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StartseiteInterview"Das Vertrauen ist durchgängig relativ hoch"25.08.2020

Akzeptanz der Corona-Maßnahmen"Das Vertrauen ist durchgängig relativ hoch"

Umfragen zeigten, dass die Angst vor Corona aktuell wieder leicht steige, sagte die Professorin für Gesundheitskommunikation Cornelia Betsch im Dlf. Das Vertrauen in die Bundesregierung sei aber während der Pandemie durchgängig hoch. Das liege auch daran, wie in der Krise kommuniziert worden sei.

Cornelia Betsch im Gespräch mit Stefan Heinlein

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Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) (picture alliance/ Reuters pool/ Fabrizio Bensch)
"Je besser verständlich die Regeln sind, umso besser sind sie auch akzeptiert", sagt Cornelia Betsch, Expertin für Gesundheitskommunikation. (picture alliance/ Reuters pool/ Fabrizio Bensch)
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Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Wie die Corona-Maßnahmen durch die Pandemie hindurch von der Bevölkerung akzeptiert wurden und wie Wahrnehmung der Gefahr sich verändern, das untersucht Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt.

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Stefan Heinlein: Keine großen Feiern mehr im Privaten, dafür vielleicht Masken auch am Arbeitsplatz. Wenn dies tatsächlich in Berlin Ende der Woche beschlossen wird, wie kommt das an bei den Menschen? Kann die Politik mit Zustimmung rechnen?

Cornelia Betsch: Wir befragen ja seit Beginn der Pandemie jede Woche ungefähr tausend Leute, oder im Moment zweiwöchig, und gucken uns genau solche Fragen an. Im Moment stimmen 63 Prozent zu, dass bei solchen privaten Veranstaltungen die Anzahl an Feiernden beschränkt werden soll. Auch die Maskenpflicht ist weiterhin sehr gut akzeptiert. Wir sehen, dass gerade solche Maßnahmen, die getroffen werden, selbst wenn sie am Anfang nicht so gut akzeptiert sind, wenn sie dann mal getroffen sind und gelten, dass sie dann mehr akzeptiert werden.

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"Das Risikogefühl ist wieder da"

Heinlein: Ist nach dem Ergebnis Ihrer Befragung die Angst der Menschen vor einer Ansteckung, vor dem Virus immer noch so hoch wie auf dem Höhepunkt der Pandemie?

Betsch: Nein, das müssen wir ganz eindeutig sagen. Das ist seitdem stetig gefallen. Im Moment beobachten wir aber wieder, dass es leicht steigt. Das Risikogefühl ist wieder da, und das ist auch einer der wesentlichen Akzeptanzfaktoren. Da gibt es eigentlich über die ganz vielen verschiedenen Verhaltensweisen, die wir uns angucken, zwei wesentliche Punkte. Das eine ist das Vertrauen in die Bundesregierung und das andere ist, wie hoch ist mein Risikogefühl, und das steigt im Moment.

Die Psychologin Cornelia Betsch   (picture-alliance/dpa/Martin Schutt)Die Psychologin Cornelia Betsch (picture-alliance/dpa/Martin Schutt)

"Wir gewöhnen uns"

Heinlein: Ist das auch der Grund, dass in Teilen der Bevölkerung diese Angst und damit auch die Corona-Disziplin gesunken ist?

Betsch: Ich glaube, das hat viele Gründe. Erst mal haben wir mittlerweile viel Erfahrung. Die Angst ist ja auch wie so ein Muskel. Ich kann jetzt nicht 24 Stunden am Tag angespannt sein und Angst haben und das über einen ganz langen Zeitraum. Das heißt, wir gewöhnen uns, das lässt nach, und es ist auch so ein Aufmerksamkeitsbilanzproblem. Das kann man sich ein bisschen so vorstellen wie ein Pilot, der einen Langstreckenflug hat, und der muss die gesamte Zeit die Instrumente im Blick haben. Das kann man vielleicht als Laie eine Stunde gut machen und dann wird es arg langweilig, aber Piloten sind da sehr gut trainiert.

Bei uns ist es so: Wir sitzen in diesem Flugzeug. Wir wissen nicht, wie lang ist dieser Langstreckenflug, und wir müssen permanent monitoren, wie müssen wir uns verhalten, leuchtet ein Warnlicht, müssen wir unser Verhalten verändern. Das ist sehr schwer, über eine lange Zeit, von der wir auch nicht wissen, wie lange sie dauert, aufrecht zu erhalten.

