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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDer größte Killer09.02.2020

Afrikas KrebsepidemieDer größte Killer

In Afrika steigt die Zahl der Krebsfälle. Meist werden sie zu spät entdeckt, weshalb Krebs auf dem Kontinent inzwischen mehr Todesopfer fordert als Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen. Das unterfinanzierte Gesundheitssystem ist auf die Herausforderung nicht vorbereitet.

Von Katharina Nickoleit

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Chemotherapie-Raum des KCMC-Hospitals. (Deutschlandradio / Christian Nusch)
Drei Krebszentren und sechs Bestrahlungsgeräte gibt es in Tansania für 57 Millionen Einwohner (Deutschlandradio / Christian Nusch)
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Die Krebsstation des KCMC-Hospitals in Moshi, Tansania.

"Wir haben die Ergebnisse vom MRT hier. Ich fange mal mit der guten Nachricht an. Der Tumor ist in einem frühen Stadium."

Während die Assistenzärztin übersetzt, schauen die Patientin, ihr Mann und die zwei Söhne Dr. Oliver Henke hoffnungsvoll an. Der Leberkrebs wäre heilbar. Aber das Problem ist, dass es kaum Spezialisten im Land gibt, die diese Operation machen können.

"Wäre es für Sie möglich, für die Behandlung nach Indien zu fahren?"

Krebs auf dem Vormarsch

Seit vielen Jahren berichte ich über das Thema Globale Gesundheit. Über Tuberkulose in Indien, HIV/Aids und Malaria in Afrika. Und über Gesundheitssysteme, die heillos unterfinanziert sind, sodass viele Kranke nicht versorgt werden können. In den letzten Jahren fiel bei den Recherchen immer öfter der Name einer Krankheit, die bislang nur mit Industrienationen in Verbindung gebracht wurde: Krebs. Tatsächlich sterben im globalen Süden inzwischen mehr Menschen an Krebs als an Tuberkulose, Aids und Malaria zusammen.

"Das, was wir im Moment hier erleben mit den Krebserkrankungen, das ist ungefähr so wie die Stimmung vor der großen HIV-Epidemie in den 80ern, Anfang der 90er. Ich denke, dass Krebs einfach das beherrschende Thema werden wird in Subsaharaafrika."

Patienten auf dem überfüllten Flur in der Station des KCMC-Hospitals in Tansania. (Deutschlandradio / Christian Nusch)Zu wenig Mittel für Vorsorge und Behandlung: KCMC-Hospital in Tansania (Deutschlandradio / Christian Nusch)

Der Onkologe Dr. Oliver Henke leitet die neu geschaffene Krebsstation des KCMC-Hospitals in Moshi. Vor zwei Jahren wurde er nach Tansania entsendet. Er soll das afrikanische Land in seinem Kampf gegen den Krebs unterstützen.

"Wenn wir über Krebs reden, reden wir über eine Vielzahl unterschiedlicher Erkrankungen. Das bedeutet, dass wir eben nicht ein, zwei Wundermedikamente haben, sondern wir brauchen eine ganze Palette an Medikamenten, wir brauchen eine ganze Palette an verschiedenen diagnostischen Verfahren und das macht es so komplex und so vielfältig."

Zu wenige Stationen und Bestrahlungsgeräte

Das tansanische Gesundheitssystem ist auf die Herausforderung nicht eingerichtet. Im ganzen Land gibt es für 57 Millionen Einwohner drei Krebszentren und sechs Bestrahlungsgeräte. Oliver Henke:

"Das ist, glaube ich, sehr typisch, insbesondere, wenn es um den Bereich sehr teurer Maschinen geht in der Medizin, dann ist einfach in Subsaharaafrika, wenn man dann noch Südafrika vielleicht raus nimmt, dann gibt es hier einfach nicht sehr viel. Da gibt es einige deutsche Großstädte, die mehr Geräte haben als der ganze Kontinent."

Palliativleiterin Anna Massawe und Oliver Henke. (Deutschlandradio / Christian Nusch)Palliativleiterin Anna Massawe organisiert die Pflege - notwendige Operationen können oft nicht durchgeführt werden (Deutschlandradio / Christian Nusch)

Hausbesuch bei einem Patienten, der an Speiseröhrenkrebs erkrankt ist. Die Palliativschwester Anna Maasawe kontrolliert die Magensonde und zeigt, wie die Wunde sauber gehalten wird.

