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StartseiteKommentare und Themen der WocheUnsere Schweinehaltung muss überdacht werden14.09.2018

Afrikanische SchweinepestUnsere Schweinehaltung muss überdacht werden

In den vergangenen Wochen war es um die Afrikanische Schweinepest ruhig geworden. Nun ist der Erreger aber ganz nah an Deutschland gerückt. Das sei eine Folge verfehlter Agrarpolitik, kommentiert Jule Reimer im Dlf. Auch der milliardenschwere Export von Fleisch nach China müsse infrage gestellt werden.

Von Jule Reimer

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Ein Wildschwein liegt vor einem Zaun. (picture alliance/Carsten Rehder/dpa)
Wildschweine übertragen die Schweinepest auf Hausschweine. Dänemark plant daher einen Zaun an der Grenze zu Deutschland. (picture alliance/Carsten Rehder/dpa)
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Tatsache ist, dass ein Ausbruch der Seuche, die in unserer Nähe bisher nur in Ost- und Südosteuropa vorkam, für alle Schweinehalter schwerwiegende Folgen haben wird. Erinnerungen an den Ausbruch der Klassischen Schweinepest in den Neunziger Jahren werden wach. Ist nur ein Schwein auf einem Bauernhof betroffen, muss der ganze Bestand gekeult werden, sonst breitet sich die Seuche aus.

Mais in Monokultur lässt Wildschweinbestände wachsen

Für den GAU sind große Pläne und Sperrgebiete schon vorbereitet. Der bislang ausgemachte Übeltäter der Übertragung: die Wildschweine. Die haben sich in den letzten Jahren überproportional vermehrt und sind ein lehrreiches Beispiel dafür, wie verfehlte Politik in gleich mehreren Bereichen ineinander greift. Gefördert durch europäische Agrarsubventionen und deutscher EEG-Zulage wurde immer mehr Mais in Monokultur für Biogasanlagen angebaut – für Wildschweine so richtig was zum Fettfressen. Je mehr Nahrung, desto früher paarungsfähig, desto mehr Frischlinge. Und je wärmer das ganze Jahr – der Klimawandel lässt grüßen – , desto üppiger auch das Nahrungsangebot im Wald.

Ställe mit vielen tausend Tieren sind ein Problem

Doch ähnlich wie bei der Vogelgrippe ist zu bezweifeln, dass Wildtiere wirklich die Hauptüberträger der Seuche sind. Das Virus der Afrikanischen Schweinepest verbreitet sich auf anderen Wegen viel schneller: Über den Transport von infiziertem Fleisch, mit Lastwagen über Ländergrenzen hinweg. Werkzeuge, Schuhwerk oder Kleidung, alles kann das Virus weitertragen. Erst recht in einer Agrar- und Fleischbranche, die sich zu immer größeren Konzernen zusammenschließt, in deren Ställen viele tausend Tiere gehalten werden. Diese Ställe sollen zwar abgeschirmt werden wie ein Hochsicherheitstrakt, doch das gelingt längst nicht immer.

27 Millionen Hausschweine in Intensivhaltung

Verhängnisvoll ist zudem das exportorientierte Wachstumsmodell von Bundesregierung und Deutschem Bauernverband. Bilder von Bergen getöteter Schweine prägten die Jahre 1996 und 1997, als die klassische Schweinepest bei uns ausbrach. Jetzt sind hierzulande noch viel mehr Tiere bedroht als damals. Auf 27 Millionen deutsche Hausschweine ist der Bestand angewachsen, nicht wenige unter Bedingungen, die den Tierschutzgesetzen Hohn sprechen. Eine milliardenschwere Industrie hat sich herausgebildet, um den Exportmarkt China zu bedienen.

Bricht die Seuche aus, werden die internationalen Kunden ein Importverbot verhängen. Ein Horrorszenario für eine Branche, die am Tropf des Exports hängt. Gewiss, es müssen alle Register gezogen werden, damit die Seuche nicht die belgische Region verlässt, in der die beiden infizierten Wildschweine gefunden wurden. Aber es ist auch höchste Zeit, die vorherrschende Schweinehaltung in Deutschland zu überdenken. Und mal zu fragen, ob Deutschland ausgerechnet beim Export von Fleisch über Tausende von Kilometern führend sein muss.

Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Jule Reimer, Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft des Deutschlandfunk, spezialisiert u. a. auf internationale Handels-, Rohstoff-, Agrar-, Energie- und Umweltpolitik. Studium der Volkswirtschaft und Portugiesisch an der Universität zu Köln, journalistische Ausbildung in der "Kölner Schule" und bei der Deutschen Welle. Kurzzeitkorrespondentenvertretung der ARD für das südliche Afrika. Neben der Leidenschaft für Globalisierungsthemen ein tiefe Zuneigung zur lusophonen Welt. Deshalb immer mal wieder Kommentare zu und Reportagen aus Brasilien, Angola, Mosambik.

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