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StartseiteKultur heuteWahrheiten über unsere Weltbilder19.01.2020

Akademie der Wissenschaften in BerlinWahrheiten über unsere Weltbilder

Was ist Leben? Welche Rolle spielt der Mensch? Und können Computer irgendwann unsere grundlegenden Fragen beantworten? Über ihre Weltbilder haben Wissenschaftler, Künstler und Soziologen bei einer Nacht der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften diskutiert.

Von Cornelius Wüllenkemper

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Sonnenaufgang über der Erde (imago/Science Photo Library)
Außenansichten der Erde, wie sie der Astronaut Thomas Reiter beim Salon Sophie Charlotte der Akademie der Wissenschaften vorstellte (imago/Science Photo Library)
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"Ich stelle fest: Alles, was mir an dieser Welt nicht gefällt, gehört zur Postmoderne, in der die Oberfläche wichtiger wird als die innere Struktur, in der die Rationalität der Beliebtheit weicht, in der die Pluralität der Wahrheiten die Suche nach der Wahrheit ersetzt."

Mit seinem Bekenntnis unterwanderte der Chemiker Joachim Sauer, Ehemann von Bundeskanzlerin Angela Merkel, den Titel der Veranstaltung. Denn im Salon Sophie Charlotte ging es ja gerade um den Plural - um Wahrheiten, eben um "Weltbilder".

In einem der zahlreichen Panels stellten Fachexperten anhand eines ikonographischen Bildes die jeweilige Wahrheit ihrer Disziplin vor. Während Kunsthistoriker Horst Bredekamp am Foto von einem schwarzen Loch die "Perzeption des Unsichtbaren" und die "Konstruktion der Welt" veranschaulichte, beschäftigte sich die Soziologin Jutta Allmendinger damit, was eine Parkbank über den Zustand unserer Welt aussagt.

Was Parkbänke über die Gesellschaft sagen

"Wer sitzt auf der Bank? Und insbesondere, wer sitzt denn neben einem auf der Bank? Neben wen würde man sich selbst setzen? Wer würde sich neben einen setzen? Die Bank zeigt insofern die Wahrscheinlichkeit der Überschneidung sozialer Kreise. Letztlich ist die Bank aber auch ein Zeichen von sozialer Macht: Wem gehört der Raum? Wer hat überhaupt entschieden, dass diese Bank hier her darf? Wer entscheidet, wer auf dieser Bank wie lange sitzen darf? Wer entscheidet, mit welcher Haltung man auf dieser Bank sitzen darf, wie lange, zu welchen Uhrzeiten?"

Die Parkbank als Fieberthermometer unserer Demokratie – wer hätte das gedacht?

Die Vielfalt der Theorien über und Deutungen von Welt war höchst erhellend, zuweilen gar berauschend. Über den Zusammenhang zwischen Herkunft und Weltbildern diskutierte der Schriftsteller Saša Stanišić. Der Astronaut Thomas Reiter stellte Außenansichten der Erde vor, während die Künstlerin Louisa Clement ihre Arbeiten über das Verhältnis von Körper und Maschine und die Grenzen des Menschseins präsentierte. Wie die künstliche Intelligenz die Literatur verändert, untersuchte Sandra Richter, Direktorin des Marbacher Literaturarchivs.

Algorithmen als Autoren der Zukunft

"Dem Problem der künstlichen Intelligenz - oder der Chance, je nach dem, ich sehe es eher auf der kritischen Seite - widmen wir uns natürlich im Augenblick eher explorativ in unseren Museen und erkunden, was denn die Programme so bieten und ob die Algorithmen, die dahinterliegen, tatsächlich die Autoren der Zukunft sein werden. Das ist eine offene Frage. Sind Algorithmen etwa schon poetisch, oder nicht?"

Dahinter steht letztlich die Frage: Was ist Leben? Antworten darauf diskutierten zwei Weltraumforscher mit der Schweizer Religionsphilosophin Daria Pezzoli-Olgiati. Sie war davon überzeugt...

"... dass eigentlich die Frage nach dem extraterrestrischen Leben, obwohl sie selbstverständlich auf ganz moderne Wissenschaftsbilder gründet, kulturgeschichtlich eine alte Frage ist. Die religiöse Tradition war eine sehr starke Inspirationsquelle für die ersten Science Fiction Werke. Auch dort werden grundlegende religiöse Fragen behandelt: Was ist das Böse? Wer wird am Schluss siegen? Das Gute oder das Böse? Was ist das Leben? Was ist der Tod? Was passiert nach dem Tod? Gibt es ein Leben nach dem Tod?"

Ob man gegenwärtig mittels massenhafter Datenerhebung Antworten auf diese Fragen finden und die Welt heute besser vermessen kann, ist fraglich. Dass Weltbilder oft mehr durch Interpretation und auch Vorstellungswelten geprägt sind als durch vermeintlich objektive Erkenntnisse, war eine von vielen Wahrheiten, die man gegen Mitternacht vom Salon Sophie Charlotte mit nach Hause nehmen konnte.

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