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StartseiteKalenderblattDer große Unbekannte der deutschen Literatur09.04.2014

Albert Vigoleis ThelenDer große Unbekannte der deutschen Literatur

Heute ist Albert Vigoleis Thelen allenfalls einer kleinen Fangemeinde bekannt. Dabei gehört der niederrheinische Schriftsteller zu den besten Erzählern des 20. Jahrhunderts und kann in einem Atemzug mit Cervantes oder Melville genannt werden. Bei der Gruppe 47 fiel er trotzdem durch. Vor 25 Jahren starb er.

Von Agnes Steinbauer

Hände tippen auf einer alten Schreibmaschine.  (AP Archiv)
Albert Vigoleis Thelens "Die Insel des zweiten Gesichts" gilt als der Roman seines eigenen Lebens. (AP Archiv)
Weiterführende Information

Briefe eines Mussdeutschen (Deutschlandfunk, Büchermarkt, 09.02.2011) 

Albert Vigoleis Thelen (Deutschlandfunk, Büchermarkt, 16.05.2001)

"In der Manege der Wörter war Thelen Jongleur, Clown und Hochseilartist zugleich",

schreibt der Germanist und Thelen-Forscher Jürgen Pütz über einen zu Unrecht vergessenen Dichter. Albert Vigoleis Thelen, geboren am 28. September 1903 in Süchteln am Niederrhein, ist der große Unbekannte der deutschen Literatur, ein Jahrhundertschriftsteller, der, so Pütz, ein "Sprachfeuerwerk" abbrannte, das seinesgleichen sucht. Nur Anfang der 1950er-Jahre leuchtete es kurz auf - besonders hell in Thelens fast 1000-seitigem Hauptwerk "Die Insel des zweiten Gesichts". Es ist der Roman seines eigenen Lebens, zumindest des Teils, den er als "Don Vigo" mit Beatrice, der Frau seines Lebens, von 1931 bis 1936 auf Mallorca verbrachte - Sie: Weltbürgerin aus einer schweizerischen Gelehrtenfamilie, er: ein humorbegabter Melancholiker – mit mehreren Berufen, die nicht zu ihm passten, ein Außenseiter, der dem drohenden Nationalsozialismus den Rücken kehrte, um …

"… der Verherdung eines ganzen Volkes unter einem blökenden Leithammel zu entgehen …"

Nach Mallorca hatte das Paar ein Hilferuf von Beatrices Bruder gelockt, der dort ein Hotel betrieb. Der zwielichtige Bruder - Zwingli genannt - lag aber nicht – wie behauptet – im Sterben, sondern war einer schönen Hure verfallen und brachte die Verwandten um ihre Ersparnisse. Zwinglis Liebesleben wird fast 20 Jahre später zu einer der unzähligen tragikomischen, sprachgewaltigen Geschichten der "Insel" - für Jürgen Pütz vergleichbar mit den Werken Cervantes‘ oder Melvilles:

"Die 'Insel' ist ein Kosmos des Lebens … ein Sprachschatz … und vor allem – was Friedrich Schlegel von jedem Kunstwerk fordert - ein Kontinuum unendlicher Reflexion."

Ihr materielles Elend als hungerleidende Übersetzer, Sprachlehrer und Touristenführer kompensierten die Thelens durch anregende Gespräche in der wachsenden Emigrantengemeinde mit Künstlern und Bohemiens aus ganz Europa. Schriftsteller wie Robert Graves waren darunter, Hermann Graf Keyserling oder Harry Graf Kessler, der Deutschland 1933 verließ und dessen Sekretär Thelen wurde. Als 1936 der spanische Bürgerkrieg ausbrach und der Arm der Nazis bis nach Mallorca reichte, gelangten die Thelens in einer spektakulären Flucht durch halb Europa nach Portugal. Dort überlebten sie als Gutsverwalter und Übersetzer des von Thelen hoch geschätzten Mystikers und Dichters Texeira de Pascoaes.

1953 erschien Thelens "Insel des zweiten Gesichts" in Holland und Deutschland, aber der Ruhm währte nur kurz. Sein ausladend-verästelter Erzählstil, den er selbstironisch Kaktusstil nannte, passte nicht ins literarische Profil der frühen Nachkriegsjahre. Bei einer Lesung 1954 in Bebenhausen kam es zu einem Eklat, den Thelen nie verwand. Noch Jahrzehnte später erinnerte er sich:

"Ich wurde von Hans Werner Richter sehr unfreundlich empfangen, ja ich darf es wohl sagen und ich muss es ja auch schließlich sagen, denn es entspricht der Tatsache und der Wahrheit: es war ungezogen."

Richter – Vorsitzender der Gruppe 47 - hatte sich mit sarkastischen Bemerkungen über Thelens altertümelndes "Emigrantendeutsch" mokiert. Ohrenzeuge war damals der Schriftsteller Walter Jens:

"Hans Werner Richter mochte diese Art der - sagen wir einmal - auch intellektuell geprägten Prosa überhaupt nicht, der war ihm einfach zu gebildet, der Thelen."


1954 erhielt Thelen zwar den Fontanepreis und später das Bundesverdienstkreuz, aber als sein 1956 erschienener Roman "Der schwarze Herr Bahßetup" von der Kritik verrissen wurde, zog sich der empfindsame Dichter zurück. Thelen, der seinen zweiten Vornamen Vigoleis einem mittelalterlichen Versepos entlehnt hatte, publizierte nur noch in Kleinverlagen, schrieb literarisch bemerkenswerte Briefe, las und dichtete weiter - für Beatrice und seine Fangemeinde. Albert Vigoleis Thelen starb am 9. April 1989 – vermutlich umgeben von vielen Büchern.

Thelen:

"Denn im Anfang war das Wort, war bei dem, der es erlöste, und es zeugt sich ewig fort, dass es Dich, oh Sterbling, tröste."

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