"Als er sich im Krankenhaus vorstellte, konnte er kaum schlucken und er war furchtbar schwach. Er bekam den Rat, sich mit Hilfe einer Sonde mit Spezialnahrung zu versorgen, damit er zu Kräften kommt."

Er soll so weit stabilisiert werden, dass er nach Daressalam fahren kann. Nur dort, in der Hauptstadt, kann er behandelt werden.

"Es ist eine der Krebsarten, die durch Bestrahlung geheilt werden kann. Aber aus Unwissenheit haben sie sich lange nicht um die richtige Behandlung gekümmert."

Unwissenheit und Heiler

Flavio Kimaro liegt auf einer Pritsche in seiner angedunkelten Hütte. Auf einem kleinen Tisch stehen Medikamente und unter dem Bett pickt ein Huhn herum. Schon vor gut einem Jahr entdeckte er, dass mit seinem Hals etwas nicht stimmt. Er schien blockiert zu sein und Flavio musste sich ständig übergeben. Doch anstatt ins Hospital zu fahren, wandte er sich an einen traditionellen Heiler.

"Ich beschrieb ihm meine Symptome und er sagte, das sei Krebs. Er meinte, er habe die richtigen Medikamente dafür. Doch es wurde nicht besser. Also ging ich zum nächsten Heiler, der meinte, der andere sei einfach nicht so gut, aber er würde mir helfen können. Erst als auch der dritte Heiler mich nicht gesund machte, wandte ich mich ans Krankenhaus."

Warum er nicht gleich ins Krankenhaus ging? Die Heiler hätten einen raschen Erfolg versprochen und er habe das glauben wollen. Fast ein Jahr wertvoller Zeit verstrich, der Krebs wuchs und Flavio wurde immer schwächer. Nach zwei Monaten Ernährung durch die Magensonde kann er zwar wieder alleine auf die Toilette, aber er scheint nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen. Früher war er Handwerker auf dem Bau, ein kräftiger Mann, der recht gut verdiente.

"Meine Ersparnisse sind aufgebraucht. Die Bestrahlung ist kostenlos und dafür bin ich sehr dankbar. Aber ich weiß nicht, wie ich den Bus nach Daressalam bezahlen soll."

Zwölf Stunden wird die Fahrt dauern, eine Tortur für einen derart geschwächten Patienten. Doch es ist seine Chance – wenn die Warteliste des einzigen Bestrahlungszentrums in Tansania nicht zu lang ist für das kleine Zeitfenster, das noch verblieben ist.

"80 Prozent der Krebspatienten kommen erst ins Krankenhaus, wenn der Krebs schon weit fortgeschritten ist. Entweder, weil zunächst falsch diagnostiziert wurde oder weil sie zuerst zu traditionellen Heilern gegangen sind."

Einfluss von Umweltgiften und Pestiziden

Das Wartezimmer der Krebsstation des KCMC-Hospitals in Moshi ist voll besetzt. Der Onkologe Oliver Henke weiß schon vor Dienstbeginn, dass der Tag voller schlechter Nachrichten sein wird. Er und sein Team sind für den ganzen Norden Tansanias zuständig, der einzige Ansprechpartner für 15 Millionen Menschen. Manche müssen 600 Kilometer weit reisen, um hierher zu kommen – kein Wunder, dass zwei Drittel der Patienten erst ihr Glück in der traditionellen Medizin suchen. Oliver Henke:

"Das andere ist auch, dass sie häufig von Krankenhaus zu Krankenhaus geschickt werden, wo eben auch keine Krebsspezialisten sitzen und dann viele Fehldiagnosen zunächst gestellt werden. Und das kann dann schon mal die Überweisung zu uns bis zu zwölf Monate verzögern."

Die Palliativschwester Happines bei Flavio. (Deutschlandradio / Christian Nusch)Viele Patienten wie Flavio Kimaro kommen zu spät zur Behandlung ins Hospital (Deutschlandradio / Christian Nusch)

So wie fast alle anderen Länder in Subsaharaafrika hat auch Tansania nicht genügend Krebsspezialisten. Neben Oliver Henke gibt es in dem Krebszentrum nur einen einzigen weiteren Onkologen. Der tansanische Arzt ist gerade in den USA unterwegs, um Spenden für einen Bettentrakt zu sammeln – bislang können Patienten in dem Krebszentrum nur ambulant behandelt werden.

