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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKaffeefahrt war gestern24.04.2014

Aktive RentnerKaffeefahrt war gestern

Sie studieren, walken im Park oder reisen um die Welt: Der Rentner von heute ist aktiver als noch sein Pendant in den 80er-Jahren. Welche Vorteile, aber auch Nachteile das Rentnerdasein 2014 mit sich bringt, haben Forscher der Unis Jena und Kassel untersucht.

Von Ingeborg Breuer

Eine Gruppe von Rentnern walkt mit Nordic-Walking-Stöcken auf einem Weg durch einen Wald. (dpa/picture alliance/Felix Kästle)
Sport statt Kreuzworträtsel: Rentner von heute geben sich gerne sportlich aktiv. (dpa/picture alliance/Felix Kästle)
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Der Mangel an barrierefreien Wohnungen (Deutschlandfunk, Lebenszeit, 25.04.2014)

"Wir haben eine Vorherrschaft eines Blicks auf das Alter als des ruheständischen Lebens noch in den 80er-Jahren, wo Ältere als Ruheständler bezeichnet werden, als Rentner, die auch einigermaßen gut versorgt sind, die aus dem Erwerbsleben ausscheiden und sich also aus dem gesellschaftlichen Leben teilweise ausklinken."

Früher, so Professor Stephan Lessenich, Soziologe an der Universität Jena, galt der finanziell gesicherte Ruhestand zwar als wohlverdiente Gegenleistung für die Lebensleistung. Allerdings war mit der Lebensleistung dann auch das "eigentliche" Leben vorbei. Über 'den Rentner' gab es nicht mehr viel zu berichten: Unsichtbar geworden werkelte er in Haus und Garten oder versank in seinem Fernsehsessel, um allenfalls auf Kaffeefahrten seinem immergrauen Alltag zu entkommen.

"Das Sofa und der Schaukelstuhl oder der Fernseher, mit diesen Objekten wird quasi schon die ganze Geschichte des Ruhestands erzählt",
so Dr. Silke van Dyk, ebenfalls Soziologin an der Universität Jena.

"Leben im Ruhestand" heißt das Buch, in dem Tina Denninger, Silke van Dyk, Stephan Lessenich und Anna Richter untersuchen, wie sich die Altersbilder in den letzten 30 Jahren gewandelt haben. Da trat zum Beispiel mit der Institutionalisierung des Vorruhestands in den späten 80ern und frühen 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts der "junge Alte" auf die Rentnerbühne. Der Ruhestand wandelte sich vom zwar gesicherten, aber zugleich monotonen Lebensabend zur späten Freiheit, wo das nachgeholt werden konnte, was zu Zeiten der Berufstätigkeit nicht ausgelebt worden war:

"In den 90er-Jahren, da wird das unruheständische Alter prominent. In den Medien werden sie sehr viel stärker dargestellt als Personen, die reisen, die Fitness pflegen, die unterwegs sind, die sich vielleicht noch bilden, die mobil und aktiv sind."

"Potenziale des Alters stärker nutzen"

Altern gilt nun nicht länger als biologisches, mit Defiziten behaftetes Verfalls-Schicksal. Die aktiven Senioren haben vielmehr Kompetenzen, die den jüngeren fehlen: Sie sind zum Beispiel sozialfähig, zuverlässig, umsichtig und blicken auf Lebenserfahrung zurück.

"Also die Idee, die Alten sind leistungsfähig, sie sind kompetent, sie müssen sich nicht die ganze Zeit auf dem Sofa ausruhen."

Wenn aber die Alten Kompetenzen besitzen, dann liegt die Aufforderung nahe, diese in Zeiten des demografischen Wandels auch einzusetzen. Also lax gesprochen: Die wohlverdiente Rente nicht mehr nur bei der Kreuzfahrt verjuxen, um die Zukunft der Jungen zu verfrühstücken. Sondern: Sich gesellschaftlich nützlich machen. "Zähl Taten, nicht Falten" forderte deshalb 2009 eine Kampagne des Bundesfamilienministeriums ältere Menschen dazu auf, bürgerschaftlich aktiv zu werden. Denn - die "Potenziale des Alters müssen wir stärker nutzen", so die damalige Familienministerin Kristina Schröder im 6. Alten-Bericht aus dem Jahr 2010.

"Zunehmend wird das Alter mit neuen Anforderungen belegt, nämlich, dass die Kompetenzen und Ressourcen, die die Alten haben, auch produktiv eingesetzt werden zum gesellschaftlichen Nutzen. Also Pflegeaufgaben übernehmen, bürgerschaftliches Engagement betreiben, Enkelkinder betreuen, in der Gemeindearbeit tätig sein."

Doch inwieweit wird dieser veränderte Blick auf das Alter von den Älteren selbst geteilt? In einem zweiten Schritt interviewten die Jenaer und Kasseler Wissenschaftler Menschen zwischen 60 und 72 zu ihren eigenen Erfahrungen mit dem Ruhestand. Die meisten, so das Ergebnis, erfahren die Zeit nach der Arbeit als verdiente Freiheit. Die Idee, diese Zeit gesellschaftlich produktiv zu gestalten, spielt eine höchstens untergeordnete Rolle.

