Sonntag, 16. Januar 2022

AKW gehen vom NetzDeutscher Atomausstieg ist gut und richtig

Das Revival der Atomenergie sei ein Mythos, kommentiert Sandra Pfister. Atomkraft sei wie ein Fass ohne Boden. Ohne massive staatliche Zuschüsse und Abnahmegarantien sei Atomkraft schlicht nicht wettbewerbsfähig. Deshalb sei auch jeder weitere Cent, der in sie investiert werde, eine Fehlinvestition.

Ein Kommentar von Sandra Pfister | 30.12.2021

Das Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein. Es wird Ende 2021 endgültige stillgelegt
Das Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein. Es wird Ende 2021 endgültige stillgelegt (imago images/Chris Emil Janßen)
Deutschland schaltet ab. Und das ist gut so. Deutschland hat sich mit dem schnellen Ausstieg aus der Atomkraft keineswegs energiepolitisch in eine Sackgasse manövriert, wie uns eine kleine Atomkraft-Lobby in Deutschland und eine große Regierungs-Lobby aus Frankreich gerade weismachen wollen.
Selbst die Betreiber deutscher Atomkraftwerke winken nur noch müde ab. Sie sind froh, aus der Nummer raus zu sein. Denn mit dem Alter steigen die Wartungskosten, die Fehleranfälligkeit und auch die Ausfallzeiten der AKWs – wie gerade in Frankreich zu besichtigen. Sie nachzurüsten wäre teurer, als das Geld in die entsprechende Windkraft- und Photovoltaik zu stecken.

Kleinreaktoren längst nicht ausgereift

Ohne Subventionen lassen sich auch die Laufzeiten der französischen AKWs kaum verlängern. Auch deshalb drängen unter französischer Führung andere Atomländer darauf, dass Atomenergie von der EU-Kommission zu einer angeblich „nachhaltigen“ Energieform veredelt, also für Kapitalanleger als „grün“ eingestuft wird. Denn Fakt ist: Ohne diesen Stempel finden sich kaum noch Anleger, die überhaupt Geld in Atomkraftwerke stecken wollen.
Und zu Recht: Atomkraft wirkt wie ein Fass ohne Boden. Auch die Kosten für die Atomkraftwerke, die in Europa gerade noch gebaut werden, sind aus dem Ruder gelaufen: Ohne massive staatliche Zuschüsse und Abnahmegarantien ist Atomkraft schlicht nicht wettbewerbsfähig. Das ist Macron und den anderen Atomkraft-Apologeten in Europa klar. Deshalb schieben sie eine neue Generation von Kleinreaktoren ins Schaufenster. Das Problem: Deren Technik ist noch längst nicht ausgereift. Oder sie sind so teuer, dass niemand sie kauft.

Brückentechnologie werden gebraucht

Übrigens werden auch die wenigen Atomkraftwerke alten Typs, die gerade noch gebaut werden, alle zehn, elf Jahre später als geplant fertig. Bis neue Atomkraftwerke laufen, ist der Kampf ums Klima längst verloren.
Was aber, entgegnen Atomkraft-Befürworter, wenn bei uns die Lichter ausgehen, weil wir zu rasch erst AKWs abschalten und dann Kohlekraftwerke und noch nicht genug Solar- und Windstrom am Start ist? Die Sorge ist berechtigt, und Deutschland wird nicht umhinkönnen, vorübergehend auch Atomstrom zu importieren. Aber als Brückentechnologie eignet sie sich denkbar schlecht, und deshalb wäre jeder weitere Cent, der in sie investiert wird, eine Fehlinvestition. Warum? Weil das, was wir in den nächsten Jahren brauchen, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst, Energiequellen sind, die schnell einspringen und Schwankungen abpuffern können. Dafür eignen sich importierte Wasserkraft, Bio- und ja: auch Erdgas viel besser. Denn Atomkraftwerke sind maximal unflexibel, man kann sie nicht mal kurz hoch- und wieder runterfahren.
Die Deutschen sind bei weitem nicht die einzigen, die verstanden haben, dass Atomkraft von gestern ist. Das Revival der Atomenergie ist ein Mythos. Weltweit gehen Jahr für Jahr mehr Atomkraftwerke vom Netz als neue gebaut werden. 
Sandra Pfister
Sandra Pfister (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)
Sandra Pfister, geboren 1975 im Saarland, ist Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft. Nach einem Geschichtsstudium in Freiburg, Düsseldorf, Aix-en-Provence und Brüssel hat sie in Düsseldorf die Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten absolviert. Im Anschluss an ihr Volontariat beim Deutschlandfunk hat sie regelmäßig Sendungen in Deutschlandfunk und WDR moderiert und zuletzt fünf Jahre als freie Autorin und Moderatorin in London gelebt.