Die Medizin hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Die Heilungschancen für Krebspatienten steigen, doch auch die Zahl der Krebsdiagnosen wächst. Zwischen 2006 und 2016 um knapp 30 Prozent auf 17 Millionen weltweit. Zwei Drittel der Diagnosen entfallen auf Entwicklungsländer. Oliver Henke:

"Dass die Statistiken immer mehr Krebsfälle ausweisen, hat sicherlich auch damit zu tun, dass man überhaupt den Fokus darauf legt, und dass die Krebszahlen immer schon da waren, glaube ich schon. Man schaut jetzt einfach genauer hin, man dokumentiert sie und man kann sie einfach auch besser diagnostizieren."

Die Zahlen dürften mit jedem neuen Krebsspezialisten weiter steigen und das tatsächliche Ausmaß der Epidemie immer sichtbarer werden.

Ein Grund für die Zunahme der Krebsfälle ist die älter werdende Bevölkerung – es gibt einfach mehr Menschen, bei denen die Krankheit zuschlagen kann. Doch es hat sich noch mehr verändert: Viele Menschen bewegen sich weniger und ernähren sich anders. In einigen Jahren, sagt Oliver Henke, werde man in Afrika vermutlich mehr Darmkrebs sehen als heute. Auch Umweltgifte spielen eine Rolle. Rund um die berüchtigten Elektroschrottdeponien in Westafrika häufen sich die Fälle. Auch dort, wo sich Chemieindustrie ansiedelt. Das ist eher ein Problem in Indien. Afrika hingegen lebt hauptsächlich von der Landwirtschaft. Doch auch die hat sich verändert. Um den gemeinsamen Nenner von Patienten mit einer lymphatischen Leukämie zu finden, erfasste Oliver Henke von allen den Beruf.

"Und tatsächlich waren fast alle irgendwo im Agrikulturbereich beschäftigt. Allerdings muss man sagen, dass die meisten unserer Patienten Kleinbauern sind, und die benutzen halt alle Pestizide. Und das benutzen sie, indem sie das einfach sprühen, ohne Vorsichtsmaßnahmen, mit ihren Flipflops an und ich kann mir schon vorstellen, dass das einen Einfluss hat."

Schutzmaßnahmen werden nicht eingehalten

Entwicklungsländer sind auch für deutsche Pestizidhersteller lukrativ. Dabei sind mancherorts Produkte zugelassen, die in Europa längst vom Markt verschwunden sind. Die Pestizide seien sicher, wenn sie sachgemäß angewendet werden, argumentieren die Hersteller. Doch Kleinbauern sind oft gar nicht in der Lage, die Gebrauchsanweisungen und Warnhinweise zu lesen. Sie setzen die Gifte großzügig ein, ohne sich der Gefahren bewusst zu sein.

Im Nachbarland Kenia würde James Mbaria gerne eine Studie unter den Arbeitern der Gewächshäuser durchführen. Dort werden Rosen für den Export nach Europa angebaut.

"Die Eigentümer der Farmen erlauben das nicht, aber es ist bekannt, dass diejenigen, die dort arbeiten, eine Menge gesundheitlicher Probleme haben. Sie atmen die Pestizide ein und das wird mit Krebs und anderen Krankheiten in Verbindungen gebracht."

Eine Arbeiterin in einem Gewächshaus für Rosenzucht in der Region Naivasha in Kenia. (picture alliance / Zhang Chen)Gift mit Folgen? In Tansania und Kenia werden viele Pestizide eingesetzt, so auch auf Rosen-Farmen (picture alliance / Zhang Chen)

Es war nicht so einfach, in Ostafrika jemanden zu finden, der sich wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt. Bislang wird dazu wenig geforscht. James Mbaria ist Professor an der Universität von Nairobi und mit seinen viel beachteten Studien über Umweltgifte ein Pionier. Wenn in den Gewächshäusern wenigstens die einfachsten Schutzmaßnahmen getroffen würden, würde das schon helfen, meint er.

