft für Globalisierungsthemen ein tiefe Zuneigung zur lusophonen Welt. Deshalb immer mal wieder Kommentare zu und Reportagen aus Brasilien, Angola, Mosambik.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk