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StartseiteInterviewAlbanerproteste im Kosovo23.08.2002

Albanerproteste im Kosovo

Siegfried Brenke

<strong> Spengler: </strong> Man muss in diesen Tagen schon aufpassen, dass zweifellos wichtige Themen wie die Flutkatastrophe oder Bundestagswahlkampf nicht alle anderen Themen und Regionen in den Hintergrund drängen, zum Beispiel das Kosovo, wo immerhin Bundeswehrsoldaten im Rahmen der KFOR-Friedenstruppen zur Stabilisierung eingesetzt sind, das aber zur Zeit offenbar weit von jener Stabilität entfernt ist, die wir uns alle wünschen. Seit Tagen - und auch heute wieder - gibt es Proteste und Demonstrationen der Albaner gegen die Festnahme mehrerer albanischer UCK-Extremisten durch die UN-Verwaltung, denen Straftaten vorgeworfen werden. Am Telefon in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo begrüße ich Siegfried Brenke. Guten Tag, Herr Brenke.

Brenke: Guten Tag, Herr Spengler.

Spengler: Sie waren im Auftrag der Internationalen Gemeinschaft Bürgermeister von Pristina und sind zur Zeit im Auftrag der UNO Berater des Bau- und Umweltministers im Kosovo. Wie ernst ist aus Ihrer Sicht der Konflikt zwischen UN-Verwaltung und den Albanern?

Brenke: Er ist ernst. Er kann sich weiterentwickeln. Die Albaner sind insbesondere verärgert über die spektakuläre Art, in der diese Festnahmen erfolgen. Es hat seitens der Führer der albanischen Parteien eigentlich Klarstellungen gegeben, dass es nicht darum geht, kriminelle Aktionen in irgendeiner Weise zu vertuschen oder zu verhindern, dass solche Aktionen verfolgt werden. Ich habe darüber auch längere Zeit mit dem Minister gesprochen, es kam immer wieder auf den Punkt zurück, dass die Art und Weise, wie die Festnahmen erfolgt sind vor dem Hotel mit großem Aufwand und Fernsehen, dass das eigentlich die Leute verletzt hat. Man denkt, dass es letztlich doch im Großen und Ganzen um Persönlichkeiten geht, die für die Unabhängigkeit des Kosovo gekämpft haben, und dass man da vorsichtiger sein sollte dabei, wie man vorgeht.

Spengler: Also dass man sich nicht so als Besatzungsmacht aufspielt oder wie verstehe ich das?

Brenke: Dass man klarstellt, dass alle vor dem Gesetz gleich sind, ist selbstverständlich. Dass man dann auch Leute festnimmt, um das zu untersuchen, auch, aber man sollte auf die Gefühle der Kosovaren etwas mehr Rücksicht nehmen.

Spengler: Hat denn die UN-Aktion bei den Festnahmen vielleicht bewusst etwas Demonstratives? Dass man bewusst demonstrieren will: 'Wir lassen Gesetzesbrecher nicht davonkommen, auch wenn sie ethnische Albaner sind'.

Brenke: Ja gut, natürlich sollen Gesetzesbrecher nicht davonkommen. Aber zunächst mal handelt es sich um Leute, die noch nicht verurteilt sind, sondern die überprüft werden sollen bezüglich der Dinge, die ihnen vorgeworfen werden. Und da muss man eben sehr vorsichtig sein mit dem, was man sagt und tut. Für die Albaner ist ganz klar: sie haben diese Entbehrungen und diese Zeit durchgemacht, weil sie unabhängig sein wollen und sie haben die Sorge, dass ihnen diese Unabhängigkeit möglicherweise abhanden kommt oder nicht in der Form, wie sie sich es vorstellen, gewährt wird.

Spengler: Entnehme ich ihren Worten richtig, dass Sie ein gewisses Verständnis für die Proteste der Albaner haben?

Brenke: Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, obwohl ich auch in allen Gesprächen immer wieder deutlich gemacht habe, dass es überhaupt keinen Unterschied geben kann vor dem Gesetz und dass man gegen Kosovoalbaner genauso Überprüfungen einleiten muss und auch Festnahmen vornehmen wie gegen alle anderen. Und das wird immer bestätigt, das sieht im Prinzip jeder ein, und insofern meine ich, ist das auch eine gute Basis, um an dieser Stelle weiterzukommen. Man muss meines Erachtens nur sehen, dass wenn sich bei den Kosovaren der Gedanke festsetzt, dass sich jetzt sozusagen alles umdreht und ihr "Freiheitskampf" umsonst war, dann kann es natürlich Aufdrift geben und diese Problematik in Mitrovica ergibt natürlich auch zusätzlichen Anlass und ist immer wieder ein Brennpunkt von dem heraus weitere Eskalation möglich ist.

Spengler: Ich wollte gerade fragen: es liegen widersprüchliche Meldungen über das Verhältnis der Volksgruppen zueinander vor. So beklagt zum Beispielt der Weltkirchenrat, dass die serbisch-orthodoxen Kirchen nicht geschützt würden und immer wieder Zentrum von Aggressionen seien. Sind diese Bedenken zurecht?

Brenke: Ich weiß nicht - wir sehen, dass immer mehr Kontrollposten und Sperren weggenommen werden. Das wird allgemein als Erleichterung empfunden. Auf der Hauptstraße in Pristina hört man immer mehr serbisch und im individuellen Bereich wird es immer leichter, Kontakte aufzunehmen, miteinander umzugehen. Insofern gibt es sicherlich Fortschritte. Ich war mit dem Minister in einem serbischen Dorf, wir sind zu einer serbischen Familie gegangen und haben Kaffee getrunken... Es gibt alle möglichen Anzeichen für Entspannung im Grunde genommen. Das Problem ist, dass insbesondere in Mitrovica natürlich UNMIK im Augenblick noch nicht die volle Kontrolle über die Dinge hat und in Nordmitrovica/Belgrad noch seine Autorität zur Geltung bringt und sich an dieser Stelle eigentlich die Dinge immer wieder zuspitzen. Man muss im Augenblick eigentlich aufpassen: die meisten Kosovaren wollen jetzt vor allem Recht und Ordnung haben und sehen ein, dass alle Menschen auch vor dem Gesetz gleich sind. Sie wollen damit aber nicht, dass ihr Helden sozusagen öffentlich "verunglimpft" werden, bevor ein klarer Schuldnachweis geführt ist.

Spengler: Das war Siegfried Brenke, UNO-Berater der Regierung im Kosovo. Wir haben das Gespräch vor Beginn der Sendung aufgezeichnet.

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