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StartseiteSport AktuellReitsport stellt Betrieb weitestgehend ein05.03.2021

Aggressives Herpes-VirusReitsport stellt Betrieb weitestgehend ein

Bei einer Turnierserie in Valencia ist ein aggressives Herpes-Virus ausgebrochen, das inzwischen schon auf mehreren Kontinenten festgestellt wurde. Ähnlich wie beim Coronavirus versucht der Pferdesport nun durch radikale Maßnahmen, die rasche Verbreitung des Virus in den Griff zu bekommen.

Von Raphael Späth

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Ein Pferd wird in Valencia auf das aggressive Herpes-Virus getestet. (IMAGO / Belga)
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Die Aufnahmen schockieren: Pferde, die einfach zusammen sinken und teilweise mit Kränen wieder aufgehoben werden. Der Grund: Die Pferde haben sich bei einem Turnier in Valencia mit einem Herpes-Virus infiziert. Weil der Ausbruch erst spät festgestellt wurde, haben mehrere infizierte Pferde das Virus inzwischen auf mehrere Kontinente verteilt. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.

Um welches Herpes-Virus handelt es sich genau?

Es handelt sich um das Herpes-Virus EHV-1, das zuerst bei einem Reitturnier in Valencia im Februar entdeckt wurde. Herpes-Viren sind vor allem zu dieser Jahreszeit bei Pferden keine Seltenheit.

Bei der Turnierserie in Valencia, bei der über 700 Pferde aus aller Welt vor Ort waren, wurde aber eine besonders aggressive Variante des Herpes-Virus festgestellt. Eine deutsche Tierärztin, die vor Ort ist, berichtet, dass es 100 Pferde mit Symptomen gab. Weitere 50 seien positiv getestet worden, hätten aber keine Symptome.

Eine Situation, die Springreit-Bundestrainer Otto Becker so auch noch nicht erlebt hat, wie er dem NDR berichtet. "Ich glaube nicht, dass es so etwas schon einmal gab. Und die Stimmen, die man hört, und die Bilder, die man aus Valencia sieht, sind ganz schrecklich. Und nach wie vor sind dort viele Tierärzte vor Ort, viele Pferde, die betreut werden und Hilfe benötigen. Das ist schon eine Extremsituation, die ich so auch nicht kannte."

Dazu kommt noch, dass die Organisatoren in Valencia überhaupt nicht auf so einen Ausbruch vorbereitet waren. Reiter berichteten von chaotischen Zuständen, weil nicht genügend Boxen zur Verfügung standen, um die Pferde zu isolieren. Zudem gab es nicht genug Personal.

Wie gefährlich ist das Virus für Pferde?

Nach aktuellen Informationen sind bisher (5.3.) sieben Pferde an dem Virus gestorben, fünf davon aus Deutschland. Das Problem: Viele der Pferde, die im Februar in Valencia waren, sind schon vorzeitig abgereist. Sprich: Es besteht die Gefahr, dass dieses Herpes-Virus jetzt, ähnlich wie das Coronavirus vor einem Jahr, zur Pferde-Pandemie ausartet.

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Auch bei Turnieren in Doha und in den USA wurden schon Fälle registriert. Die Langzeitfolgen einer Infektion sind noch nicht ausreichend erforscht.

Viele Pferde genesen wieder vollständig, aber es gibt auch eigentlich asymptomatisch Fälle, bei denen das Nervensystem erkrankt. Das kann dazu führen, dass diese Pferde nicht mehr bei Turnieren eingesetzt werden können. Immerhin: Bei Menschen verursacht das Virus keine Krankheiten.

Wie versucht man, die Ausbreitung dieses Virus einzudämmen?

Durch ähnliche Maßnahmen, die man auch schon beim Coronavirus getroffen hat. Die Pferde, die momentan noch in Valencia sind, bleiben dort erst einmal in Quarantäne, bevor sie dann wieder in ihre Heimatgebiete zurückreisen dürfen. Auch in anderen Orten werden infizierte Pferde nun isoliert, wie zum Beispiel in Jerez, wo eine Turnierserie nach einem Verdachtsfall abgebrochen wird.

In zehn Ländern, dazu gehört auch Deutschland, wurden darüberhinaus alle Turniere bis Ende März abgesagt und verschoben. Deshalb machen viele Reiterhöfe jetzt erst einmal die Schotten dicht, der Bundesstützpunkt in Warendorf lässt aus Vorsicht keine externen Pferde mehr anreisen. Zudem hat der Dachverband "Deutscher Galopp" angekündigt, dass ab sofort nur noch geimpfte Tiere an Wettkämpfen teilnehmen dürfen.

Wie wirksam ist ein Impfstoff gegen Herpes bei Pferden?

Das lässt sich nicht genau sagen. Eigentlich wirkt der Impfstoff nur, wenn wirklich alle Pferde geimpft sind. Sprich: Ein Pferd alleine wird durch den Impfstoff nicht ausreichend geschützt. In Valencia sind zum Beispiel auch Pferde am Virus gestorben, die schon geimpft waren.

Deshalb fordern jetzt viele Expert*innen, dass eine Impfpflicht für Pferde eingeführt wird. Bisher ist es jedem Besitzer selbst überlassen, wann und ob seine Pferde geimpft werden. Es gibt Besitzer, die ihre Pferde seit über 30 Jahren regelmäßig impfen lassen, wie Paul Schockemöhle, der im NDR auch ganz deutlich für eine Impfpflicht plädiert.

"Die Gefahr ist relativ groß. Es gibt keine Impfpflicht bei Herpes, was von unseren Behörden schon seit unzähligen Jahren verschlafen wurde. Und auch die einzelnen Pferdezüchter und -halter sind da nicht genug aufgeklärt. Die Behörden haben Herpes ignoriert, und das ist eigentlich unverzeihlich."

Viele Tierärzte, die momentan in Valencia vor Ort sind, sehen das ähnlich. Ein weiteres Problem, zumindest hier in Deutschland: Momentan besteht noch keine Anzeige- oder Meldepflicht. Die könnte aber bald eingeführt werden, wenn das Virus sich so rasant weiterverbreitet wie bisher.

Welche Folgen hat der Ausbruch in Hinblick auf die Olympischen Spiele?

Das Virus hat natürlich auch unmittelbare Folgen für die Spitze im Reitsport. In fünf Monaten sollen die Olympischen Spiele in Tokio starten, für die Pferde und Reiter*innen fehlt jetzt mindestens ein ganzer Monat an Vorbereitungszeit. Zumal die Wettbewerbe in Spanien eigentlich dazu genutzt werden sollten, um zu testen, welche Pferde denn wettbewerbsfähig und in Form sind. Dieser Prozess wird durch das Virus jetzt noch weiter eingeschränkt.

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