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StartseiteForschung aktuellTyphus - Die Slum-Krankheit04.08.2014

Afrikas vergessene KrankheitenTyphus - Die Slum-Krankheit

Typhus-Bakterien werden über verunreinigte Lebensmittel und Wasser übertragen. Deswegen sind vor allem Menschen in Entwicklungsländern betroffen - insbesondere dort, wo Wasser mit Fäkalien verschmutzt ist und es zum Waschen oder gar zum Kochen genutzt wird. Zwar gibt es Impfungen, aber in manchen Ländern werden diese nicht flächendeckend durchgeführt. Teil 1 unserer Serie über Afrikas vergessene Krankheiten.

Von Franziska Badenschier

(Franziska Badenschier)
Kibera, der größte Slum Nairobis: Waschstelle direkt neben einem öffentlichen Toilettenhaus - ein Hotspot für Typhus (Franziska Badenschier)

"Wir stehen hier am Rand einer Grenze zwischen einem relativ sicheren Gebiet und einem Hotspot. Hier ist eine Art Klippe. Und all die Haushalte vor uns liegen tiefer als die links von uns, im Osten."

Eric Ng'eno steht mitten in Kibera, dem größten Slum der kenianischen Hauptstadt Nairobi: Der Hang eines Hügels ist voller kleiner Holzverschläge und Hütten; Ng'eno blickt auf zwei, drei Quadratkilometer aus Wellblechdächern, bis hinunter zu einem Fluss. 200.000 bis eine Million Menschen leben wohl in Kibera, je nach Hochrechnung. Eric Ng'eno wohnt aber nicht hier, sondern er arbeitet hier: Der junge Mann ist Biotechnologe und erforscht, wie sich Krankheiten in dem Slum ausbreiten.

"Dieser Platz hier ist ein Hotspot, weil: Alles, was von oben angeschwemmt kommt, sammelt sich hier und fließt dann in den Fluss. Der wird dann verunreinigt. Vor allem Kindern bekommen dort dann Infektionskrankheiten."

Zum Beispiel Typhus. Das Bakterium Salmonella typhi wird über dreckiges Wasser oder verunreinigte Lebensmittel übertragen. Wer sich ansteckt, der bekommt nach ein bis drei Wochen Fieber, Bauchschmerzen, Verstopfung; das Herz schlägt langsamer. Später kommt es zu Durchfall. Bei jedem zehnten Infizierten gibt es Magenblutungen oder der Darm bricht durch.

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass jedes Jahr rund 17 Millionen Menschen am typhoiden Fieber erkranken und etwa jeder Zwölfte von ihnen stirbt. Andere Experten schätzen, dass 22 Millionen Menschen infiziert sind und dass jeder 100. von ihnen stirbt.

Verwechslung mit Malaria

Die Zahlen gehen unter anderem deswegen auseinander, weil die Krankheit oft mit anderen Fieber-Erkrankungen verwechselt wird. Wer Fieber hat, der habe Malaria; Typhus komme doch eh nur in Asien vor - das glauben viele Afrikaner. Aber das stimmt nicht, sagt Eric Ng'eno:

"Die höchste Zahl an Neuinfektionen gibt es Asien: jedes Jahr etwas über 100 Fälle je 100.000 Menschen. Aber hier in Kibera sind 247 je 100.000."

(Franziska Badenschier)Kibera: Blick auf den "Fußweg" zwischen den Hütten und Häusern, der zugleich Abwasserkanal und Weg für Wasserschläuche ist. (Franziska Badenschier)

In Slums in Indien und in Pakistan haben Wissenschaftler noch höhere Infektionsraten gemessen. Typhus hat eben nichts mit einem Kontinent oder mit einer Klimazone zu tun - sondern mit Hygiene. Typhus kommt vor allem in Entwicklungsländern vor, und dort vor allem da, wo Menschen auf engem Raum zusammenleben. Wie hier, im Slum Kibera. Und selbst hier gibt es besonders gefährliche Ecken, hat Eric Ng'eno erkannt. Er läuft durch eines der Viertel des Slums, bis er bei einem kleinen Krankenhaus ankommt, das die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC errichtet hat. Dort zeigt Ng'eno auf seinen Computerbildschirm. Darauf ist eine Höhenkarte von diesem Slum-Viertel zu sehen.