"Es gibt eine starke durchgängige Linie bei allen Unterschieden und das ist die Idee später Freiheit, die Idee des legitimen Ausstiegs aus der Lohnarbeit. Also, dass nach der Lohnarbeit eine Zeit kommt in der man selbstbestimmt und autonom über sein Leben bestimmen kann, das finden wir fast durchgehend. Und auch die, die eine erfüllte Erwerbsbiografie hatten - auch bei diesen finden wir viele, die teilweise auch gern und vorgezogen in den Ruhestand gegangen sind. Also nicht: Ich fliehe vor schlechten Arbeitsbedingungen, sondern ich möchte noch ein eigenes Leben. Und das möchte ich genießen."

So erwünscht diese späte Freiheit auch ist, einfach ist die Umstellung vom Arbeitsleben zur Dauerfreizeit keineswegs für alle. Wie geht man mit dem Zuviel an Zeit um, wie strukturiert man seinen Tag neu, was schafft einen neuen Sinn? Und Anpassungsprobleme bei Ehepaaren, die plötzlich den ganzen Tag zusammen sind, scheinen beim Einstieg in die Rente eher die Regel als die Ausnahme zu sein.

"Da ergeben sich alltagspraktische Probleme, wie der Alltag neu strukturiert wird. Und dann muss man sich natürlich auch gegenüber Dritten dem Eindruck entgegensetzen, dass man mit seiner Zeit gar nichts mehr machen würde, dass man abgleitet in die Langeweile. Und insofern berichten die Älteren auch durchgängig von vielen Aktivitäten."

Geschäftigkeit an den Tag legen, um akzeptiert zu werden

Vom Ruhestandskonzept "Fernsehen, Sessel, Sofa", weiß Stephan Lessenich zu berichten, grenzen sich die meisten ab. Allerdings bleibt die Schilderung der neuen Rentneraktivitäten oftmals vage. Da wird im Keller 'irgendwas' repariert, auf dem Speicher 'irgendwas' aufgeräumt und ein Spaziergang auch schon mal zur Fitnessübung umdefiniert. Tätigkeiten werden gestreckt, Zeit wird gedehnt, um den Tag zu füllen.

"Vieles, was wir vielleicht aber auch als ganz normale Alltagspraxis bezeichnen würden, wird als Aktivität gerahmt. Es gibt Menschen, wo wir statistisch sagen würden, die sind eigentlich nicht mehr so aktiv, aber die bezeichnen sich selbst als geschäftig, weil es auch den Eindruck gibt, man muss eine bestimmte Geschäftigkeit an den Tag legen, um überhaupt gesellschaftlich akzeptiert zu sein."

Es sind übrigens, so die Ergebnisse der Forscher, gerade die Wohlhabenderen, Privilegierteren, die sich zu dem neuen Zeitwohlstand stellen können, und sich dem "berühmten Rentnergruß 'hab keine Zeit, hab keine Zeit'" widersetzen.

"Wir haben festgestellt, dass viele, die über finanzielle und Bildungsressourcen verfügen, eher in der Lage sind, wirklich zu kommunizieren, ich habe Zeit, ich genieße den Ruhestand in einer Zeit, wo von allen Aktivität erwartet wird, das auch selbstbewusst vertreten können."

Auch das heute in keiner Diskussion über einen erfüllten Ruhestand fehlende Ehrenamt sehen Ruheständler selbst keineswegs als Verpflichtung an. Und die, die ehrenamtlich tätig sind, bleiben oft dort aktiv, wo sie es auch schon waren.

"Wir stellen auch fest, dass viele, die ehrenamtlich aktiv sind, nicht plötzlich etwas ganz Neues angefangen haben, sondern das weiterführen, was sie auch schon zu Erwerbszeiten gemacht haben und zeitlich ausdehnen."

Widersprüchlich ist aber auch, was Rentner über ihre ehrenamtlichen Aktivitäten zu berichten wissen. Silke van Dyk weist darauf hin,

"dass wir durchaus einige haben, die gerade im ehrenamtlichen Kontext einige Altersdiskriminierung erfahren, denen man ab einem bestimmten Alter nahe legt, eben nicht mehr Fortbildung zu besuchen beim Roten Kreuz, weil sie das geistig und körperlich nicht mehr schaffen würden. Denen implizit bedeutet wird, dass der Altersdurchschnitt im Verein nicht mehr steigen soll. Das heißt, wir finden gerade im Bereich, wo wir in der politischen Debatte finden, die Älteren sollen hier rein, sollen sich engagieren, wir finden hier oft Strukturen, die nicht besonders offen sind für eine Altersheterogenität oder für die Integration Älterer."

"Bedürfnis, sich als aktiv darzustellen"

Fazit der Autoren ist also: Das gewandelte Altersbild, wie es von Medien, Politik und Wissenschaft vertreten wird, und das Selbstverständnis der Älteren passen nicht immer zueinander. Beides bewegt sich allerdings zunehmend aufeinander zu:

"Und trotzdem kann man nicht sagen, dass das, was man so Diskurs nennt, das das keine Effekte haben würde, weil die Leute definieren sich oft auch unterschwellig zu öffentlich geäußerten Erwartungen. Gerade dieses Bemühen und Bedürfnis, sich als aktiv darzustellen und auch grundsätzlich ein Ehrenamt in Erwägung zu ziehen. Es gibt ein unterschwelliges Bedürfnis, sich als jemand darzustellen, der nicht völlig von dem vorhandenen Altersbild abweicht."

 

Buchtipp: 
Stephan Lessenich u.a.: "Leben im Ruhestand. Zur Neuverhandlung des Alters in der Aktivgesellschaft"transcript 2014, 29,99 Euro.

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