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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Unvorsichtigkeit ist zurück18.10.2020

Aktuelle CoronalageDie Unvorsichtigkeit ist zurück

Illegale Oktoberfestparties oder Feierende auf der Berliner Torstraße sind in der aktuellen Lage nicht nachvollziehbar, meint Katharina Hamberger. Was von der Politik nun gefragt ist, sind nicht nur Maßnahmen, sondern eine Regierungserklärung der Kanzlerin und eine Debatte im Bundestag.

Von Katharina Hamberger

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Ein Hinweisschild nahe einer Berliner Schule fordert Kinder und Erwachsene zum Abstand halten auf (mago images / Seeliger)
Andere zu schützen, beispielsweise durch Abstand halten, bedeute Verantwortung, kommentiert Katharina Hamberger (mago images / Seeliger)
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Es sind deutliche Worte, die Bundeskanzlerin Angela Merkel gewählt hat: Wir seien jetzt in einer sehr ernsten Phase der Corona-Pandemie, schwierige Monate stünden uns bevor. Und sie ruft in ihrem Videopodcast nicht nur dazu auf, die sogenannten AHA-Regeln einzuhalten, sondern auch auf Reisen und Feiern zu verzichten, die nicht unbedingt notwendig sind und wenn möglich am Wohnort zu bleiben. Und es ist nicht nur die Kanzlerin die mahnt, auch unter anderem der bayerische Ministerpräsident: Wenn wir nicht rasch gegensteuerten, gerate Corona außer Kontrolle, sagt Markus Söder. Es ist wichtig, dass jetzt im Nachgang des Treffens am Mittwoch (14.10.2020) zwischen Bund und Ländern und auch dem Hin und Her bei zum Beispiel dem sogenannten Beherbergungsverbot nochmal deutlich gemacht wird, um was es geht und wie ernst die Lage tatsächlich ist.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Die Krankheit zu leugnen ist hochgefährlich

Die Corona-Neuinfektionen steigen seit einigen Wochen wieder massiv an, am Samstag, dem 17.10. meldete das Robert-Koch-Institut einen Rekordwert von 7.830. Zwar sind diese Zahlen nur bedingt mit denen vom Frühjahr zu vergleichen, weil heute mehr getestet wird. Allerdings: Während die Zahl der Tests seit Mitte August fast gleich bleibt, steigt die der positiv getesteten Menschen massiv an. Und das zeigt: Die Unvorsichtigkeit ist zurück – in Teilen ist das nachvollziehbar: Die Zahlen gingen im Sommer zurück, man traf sich wieder mit Freunden und Verwandten, ging auf Reisen. Dinge, die viele im Frühjahr vermisst haben. Was allerdings nicht nachvollziehbar ist: Dass manche jegliche Vorsicht – und damit auch Verantwortung und Rücksicht – völlig über Bord geworfen haben. Das sind zwar wenige, aber die Auswirkungen ihres Handelns können weitreichend sein. Dazu zählt zum Beispiel eine illegale Oktoberfestparty in Bayern mit bis zu 150 Menschen, die Feiernden auf der Berliner Torstraße, wie große Familienfeste, bei denen kein Abstand mehr eingehalten wird.

Jeder und jede sollte sich nochmal vor Augen führen, was es heißt, sich oder andere mit dem Virus anzustecken: Wer nicht an COVID stirbt, der hat möglicherweise mit heftigen Folgeschäden zu kämpfen. Die Krankheit also zu verharmlosen oder gar ihre Existenz zu leugnen und sich entsprechend zu verhalten, ist hochgefährlich. Und es geht dabei nicht nur um die eigene Gesundheit und das eigene Leben – es geht auch um das Umfeld, ältere Verwandte, Freunde und Freundinnen mit Vorerkrankungen – sie kann man anstecken, selbst wenn man selbst keine Symptome zeigt. Sie zu schützen, indem man sich an die Regeln hält – auch wenn das nicht immer leicht fällt –, das bedeutet Verantwortung. Mit der Frage, wie rücksichtsvoll wir uns verhalten, hängt auch damit zusammen, wie es um die Kapazitäten in Gesundheitsämtern und Krankenhäusern bestellt ist.

