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StartseiteCampus & KarriereSchüler sollen wieder laufen lernen01.04.2019

Aktionstag gegen ElterntaxisSchüler sollen wieder laufen lernen

Vor vielen Schulen bietet sich jeden Morgen das gleiche Bild: Besorgte Eltern fahren ihr Kind zur Schule – meist direkt vor den Eingang. Ergebnis: Verkehrschaos auf den Zufahrtsstraßen. Ein Aktionstag des baden-württembergischen Verkehrsministeriums und des „Auto-Clubs Europa“ will zum Umdenken bewegen.

Von Thomas Wagner

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Kinder überqueren einen Zebrastreifen. (picture-alliance / dpa / Georg Wendt)
Kinder auf dem Weg zur Schule: Mit dem Aktionstag "Goodbye Elterntaxi" möchten die Organisatoren erreichen, dass wieder mehr Kinder zu Fuß zur Schule kommen. (picture-alliance / dpa / Georg Wendt)
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Verkehrssicherheit an Schulen Gefahrenquelle "Elterntaxi"

Schulweg Aktionen gegen das Elterntaxi

Reinhard Mohr, baden-württembergischer Regionalbeauftragter des "Auto-Clubs Europa" (ACE), hat sich zum Auftakt des heutigen "Aktionstages gegen Elterntaxis" schon früh morgens, zusammen mit weiteren ACE-Mitgliedern, vor der Sommerrain-Grundschule in Stuttgart-Bad Cannstatt auf die Lauer gelegt:

 "Ja das war die Situation, als ein Vater seinen Sohn in der zweiten Reihe stehend auf der Straße raus gelassen hat, ohne zu beachten, dass von hinten halt ein Fahrrad kam. Und just in dem Moment öffnete der Sohn die Tür. Das war dann schon eine etwas brenzlige Situation!"

Eine brenzlige Situation, die kein Einzelfall ist, weiß Schulleiterin Ruth Möller:

 "Insbesondere vor der Schule und an der Ecke sind so viele Autos hinein gefahren, die dann nicht mehr raus fahren können. Teilweise gab es Gegenverkehr, laute Schreiereien auf der Straße. Eltern sind rückwärts gefahren, da waren Kinder dahinter. Andere Eltern haben sich ganz furchtbar aufgeregt."

"Die wenigsten Unfälle passieren, wenn die Kinder als Fußgänger unterwegs sind"

Situationen, wie sie sich tagtäglich vor vielen tausend Schulen bundesweit ereignen. Der Grund: Die so genannten "Elterntaxis." Immer mehr Mütter und Väter bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule. Doch nicht nur wegen der damit verbundenen Gefährdungen hat der ACE zum heutigen Aktionstag gegen Elterntaxis aufgerufen. Ein Kind, das meistens per Auto zur Schule chauffiert wird, hat daneben noch ein anderes Problem:

 "Die Gefahr ist groß, dass das Kind überhaupt nicht laufen lernt und schon gar nicht Fahrrad fahren lernt und ganz und gar unselbständig ist. Und deshalb ist selbständig zur Schule gehen eine Stärkung des Selbstbewusstseins und der Eigenständigkeit eines Kindes. Und insofern ist es fatal, wenn Eltern ihr Kind immer transportieren. Das Kind lernt auch nicht die Regeln, kann sich nicht zurechtfinden und ist deshalb immer unsicher und hat Angst", so Baden-Württembergs grüner Verkehrsminister Winfried Hermann.

Aktionstag "Goodbye Elterntaxi"

Er unterstützt deshalb den Aktionstag des Automobilclubs ACE gegen die ausufernde Zahl von Elterntaxis. Dabei werden ehrenamtliche ACE-Mitglieder die Situation an Schulen zwischen Hamburg und Bodensee beobachten und das Gespräch mit Schulleitungen und Eltern suchen. Das Ziel: Eltern sollen ihre Kinder zu Fuß auf den Schulweg schicken, wenn dies von der Länge und von der Verkehrssituation her möglich ist. Den Einwand, dies sei viel zu unsicher, lässt Reinhard Mohr vom ACE nicht gelten und verweist dabei auf eine Erhebung über Schulunfälle: Dort ist, gemessen an der Gesamtzahl verunglückter Schülerinnen und Schüler, die Rede von …

 "… weit über 36 Prozent, die in Fahrzeugen verunglückt sind. Das ist schon eine heftige Zahl. Gefolgt immerhin um drei Prozent weniger von Fahrrädern. Und: Die wenigsten Unfälle passieren, wenn die Kinder als Fußgänger unterwegs sind."

"Vor der Schule darf nicht gehalten werden"

Und genau die, die zu Fuß zur Schule kommen, sollen zukünftig noch besser geschützt werden. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann:

 "Also zunächst einmal ist sicherzustellen, dass direkt vor der Schule nicht gehalten werden darf, dass es eine sehr übersichtliche Situation für Fußgängerinnen und Fußgänger gibt"

Hermann gesteht zu, dass es Ausnahmesituationen gibt: Ist der Schulweg zu lang und fehlt es an einer Bus- oder Bahnverbindung, dann bleibt als Alternative nur das Auto. Der Verkehrsminister spricht sich in solchen Fällen aber dafür aus,

 "… dass die nicht vor der Schule, sondern in einem gebührenden Abstand halten und dann in den letzten Metern das Kind alleine laufen zu lassen oder das Kind (bitten) zu gehen".

Hoffnung ruht auf Verkehrs-Pädagogik

An der Sommerrain-Grundschule in Stuttgart setzen die Lehrer zudem auf Verkehrs-Pädagogik. Sie wollen die Kinder davon überzeugen: Elterntaxis sind out – Zur-Schule-Laufen ist cool. Schulleiterin Ruth Möller:

 "Die Kinder kommen morgens rein und machen hinter ihrem Namen einen Punkt oder ein Zeichen, ob sie zu Fuß gelaufen sind. Und wir sammeln diese Punkte. Im ersten Jahr haben wir kleine Maiskörner gesammelt. Und als die Säule voll war, kam ein Popcornwagen, und alle Kinder haben eine Kinder-Popcorn bekommen. Oder sie können zwei Spielstunden gewinnen. Das motiviert Grundschüler ungeheuer."

Dabei hätten die Grundschüler immer mal wieder ihre Eltern gebeten, sie fortan nicht mehr mit dem Auto in die Schule zu fahren …

 "… weil die Mitschüler zu den anderen sagen. Komm, wir müssen mehr Punkte sammeln. Und dann verabreden sie sich. Klar, die Hardliner können wir damit nicht erreichen. Aber beim großen Teil der Kinder hat das schon sehr sichtbare Erfolge."

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