"Das ist unser Untersuchungsgebiet. Die dunkleren Gebiete entsprechen den tiefsten Gegenden. Die blauen Punkte sind die Vergleichspersonen und die roten Punkte sind die Typhus-Patienten. Da sieht man, dass mehr Kranke am tiefsten Punkt des Untersuchungsgebiets leben."

Seit fünf Jahren erforscht der Biotechnologe, wo in dem Slum Typhus-Fälle auftreten und warum.

"Unsere Schlussfolgerung ist: Es gibt nicht nur den klassischen Übertragungsweg direkt von Mensch zu Mensch über verunreinigtes Essen und Trinken. Sondern auch die Landschaft ist wichtig: Menschen in niedrigeren Wohngebieten sind eher in Gefahr als jene weiter oben am Hang."

Diese Erkenntnis dürfte auch für andere Slums gelten, die - wie Kibera - an einen Hang gebaut sind und wo die Abwasserrinnen und Trampelpfade eigentlich ein- und dasselbe sind.

"Wenn man die Kanalisation oben am Hang verbessert, dann fließt nicht mehr alles nach hier unten. Und das wäre gut für das gesamte Gebiet."

Doch selbst dann bleibt noch ein anderes Problem: Typhus lässt sich nicht so leicht diagnostizieren. Am besten weist man die Typhus-Bakterien im Blut von einem Knochenmark-Ausstrich nach. Dazu muss man dem Patienten den Beckenkamm punktieren - aber in einem Slum und auch in abgelegenen Gebieten ist das schwierig: Oft fehlt es an Fachpersonal, einem sauberen Raum und einem richtigen Labor. Zumindest in einem Teil von Kibera ist das nicht so: nämlich in dem Viertel, wo die Klinik der US-Gesundheitsbehörde steht und Ärzte wie Kevin Maina arbeiten.

"Die einzige Möglichkeit, Typhus richtig zu diagnostizieren, ist eine Blutkultur. Und nichts anderes machen wir hier."

120 Jahre alter Test bringt falsche Ergebnisse

Wann immer jemand mit Fieber kommt, denkt Maina nicht nur an Malaria oder Lungenentzündung, sondern auch an Typhus. Dann nimmt er den Patienten Blut ab und schickt es in das Labor, das die US-Gesundheitsbehörde ebenfalls gebaut hat, am Rande des Slums.

In anderen Teilen Kiberas und des Kontinents fehlt solch eine Infrastruktur. Dort wird dann ein Test genutzt, der 1896 von dem französischen Pathologen Fernand Widal entwickelt wurde: Für diesen Test braucht man nur etwas Blutserum, Kochsalzlösung und abgetötete Typhus-Bakterien. Allerdings: Etwa jeder dritte wirklich Typhus-Kranke wird nicht entdeckt, und jeder vierte Gesunde bekommt fälschlicherweise eine Typhus-Diagnose. Mittlerweile entwickeln Wissenschaftler Schnelltests. Aber Studien in Asien und Afrika haben ergeben: Die Schnelltests sind auch nicht präziser als der rund 120 Jahre alte Widal-Test. Der Labortest mit Blutkulturen sei weiterhin das Maß der Dinge, sagt der Arzt Maina - aber dafür fehlte in Kenia und anderen Ländern das Geld.

"We know where we want to be but we do not have the finances and the resources to do that unfortunately."

 

Medizin in Entwicklungsländern - Themenwoche: Afrikas vergessene Krankheiten

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