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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Problem der Geisteshaltung04.03.2019

AKKs Gag zum dritten Geschlecht Ein Problem der Geisteshaltung

Nach ihrem Witz auf Kosten von Intersexuellen wächst die Kritik an der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Das eigentliche Problem ist nicht der schlechte Witz, meint Stefan Römermann, sondern die Geisteshaltung dahinter.

Von Stefan Römermann

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Die Bundesvorsitzende der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer, steht vor dem Narrengericht und hält einen Plastikknochen in der Hand. (picture alliance/Patrick Seeger/dpa)
AKK sieht die Ehe-für-alle als Anfang vom Ende, das hat sie mehrfach deutlich gemacht, meint Stefan Römermann (picture alliance/Patrick Seeger/dpa)
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Nein, besonders lustig war er wohl nicht - der Witz, den CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer da beim Narrengericht in Stockach vom Stapel gelassen hat. Aber seien wir ehrlich: Das ist beim Karneval ja ohnehin eher optional. Ein kräftiger Tusch vom Orchester ersetzt dann auch gerne mal die Pointe. Und bei ausreichendem Alkoholspiegel fällt das dem Publikum dann auch nicht mehr auf.

Fest steht: Man darf durchaus Witze machen über Toiletten für das dritte und ggf. auch für das vierte oder fünfte Geschlecht. Warum auch nicht?

Streng genommen hat Kramp-Karrenbauer ja auch nicht über Trans- und Intersexuelle Menschen gelästert – sondern eben über zusätzliche Toiletten für ein drittes Geschlecht. Da darf man durchaus auch kritisch hinterfragen, ob die am Ende wirklich Probleme lösen – oder vielleicht sogar neue Diskriminierungen schaffen. Schließlich werden jetzt plötzlich sehr unterschiedliche geschlechtliche Identitäten unter dem etwas seltsamen Kürzel "Divers" zusammengefasst.

Es darf machmal auch weh tun

"Satire darf: alles" – mit dieser Formel hat es Kurt Tucholsky vor ziemlich genau hundert Jahren auf den Punkt gebracht. Und diese Freiheit gilt nicht nur für Berufssatiriker wie einen Harald Schmidt oder einen Jan Böhmermann – sondern auch für Karnevalisten und mäßig lustige Polit-Clowns beim Narrengericht. Das darf auch manchmal weh tun – und es mag manchmal auch verletzen.

Und diese Freiheit gilt grundsätzlich auch für Witze über Minderheiten. Auch die sind nicht grundsätzlich tabu. Allerdings sollten die Witzbolde und Witzblodinnen in solchen Fällen vielleicht vorher doch zweimal überlegen. Denn nicht alles, was einen Lacher bringt, ist auch wirklich ein Witz. Manchmal sind es auch einfach nur in vermeintlich lustige Worte gepackte Stereotype, Ängste und Vorurteile.

Kann man machen. Aber ist dann halt auch doof bis peinlich. Und vielleicht auch einer CDU-Vorsitzenden eher unwürdig. Ob es deshalb auch gleich eine öffentliche Entschuldigung braucht, dürfen gerne andere beurteilen.

Ehe-für-alle als Anfang vom Ende

Das eigentliche Problem sind aber ohnehin nicht die schlechten Witze, sondern die Geisteshaltung dahinter. Denn dass Annegret Kramp-Karrenbauer ein Problem mit Menschen hat, die nicht dem traditionellen konservativen Familienbild entsprechen – das hat sie in der Diskussion um die Ehe-für-alle mehr als einmal deutlich gemacht. Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partner hält sie nämlich bis heute für falsch – und für einen gefährlichen ersten Schritt. Nach der Einführung würden bald die nächsten Forderungen kommen, um beispielsweise auch Inzest und Polygamie in Deutschland zu legalisieren.

Wenn Kramp-Karrenbauer tatsächlich ernsthafte Ambitionen auf das Kanzleramt hat, sollte sie deshalb vielleicht nicht nur ihre Pointen besser überdenken – sondern vor allem ihre Einstellungen.

Stefan RömermannStefan RömermannStefan Römermann, geboren 1977, hat an der Universität Leipzig Theaterwissenschaft und Anglistik studiert. Seit 2003 arbeitet er vor allem für den ARD-Hörfunk und den Deutschlandfunk. Seine Themenschwerpunkte sind Computer, Medien und Technik. Beim Deutschlandfunk moderiert er unter anderem die Sendungen "Umwelt und Verbraucher" und "Marktplatz".

  

  

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