"Es gibt Schutzanzüge, die von allen getragen werden sollten, die dort arbeiten, wo Pestizide verwendet werden. Aber sie werden kaum zur Verfügung gestellt. Und die Arbeiter sind verzweifelte Menschen, billige Arbeitskräfte, die sonst nirgendwo Jobs finden und niemanden haben, der sich für sie einsetzt."

Mühsamer Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs

In Afrika sind Krebsarten, die durch Infektionen entstehen, sehr viel häufiger als bei uns. Es gibt Krebsarten, die mit HIV oder Malaria in Verbindung stehen – sie gehen in dem Maße zurück, wie die auslösenden Krankheiten durch Medikamente und Vorbeugung beherrschbarer werden. Andere lassen sich durch Impfungen in den Griff bekommen. Leberkrebs wird meistens durch eine Hepatitis ausgelöst. Dort, wo schon länger flächendeckend gegen Hepatitis geimpft wird, tritt er immer seltener auf. Ein ähnlicher Erfolg soll in Zukunft beim Gebärmutterhalskrebs gelingen.

Der 18. Oktober 2019 in der kenianischen Hafenstadt Mombasa. Über tausend Gäste hören respektvoll zu, als der Präsident von Kenia in der stehenden Hitze eines festlich geschmückten Zelts den offiziellen Start der HPV-Impfung verkündet. Ab sofort sollen alle zehnjährigen Mädchen Kenias gegen Humane Papillomviren, die den Gebärmutterhalskrebs auslösen, geimpft werden.

Gebärmutterhalskrebs ist eine der häufigsten Krebserkrankungen in Afrika. Alleine in Kenia sterben daran jedes Jahr eine halbe Million Frauen.

Das sind neun Frauen jeden Tag, so Dr. Rose Jalango vom kenianischen Gesundheitsministerium.

"Den Menschen ist sehr bewusst, dass es diese Krankheit gibt und was sie für die Familien bedeutet, emotional und finanziell, denn die meisten haben das selber in ihrem engeren Umfeld erlebt."

Milisent Kagonga gehört zu den wenigen Frauen in Kenia, die den Gebärmutterhalskrebs überstanden haben.

"Ich bin alleinerziehend und kämpfe so schon ums Überleben. Es war für mich nicht einfach, die Behandlung zu bezahlen. Ich habe drei Zyklen Chemotherapie bekommen, eigentlich sollten es sechs sein, aber das konnte ich mir nicht leisten. Und jetzt sind wir hier."

Es hat einen ganz bestimmten Grund, dass die 28-Jährige an diesem Tag beim offiziellen Start der Impfkampagne dabei ist: Sie lässt auf offener Bühne vor dem versammelten Publikum ihre zehnjährige Tochter impfen. Grace Mercy ist das erste Mädchen, das die HPV-Impfung erhält.

"Ich wollte nicht, dass meine Tochter das Leid erleben muss, das ich durchgemacht habe. Deshalb habe ich sie impfen lassen."

Impfung wird nicht durchgeführt - Angst vor Unfruchtbarkeit

Vor dem Festzelt haben sich rund 50 zehnjährige Mädchen in einer langen Reihe aufgestellt und die Ärmel ihrer Schuluniformen hochgerollt. Während die Kameras der aus der Hauptstadt angereisten Fotografen klicken, erhält ein Mädchen nach dem anderen öffentlichkeitswirksam ihre HPV-Impfung.

Zehnjährige Mädchen bei der Impfung. (Deutschlandradio / Christian Nusch)Eine Impfung schützt vor Gebärmutterhalskrebs - doch Angst vor Unfruchtbarkeit hält viele Familien davon ab (Deutschlandradio / Christian Nusch)

In den darauf folgenden Wochen wurde der Impfstoff an alle staatlichen Gesundheitsstationen in ganz Kenia verteilt. Ich habe zig Emails an das Gesundheitsministerium mit der Bitte geschrieben, mir die Durchführung der Impfung anschauen zu dürfen. Entweder kam keine Antwort oder ich wurde vertröstet. Läuft die Impfkampagne vielleicht doch nicht so gut?

