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StartseiteForschung aktuellWie das HIV wirklich nach New York kam27.10.2016

AidsWie das HIV wirklich nach New York kam

US-Forscher haben jetzt ein AIDS-Opfer rehabilitiert, das lange Jahre als der Mann galt, der für die ersten Infektionen in die USA verantwortlich war. Denn als er 1982 behandelt wurde, kursierte das Virus schon lange in den USA. Jetzt wird klar, wie und wann das Virus in die USA kam.

Von Martin Winkelheide

Das HI-Virus in einer Darstellung (imago stock&people)
Das HI-Virus in einer Darstellung (imago stock&people)

Gaetan Dugas war Flugbegleiter bei "Air Canada". Bekannt wurde er als "Patient 0". Als der Mann, der angeblich als Erster das AIDS-Virus in den USA verbreitet hat. Diese Rolle hat Dugas nie gespielt, sagt Richard McKay von der Universität Cambridge in Massachusetts. Denn er war einer von Tausenden, die sich mit dem Virus angesteckt haben, bevor HIV und AIDS überhaupt bekannt waren.

Gaetan Dugas taucht in einer Studie der US-Gesundheitsbehörden aus dem Jahr 1982 auf – als Patient 57. Die CDC-Forscher versuchten in der Studie, die frühen Krankheitsfälle in Beziehung zueinander zu setzen – so etwas wie ein soziales und sexuelles Netzwerk zu erstellen. Patient 57 ist der Einzige, der nicht in Kalifornien lebt. Die Forscher bezeichnen ihn daher auch als "Patient O" – der Buchstabe O steht für "Outside of California". Aus dem Buchstaben O wird in Medienberichten schnell die Zahl "0". Und Dugas zum "Patienten 0".

Aus acht Viren das komplette Erbgut rekonstruiert

"Patient 57, der auch Patient O genannt worden ist, war aber eben niemals Patient 0 der Nordamerikanischen Epidemie."

Das belegten auch die aktuellen genetischen Analysen des Virus, mit dem sich Dugas angesteckt hatte, betont Richard McKay.

Wer der eigentliche "Patient 0" in den USA war, das lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Wann aber das AIDS-Virus nach Nordamerika gelangte, das lässt sich mit großer Sicherheit sagen.

Michael Woroby von der Universität von Arizona hat mehr als zwei Tausend Blutproben aus New York und San Francisco analysiert. Sie stammen aus den späten 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts. In acht Blutproben fand er Erbgut-Fragmente des AIDS-Virus in ausreichender Menge. So konnte er mithilfe einer sehr aufwendigen Methode von acht Viren das komplette Erbgut rekonstruieren.    

AIDS-Virus erreichte um 1976 San Francisco 

"Die Virus-Proben weisen ein großes Maß an genetischer Varianz auf. Die genetische Vielfalt ist so groß, dass wir sicher davon ausgehen können, dass das AIDS-Virus schon viele Jahre in den USA zirkulierte, bevor HIV und AIDS überhaupt zur Kenntnis genommen wurden."

Die Forscher haben einen Stammbaum der Virus-Varianten erstellt und so die frühe Geschichte der AIDS-Epidemie rekonstruiert. Demnach ist das AIDS-Virus um 1967 von Afrika aus in die Karibik gelangt. Und von dort kam es um 1970 nach New York. Auf welchem Weg, das ist unklar, sagt Michael Woroby.

"Das Virus könnte von irgendeinem Menschen jedweder Nationalität nach New York gebracht worden sein. Oder über Blutprodukte. Viele Blutprodukte, die als Medikamente in den USA in den 70er-Jahren genutzt wurden, kamen aus Haiti."

In New York hat sich das Virus offenbar schnell verbreitet. Auch in andere Regionen der USA. Die genetischen Analysen der Virusproben deuten darauf hin, dass das AIDS-Virus um 1976 San Francisco erreichte. Die Forscher gehen davon aus, dass in der Frühzeit der Epidemie die Zahl der Infizierten in den USA sich etwa alle zehn Monate verdoppelte. Als AIDS im Sommer 1981 als neue Krankheit erkannt wurde, waren bereits einige Tausend Menschen infiziert.

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