Blick in den Flur einer Intensivstation. An der Eingangstür hängt ein STOP-Schild. (dpa/ Sebastian Kahnert) (dpa/ Sebastian Kahnert)Intensivmediziner: "Es wird ein sehr spannender Winter"
Eine nationale Corona-Strategie sei wichtig, sagte Uwe Janssens, Präsident der Vereinigung der Deutschen Intensivmediziner, im Dlf. Über die bisherige "sektorale Vorgehensweise" seien er und andere Mediziner unglücklich gewesen. Das Virus habe, wenn es auf die Intensivstation gelange, "nach wie vor seinen Schrecken".

Politik muss darauf achten, dass Akzeptanz hoch bleibt

Die im Moment getroffenen Maßnahmen ermöglichen es außerdem auch, dass Schulen und Kitas noch geöffnet bleiben können. Für Kinder und Eltern ist das wichtig. Im Frühjahr gehörten sie nicht zur Priorität, das hat sich geändert. Und auch die Wirtschaft, Gastronomie und Hotels sind von den Maßnahmen zum Großteil noch nicht so schlimm betroffen, wie im März und April. In anderen Ländern um uns herum, wie zum Beispiel Frankreich zeigt sich, welche Einschränkungen folgen könnten, wenn die Zahlen weiter unaufhaltsam steigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt nach einem Treffen mit den Ministerpräsidenten der Länder zu steigenden Infektionszahlen und weiteren Corona-Maßnahmen eine Pressekonferenz. (AFP POOL) (AFP POOL)"Hinterzimmer-Kungeleien der Kanzlerin müssen aufhören"
Die neuen Corona-Maßnahmen sind beschlossen. Der Linken-Gesundheitspolitiker Achim Kessler kritisiert jedoch im Dlf, dass Einschränkung von Freiheitsrechten nicht an den Parlamenten vorbei getroffen werden dürften.

Was vonseiten der Politik in diesen Zeiten gefragt ist, sind nicht nur Maßnahmen festzulegen, sondern auch darauf zu achten, dass die Akzeptanz dafür hoch bleibt. Das ist sie momentan, allerdings auch mit einer Tendenz nach unten. In Anbetracht dessen reicht es nicht, einen Video-Podcast aufzunehmen. Es braucht eine Regierungserklärung der Kanzlerin mit anschließender Debatte im Bundestag. Das Thema Corona muss in der kommenden Sitzungswoche auf die Tagesordnung. Und eine Debatte ist da nur das Mindeste. Eigentlich sollten die Rahmenbedingungen für die Maßnahmen vom Bundestag gesetzlich festgeschrieben werden. Der Gesetzgebungsprozess beinhaltet zum einen nämlich eine entsprechende Diskussion, in der auch konträre Meinungen zu Wort kommen und zum anderen stehen am Ende dann nicht nur die Rahmenbedingungen, sondern auch eine ausführliche Begründung dazu, die ein Gesetz braucht. Das ist für die Akzeptanz der coronabedingten Einschränkungen wichtig.

Katharina Hamberger, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio - Bettina Straub)Katharina Hamberger, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio - Bettina Straub)Katharina Hamberger, Jahrgang 1985, hat Medienwissenschaft, Politikwissenschaft und Journalismus in Regensburg und Hamburg studiert. Während des Studiums arbeitete sie als freie Journalistin unter anderem für die "taz" und die "Passauer Neue Presse". Journalistische Erfahrung sammelte sie außerdem beim Bayerischen Rundfunk, der Talksendung "Anne Will" und dem "Hamburger Abendblatt". Seit Ende ihres Deutschlandradio-Volontariats 2012 arbeitet sie als freie Korrespondentin im Hauptstadtstudio von Deutschlandradio.

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