Dieser Verdacht bestätigt sich im Baraka Medical Center in Nairobi. Die von der deutschen Organisation "German Doctors" betriebene Slumklinik kümmert sich um die gesundheitliche Versorgung einer halben Million Menschen in Mathare, dem größten Slum der kenianischen Hauptstadt. Obwohl die Ärzte auch hier jede Woche zwei bis drei Fälle von Gebärmutterhalskrebs diagnostizieren, hat Florence Wachira innerhalb eines Monats gerade mal ein Mädchen gegen HPV geimpft.

"Es ist ein neuer Impfstoff, über den die Eltern noch nichts wissen. Sie sind verunsichert und machen sich Gedanken, dass ihre Töchter unfruchtbar werden könnten. Das ist die große Angst."

Das Gerücht, dass Impfkampagnen in Wahrheit versteckte Sterilisationsprogramme seien, hält sich in Kenia hartnäckig und flammt mit jedem neu eingeführten Impfstoff neu auf. Tatsächlich hat es einen wahren Ursprung – in Peru wurden in den 90er-Jahren unter dem Deckmantel der Gesundheitsversorgung 350.000 indigene Frauen ohne ihr Wissen unfruchtbar gemacht. Darauf werde ich von Gesprächspartnern, die der HPV-Impfung skeptisch gegenüber stehen, immer wieder hingewiesen.

"Es ist schwierig, jemanden zu überzeugen, der sicher ist, dass es sich um etwas Schädliches handelt. Die Menschen müssen verstehen, dass die Impfung ihre Töchter schützt. Dazu brauchen wir Aufklärungskampagnen."

Medikamente oft zu teuer für die Patienten

Solche Kampagnen sind schnell teurer als die eigentliche Impfung. Die ist für alle zehnjährigen Mädchen in Kenia umsonst. Den kenianischen Staat kostet jede Dosis rund vier Euro. Ein Bruchteil von dem, was in Deutschland für das Serum verlangt wird. Rose Jalango :

"Wir haben es GAVI zu verdanken, dass wir das Serum zu diesem Preis bekommen und so die Impfung überhaupt finanzieren können. Sie unterstützen Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen bei der Einführung neuer Impfstoffe."

Die Globale Impfallianz unterstützt dabei Länder wie Kenia nicht nur direkt finanziell, sondern verhandelt auch lang und hart mit den Herstellern der Impfstoffe darum, die Preise so weit zu senken, dass die Seren auch für Entwicklungsländer bezahlbar werden. Für Medikamente gegen Krebs ist das noch nicht gelungen.

"Der Zugang zu qualitativ hochwertigen Medikamenten ist ein großes Problem. Damit meine ich auch die Bezahlbarkeit. Die Medikamente, die im Westen produziert werden, sind sehr teuer. Die meisten Patienten können sich die nicht leisten."

Mirfin Mpundu ist der Direktor von Ecumenical Pharmaceutical Network. Die afrikanische Organisation mit Sitz in Nairobi setzt sich für eine gerechte medikamentöse Versorgung aller Patienten ein. Es gibt kaum Präparate, die in Afrika hergestellt werden, der Kontinent ist abhängig von Importen. Viele günstige Medikamente kommen aus Indien, wo seit Jahrzehnten Generika hergestellt werden. Doch inzwischen hat Indien Handelsverträge unterschrieben, in denen sich das Land verpflichtet, westliche Patente zu respektieren. Mirfin Mpundu:

"Wenn diese neuen Entwicklungen für afrikanische Patienten nicht verfügbar sind, dann führt das bei uns zu einem Desaster. Es ist eine Schande für die internationale Gemeinschaft, das zuzulassen. Medikamente müssen für die verfügbar sein, die sie brauchen."

Krankenkassen mit Finanzierungsproblemen

Westliche Pharmakonzerne stellen durchaus wichtige Medikamente zu subventionierten Preisen für afrikanische Patienten zur Verfügung. Doch Mirfin Mpundu reicht das nicht.

"Die meisten dieser Programme sind auf fünf Jahre angelegt. In dieser Zeit kosten die Medikamente weniger als einen Dollar. Das ist Teil der sozialen Verantwortungsprogramme der Unternehmen. Aber was passiert, wenn die fünf Jahre vorbei sind? Wir brauchen eine nachhaltige Lösung. Diese Programme helfen kurzfristig. Aber nicht auf lange Sicht."