Heinlein: Nun ist dieser Corona-Langstreckenflug bisher für die meisten Menschen ja gut gegangen. Gibt es deshalb in Teilen der Bevölkerung jetzt so ein trügerisches Sicherheitsgefühl, eine Art "es hat mich nicht erwischt"-Gefühl, "ich bin gesund, mir kann gar nichts passieren"?

Betsch: In Deutschland gibt es im Vergleich zu anderen Ländern auch relativ wenig Fälle. Nicht jeder kennt jemanden, der es hatte oder vielleicht auch daran gestorben ist. Das ist in anderen Ländern deutlich anders. Das spielt hier sicherlich auch noch mit eine Rolle.

Wir sehen: Je näher das an mir dran ist, psychologisch, umso mehr fühlen die Leute auch ein Risiko, und dieses gefühlte Risiko, das ist der Treiber, das was uns motiviert, Schutzverhalten zu ergreifen.

"Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich"

Heinlein: Sie haben das Vertrauen in die Politik in einer Ihrer Antworten angesprochen, Frau Professor Betsch. Hat es die Politik nach dem Ergebnis Ihrer Befragungen bislang geschafft, die Menschen mitzunehmen, sie zu überzeugen von der Notwendigkeit der Corona-Maßnahmen?

Betsch: Grundsätzlich muss man sagen, dass das natürlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Aber wenn wir das über die vielen Wochen und über die vielen Befragten anschauen, die wir mittlerweile haben, sehen wir, dass es durchgängig relativ hoch ist, das Vertrauen, und jetzt keine wesentlichen Dellen hat. Ich denke, die Art, wie kommuniziert wird, dass Unsicherheiten benannt werden, dass auch Fehler eingeräumt werden, das trägt sicherlich dazu bei, dass das Vertrauen hoch ist insgesamt.

Heinlein: Keine Dellen haben Sie bislang festgestellt. Haben denn die Pannen in Bayern ganz aktuell das Vertrauen in die Corona-Kompetenz der Politik beschädigt?

Betsch: Das können wir jetzt in dieser deutschlandweiten Befragung nicht angucken. Wir gucken nicht Bundesländer im Einzelnen an, weil die Stichprobe dann zu klein ist. Insgesamt können wir sagen, im Moment ist es durchgängig hoch.

"Je kleiner der Lockdown, umso besser akzeptiert ist er"

Heinlein: Wäre es denn besser für die Akzeptanz der Beschränkungen, wenn überall in Deutschland die gleichen Corona-Regeln gelten und nicht dieses föderale Durcheinander? Auch das soll ja Ende der Woche besprochen werden zwischen Bund und Ländern.

Betsch: Da kann man sehr klar sagen, es kommt darauf an. Wenn wir Lockdowns angucken, dann ist es generell so: Je kleiner der Lockdown, umso besser akzeptiert ist der auch. Die Leute sind durchaus bereit, sich noch mal neu zu beschränken. Sie denken ja auch, das wird noch eine Weile dauern. Da sind sehr viele Leute mit an Bord. Aber es sollte lokal begrenzt sein.

Wir finden auch, dass je besser verständlich die Regeln sind, umso besser sind sie auch akzeptiert. Das ist natürlich gerade für Leute, die in, sagen wir mal, so Länderecken wohnen, wo Bundesländer aneinanderstoßen, besonders wichtig, dass sie da einheitlich wissen, wo müssen sie eine Maske tragen und wo nicht.

Wenn wir uns angucken, Maske tragen in der Schule zum Beispiel, dann sehen wir, dass das ganz weg von lokalen Lösungen geht. Da möchte man vielleicht auch aus Fairness-Gründen lieber bundeslandweite Regelungen noch lieber als deutschlandweite Regelungen haben, wobei das relativ ähnlich ist.

"Sind die Jungen zu sorglos?"

Heinlein: Stichwort Akzeptanz. Kommt es auch hier darauf an, wie Sie es so schön gesagt haben, woher man kommt, ob man jung ist, ob man alt ist, gebildet oder ungebildet? Spielt das eine Rolle beim Stichwort Akzeptanz und Risikobewusstsein?

