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StartseiteMarkt und MedienÜber die EU zur freien Presse?28.06.2014

AlbanienÜber die EU zur freien Presse?

In dieser Woche wurde Albanien der lang ersehnte Status eines EU-Beitrittskandidaten zuerkannt. Von den Albanern werden nun umfangreiche Reformen erwartet. Auch Rundfunk und Presse müssen sich dem Wandel stellen. Zwar gibt es formal Medienfreiheit in Albanien, doch die Abhängigkeit von Politik und Wirtschaft ist groß.

Von Vera Linß

Albaniens Premier Edi Rama sitzt am Schreibtisch vor der roten Flagge seines Landes und erläutert den EU-Kandidatenstatus (picture alliance/epa/str)
Albaniens Premier Edi Rama erläutert den EU-Kandidatenstatus seines Landes (picture alliance/epa/str)
Weiterführende Information

Die europäische Tür öffnet sich nicht leicht (Deutschlandfunk, Europa heute, 25.06.2014)

An Medien mangelt es in Albanien nicht. Fünfzig Radiosender, 26 Tageszeitungen und 150 Fernsehsender kann das Balkan-Land vorweisen – bei gerade mal 2,8 Millionen Einwohnern. Dass sich das nicht rentieren kann, liegt auf der Hand. Alle Zeitungen kämpfen mit roten Zahlen. Auch die privaten Fernsehkanäle arbeiten nicht rentabel. Aufs Programm wirkt sich das verheerend aus, erklärt Lufti Dervishi, Nachrichtendirektor beim Privatsender Vision+.

"Wenn es zu viele Fernsehstationen gibt, bedeutet das, dass die meisten unterbesetzt sind und die Zeit, die für echten Journalismus aufgewendet wird, sehr gering ist. Man kann kaum den Hintergrund von Ereignissen darstellen. Sehr präsent sind auch Selbstzensur und eine Haltung des easy going, also dass Journalisten nicht genug Distanz zu Politikern haben. Es stellt sich die Frage: Wer die Themen bestimmt. Und das tun meistens PR-Agenturen, Spin Doktoren oder Offizielle der Regierung und der Parteien. Es ist nicht so, dass die Medien ihre eigene Agenda hätten."

Unabhängiger oder investigativer Journalismus? Nicht in Albanien!

Unabhängigen oder gar investigativen Journalismus sucht man denn auch in Albanien vergeblich. Grund dafür ist aber nicht nur die prekäre wirtschaftliche Situation der Medien, sondern auch eine besondere Mentalität. "Berlusconi-Syndrom" ist der Begriff, der dafür kursiert. Mirela Oktrova, Fernsehdirektorin im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, beschreibt ihn so.

"Es gibt hier die Tendenz jedes Unternehmers, eine FS-Station zu bilden, um ein mediales Schutzschild zustande zu bringen, um das dann zu benutzen für die eigenen Interessen. Und es gibt eine breite Akzeptanz in der albanischen Bevölkerung für das Modell der Medienmanipulierung. Wir sehen teilweise die Medien nicht als vierte Macht, sondern als die unsere Macht."

Auch der gebührenfinanzierte Rundfunk macht hierbei keine Ausnahme. Die Nachrichten im öffentlich-rechtlichen "rt.sh" unterliegen direkter politischer Einflussnahme – wie bei seinem Vorgänger, dem Staatsfernsehen der Enver Hoxha-Diktatur. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist für die albanische Öffentlichkeit kaum ein Thema, konstatiert Mirela Oktrova.

"Einer der Schäden, den wir immer noch zu tragen haben von der kommunistischen Zeitperiode, ist diese gesellschaftliche Mentalität, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als ein Mittel zum Zweck ansieht oder ihn gar ignoriert. Deswegen stellt sich die Frage: Ist die albanische Gesellschaft interessiert ein starkes öffentlich-rechtliches Medium zu haben oder nicht. Und ich denke, bis jetzt war die Antwort Nein."

Zusammengepuzzelte Wahrheit

Stattdessen puzzeln sich die Albaner lieber die Wahrheit aus den pluralen Medienverlautbarungen selbst zusammen. Aus Sicht von Astrit Ibro, der als Hörfunkjournalist auch für die ARD arbeitet, kann das mit Blick auf einen EU-Beitritt so nicht bleiben.

"Wir müssen Modelle suchen und gute Modelle, wahrscheinlich nicht aus Italien. Aber deutsche Modelle, englische Modelle, wo man viel recherchiert und wo man verantwortungsvoll auch in den Medien schreibt und berichtet."

Wie so eine Reform der Medienlandschaft vonstattengehen kann, ist nur schwer vorstellbar. Der Markt ist völlig unreguliert, die zuständige "Autorität der audiovisuellen Medien" etwa tut sich schwer mit Eingriffen. Gledis Gjipali von der NGO "European Movement Albania" setzt auf Druck aus dem Internet. 0´17

"Diese Situation ist nur schwer zu verändern. Ich denke, dass von den sozialen Medien eine positive Wirkung ausgeht. In den letzten drei bis vier Jahren haben wir gesehen, dass einige Onlinemedien mit kritischen und konstruktiven Berichten über die Regierung viele Leser gewonnen haben. Das setzt die traditionellen Medien unter Druck, die sich vergleichsweise schwer damit tun, ihre Haltung zu ändern nur aufgrund öffentlichen Interesses."

Mirela Oktrova, Fernsehdirektorin beim öffentlich-rechtlichen "rt.sh" hofft hingegen, dass die EU die traditionellen Medien zwingt, sich zu reformieren. Dass Albanien nun Beitrittskandidat geworden ist, wirke sehr motivierend,

"...weil das dann die Perspektive aufrecht erhält. Der Albaner an sich ist ein Südländer, der motiviert bleiben muss, um Ergebnisse zu erzielen. Er ist kein Deutscher, der nach Grundregeln spielt. Also Grundregeln sind für den Albaner schwierig. Also man muss motiviert sein und wenn man motiviert ist, dann kann man – alles machen."

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