Auch die Patienten der Krebsstation des KCMC-Hospitals in Moshi, Tansania, haben längst nicht zu allen Medikamenten Zugang, die auf dem Markt sind. Für die meisten sind nur klassische Chemotherapeutika ohne Patentschutz verfügbar. Oliver Henke:

"Gerade, wenn wir Antikörper benutzen, da sind die Medikamentenkosten bei 800, 900 Euro pro Gabe und wenn wir dann sechs bis acht Gaben geben müssen, dann ist das für viele natürlich nicht erschwinglich."

Beschreibt der Onkologe Oliver Henke das Dilemma, in dem er regelmäßig steckt. Bislang konnten immerhin die gerade einmal sieben Prozent der Tansanier, die eine Krankenversicherung haben, auch mit den neuesten Medikamenten behandelt werden.

"Die Krankenkassen haben momentan damit Finanzierungsprobleme, gerade mit den sehr teuren Medikamenten, und da wird es sicherlich in Zukunft auch noch einige Veränderungen geben, ob tatsächlich Krebsbehandlungen übernommen werden können oder nicht."

Nicht genug Vorsorgeuntersuchungen

Natürlich schmerzt es den Arzt, wenn er Patienten nicht mit der bestmöglichen Medizin versorgen kann. Doch noch gravierender ist, dass es für Vorsorge und eine rechtzeitige Diagnose an einem flächendeckenden Netz von Ärzten fehlt. Vielerorts wurde diese Basisversorgung in den vergangenen Jahrzenten sogar noch abgebaut. Damit sie ihre Schulden bedienen können, zwang die Weltbank mehrere Länder in Afrika, Gesundheitsstationen zu schließen.

Manche Diagnoseverfahren sind sehr aufwendig. Eine Darmspiegelung etwa, dafür ist teures Equipment nötig. Andere Vorsorgeuntersuchungen sind weitaus einfacher.

Am Fuße des Mount Meru findet in einer kleinen Gesundheitsstation ein Prevacamp statt. Preva steht für "Prevention and Awareness", "Vorsorge und Bewusstsein". Es ist laut und voll. Unter weißen Schattenzelten sitzen auf Bänken und Plastikstühlen über hundert Menschen. Während sie darauf warten, ihre Vorsorgeuntersuchung zu bekommen, hören sie den Vorträgen zu, die unablässig über Lautsprecher gehalten werden.

"Die Leute wissen sehr wenig über Krebs. Da ist eine große Lücke, wie wir festgestellt haben. Wenn wir aber anfangen, mit den Leuten zu reden über diese Krankheit, dann wissen sie immer, wer auch an Krebs erkrankt ist, oder sie kennen jemanden in ihrer Region, aus der Familie. Und da kommt dann so ein Gefühl auf ‚Ich möchte mehr erfahren‘."

Lernen, den Tumor an der Brust zu ertasten

Antje Henke ist die Initiatorin dieser Kampagne. Von Haus aus ist sie Eventmanagerin – sie hat viel Erfahrung mit Großveranstaltungen und gibt dieses Wissen an die lokalen Mitarbeiter weiter. Bei der Aids-Aufklärung in den 90er-Jahren hatten solche Aufklärungskampagnen großen Erfolg. Doch in Punkto Krebs gibt es sie bislang kaum.

Überall auf dem Gelände sind Stände aufgebaut. An Brustmodellen aus Silikon prüfen Frauen, ob sie die darin versteckten Tumore ertasten können. Ein von Albinismus betroffener Mitarbeiter klärt über Hautkrebs auf.

Die Organisatorin Antje Henke bei Prevacamp. (Deutschlandradio / Christian Nusch)Zeitige Vorsorge kann Leben retten - dieses Bewusstsein versucht Antje Henke zu vermitteln (Deutschlandradio / Christian Nusch)

In einem abgeschlossenen Raum hören sich dicht gedrängt 40 Männer einen Vortrag über Prostatakrebs an, während hinter Paravents Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt werden. Einen Raum weiter können Frauen ihre Brust abtasten lassen.