Betsch: Wir haben uns jetzt besonders mal jüngere Leute unter 30 im Vergleich zu älteren Leuten über 30 angeschaut, weil das ja sehr stark jetzt diskutiert wurde. Sind die Jungen zu sorglos? Halten die sich nicht an die Regeln? Da kann man auf jeden Fall sagen, das ist kein neues Phänomen, dass die jungen Leute ein geringeres Risiko wahrnehmen. Auch das gefühlte Risiko ist durchgehend seit Beginn der Pandemie niedriger.

Was wir auch sehen ist, dass das Verhalten, da wo es stark reguliert ist mit den Masken, wo es stark kommuniziert ist, die AHA-Regel zum Beispiel, dass wir da kaum Unterschiede sehen zwischen Jungen und Alten. Die sind schon da, aber die sind nicht riesig.

Aber was wir sehen ist, dass da, wo Regelungen wegfallen, wo es wieder erlaubt ist, sich zu treffen zum Beispiel, da gibt es eine sehr schnelle Verhaltensveränderung bei den jungen Leuten. Da nimmt das Feiern zu, das Treffen an öffentlichen Orten. Da kann man natürlich sagen, die verhalten sich genauso wie die älteren Leute entsprechend ihrer Risikowahrnehmung. Die nehmen nicht so ein hohes Risiko wahr, also gehen sie wieder raus, und es ist ja auch erlaubt. Da muss man sagen, es gibt diese Altersunterschiede, aber die sind möglicherweise auch altersgemäß.

"Ein Bedürfnis, diese Unsicherheit irgendwie zu bekämpfen"

Heinlein: An diesem Wochenende wird es ja in Berlin eine erneute Demonstration der "quer denken"-Bewegung geben, von Menschen, die an der Pandemie insgesamt zweifeln und ihre Freiheit durch diese Corona-Beschränkungen bedroht sehen. Hat hier die Gesundheitskommunikation – das ist Ihr Spezialgebiet – versagt?

Betsch: Solche Zusammenrottungen wird es sicherlich immer wieder geben und man muss, glaube ich, im Moment gucken, dass bei solchen Veranstaltungen sehr viele Leute mitlaufen. Es ist jetzt Pandemie, das ist ein Zustand maximaler Unsicherheit, und jeder hat ein Bedürfnis, diese Unsicherheit irgendwie zu bekämpfen, und sich mit anderen zusammenzuschließen, kann eine Möglichkeit sein, und ich würde mir hier wünschen, dass es ein bisschen ein Umdenken gibt, dass man sehr genau hinguckt, um welche Fragen es da geht. Wenn man sagt, ein Video von dem Verschwörungstheoretiker XY wurde 100.000 Mal angeklickt, würde ich nicht sagen, 100.000 Leute glauben daran, sondern 100.000 Leute haben diese Frage und suchen eine Antwort darauf. Ich glaube, dass das wichtig ist, dass wir in der Gesundheitskommunikation, die im Moment sehr stark auch bei der Politik liegt, es schaffen, dass sich dieses Umdenken vollzieht, vielleicht auch in den Medien, dass man diese Fragen stärker aufgreift und versucht zu beantworten. Und zu sagen, wir wissen es nicht, ist auch eine Antwort und setzt den Verschwörungstheorien auch was entgegen.

"Die Verschwörungstheoretiker nicht in eine Ecke stellen"

Heinlein: Wird das reichen, Frau Professor Betsch, um diese Menschen, diese Skeptiker, diese Querdenker zu überzeugen?

Betsch: Das ist schwierig zu sagen. Oft wird gesagt, es gibt eigentlich nichts, was die Querdenker, die wirklichen Verschwörungstheoretiker überzeugt. Wichtig ist aber, dass vielleicht die Leute, die unsicher sind, die nicht wissen, was sie denken sollen, die dem zuhören, dass man die Leute erreicht und die nicht aufgibt. Wichtig ist auch, dass wir die nicht in eine Ecke stellen, die Verschwörungstheoretiker, nicht sagen, das sind die Verschwörungstheoretiker mit dem Alu-Hut, denn damit drängen wir sie in eine Ecke und da ist es dann schwierig, wieder rauszukommen, ohne das Gesicht zu verlieren. Deswegen sollte man hier offen bleiben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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