Gleichzeitig werden die Frauen auch auf Gebärmutterhalskrebs untersucht. Das Verfahren dafür ist ebenso einfach wie kostengünstig: Der Gebärmutterhals wird mit sterilem Essig eingesprüht. Sollten sich dort entartete Zellen befinden, dann färben sich diese nach etwa einer Minute weiß. Eine Methode, die zuverlässig funktioniert und in Indien entwickelt wurde. Die Krebsvorstufe wird noch vor Ort mit der Kryotherapie behandelt. Antje Henke:

"Das ist eine Vereisung von bösartigen Krebszellen, die zerstört werden dadurch und die Patienten in dem Fall für die nächsten zehn Jahre geheilt sind."

Im ländlichen Raum findet das Prevacamp-Team bei rund sechs Prozent der Frauen Krebsvorstufen. Es sind alles Frauen, die den weiten Weg ins Krankenhaus wohl erst auf sich genommen hätten, wenn es schon zu spät gewesen wäre. Vor dem Untersuchungsraum hat sich eine lange Schlange von Frauen gebildet, die auf ihr Screening warten. Ragina:

"Ich habe Schmerzen im Unterleib. Ich weiß nicht, was es ist. Vielleicht ist das dieser Krebs? Es ist gut, dass ich das endlich untersuchen lassen kann. Ich hab zwar Angst, aber ich bin froh, dass ich eine Antwort bekomme."

Ärzten fehlt die fachliche Weiterbildung

Die junge Frau hat das Grundstudium der Medizin abgeschlossen und absolviert ihr praktisches Jahr auf der Krebsstation in Moshi.

"In meiner medizinischen Ausbildung kam ich kaum mit Onkologie in Berührung. Das ganze Feld ist sehr neu. Ich brauche einen Experten, von dem ich lernen kann. Indem ich für Oliver übersetze, kann ich mir sehr viel über den Umgang mit Krebspatienten abschauen und Erfahrungen sammeln."

Wie beurteilt man Zellveränderungen? Wie analysiert man ein Blutbild? Das sind Fertigkeiten, die angehende Onkologen in Tansania nur von sehr wenigen Experten erlernen können.

Lilian Mbaga und Oliver Henke in der Sprechstunde mit einer Patientin. (Deutschlandradio / Christian Nusch)Weiterbildung zur Fachärztin: Lilian Mbaga und Oliver Henke in der Sprechstunde (Deutschlandradio / Christian Nusch)

"Die meisten Ärzte fordern zwar ein großes Blutbild an, aber sie haben Schwierigkeiten damit, es auszuwerten. Ich bin stolz darauf, dass ich gelernt habe, aus einem Blutbild herauszulesen, was einem Patienten fehlt."

Lilian Mbaga ist schon die zweite Assistenzärztin, die bei Oliver Henke viel über Krebs gelernt hat. In ein paar Monaten wird auch sie die Station verlassen um in der Hauptstadt ihre Facharztausbildung zu machen.

"Wenn die dann zurück sind in drei Jahren, haben wir hier einen guten Stamm an lokalen Fachkräften und dann ist vielleicht auch unsere Hilfe hier nicht mehr so vonnöten."

Tumor-OP nur in Daressalam - oder Indien

Zurück in der Sprechstunde mit der Leberkrebspatientin. Um sie zu heilen, muss ein Teil ihrer Leber entfernt werden. In Moshi kann das nicht gemacht werden. Oliver Henke greift zum Telefon, um in einem anderen Krankenhaus nachzufragen.

"Könnt Ihr eine Leberteilresektion durchführen? - Ihr habt die Ausrüstung nicht. Weißt Du, ob das Krankenhaus in Daressalam das machen kann?"

"Wenn die sich das leisten können, ist Indien immer die Alternative. Die meisten können sich das nicht leisten und ganz häufig ist es dann eben keine Alternative, sondern ein potenziell heilbarer Tumor wird dann halt mit der Zeit zu einem nicht heilbaren Tumor."

Die Lebekrebspatientin hat nicht das Geld, um ihr Leben in Indien retten zu lassen. Oliver Henke empfiehlt ihr, es in der Hauptstadt wenigstens zu versuchen.

"Wenn eine Operation nicht möglich ist, können Sie jederzeit zu uns zurückkommen und wir werden Sie mit Chemotherapie behandeln. Aber damit werden wir den Tumor nicht los. Wir können ihn reduzieren und die Lebenszeit verlängern, aber es wird ohne Operation keine Heilung geben. "

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