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StartseiteKultur heuteAlceste, der Berserker20.09.2010

Alceste, der Berserker

Molières "Menschenfeind" an der Berliner Schaubühne

Molières "Menschenfeind" handelt von einem Mann, der ein Anhänger kompromissloser Aufrichtigkeit ist. Die Schmeicheleien am königlichen Hof verabscheut er - und verliebt sich dennoch in eine Frau, die dieses von ihm abgelehnte Leben verkörpert. Ivo van Hove gelingt eine Neudeutung des 340 Jahre alten Stücks.

Von Eberhard Spreng

Judith Rosmair, Lars Eidinger (Jan Versweyveld)
Judith Rosmair, Lars Eidinger (Jan Versweyveld)
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Schaubühne am Lehniner Platz

Alles ist doppelt. Zum einen der Bühnenraum: vorne eine kalte weiße Welt, die von zwei dunkel glänzenden Glasflächen eingefasst ist, und hinten ein Lamellentor, durch das man in ein großes Schminkzimmer gelangt. Zum anderen das Bild: Zwei Kameras folgen den Schauspieler in ihren realen Aktionen, was sie aufnehmen, erscheint virtuell auf einem großen Monitor, der in der Rückwand eingelassen ist. Und drittens ist auch die Seele der Protagonisten eine doppelte: Zum einen sucht dieser Alceste mit seiner fundamentalistischen Wahrheitsgier nach einer schöneren Welt des offenen menschlichen Umgangs, zum anderen kaschiert seine hehre Lebenseinstellung eine ziemlich miese kleine und höchst intolerante Eifersucht.

Und die geliebte Celimène? Sie fordert als emanzipierte junge Frau zum einen das hedonistische Recht, ihre Zeit mit diversen jungen Herren zu vertreiben und sehnt sich zum anderen nach einer tiefen Liebesbeziehung mit Alceste. Die Ausnahmeakteurin Judith Rosmair spielt ungehemmt die beiden Passionen ihrer Figur: Den Genuss, vielfach begehrt zu werden und den Spaß an der Herrschaft über die Neigungen der Herzen. Ihrer Celimène ist in der nüchtern modernen Inszenierung des Ivo van Hove der Jahrhunderttransfer aus dem Barock in die heutige prekäre Spaßgesellschaft am besten bekommen. Auch die ältere, einflussreiche und um Alceste klug werbende Arsinoé ist in Corinna Kirchhoffs Darstellung eine ungemein moderne Figur. Ihr Rededuell mit der Konkurrentin gehört zu den stärkten Momenten der Aufführung:

"Darum sollten sie sich nicht in falschem Stolze wiegen,
brüsten sie sich nicht mit ihren leichten Siegen
auf alle Welt von oben blasiert herabzusehen
zu solchem Hochmut scheint kein Anlass zu bestehen
und sollten wir tatsächlich neidisch sein
auf Damen ihres gleichen
wir können auch sein wie ihr
und unser Ziel erreichen,
euch Beweise liefern von Rücksicht nicht bewegt,
dass jede Männer findet sofern sie Wert drauf legt. "

In Corinna Kirchhoff trifft die alte Schaubühne auf die neue und irgendwie auch die reife Frau auf das verspielte Mädchen. Dankenswerterweise bleibt in der Schwebe, ob beide Alceste wirklich lieben, oder nur als Objekt konkurrierender Herrschaftssphären begreifen, ein Mann, der solange interessant ist, solange er Gefahr läuft, sich ihrem Einfluss in einem seiner psychotischen Schübe völlig zu entziehen.

Denn Lars Eidinger spielt die Titelfigur als ungehemmten Berserker. Er prügelt sich mit Oronte, er versucht Eliante zu vergewaltigen, er besudelt sich mit Nahrungsmitteln einer improvisierten Party, er zerrt Plastiksäcke aus dem Theatermüllcontainer und verstreut ihren Inhalt auf der Bühne. Solchermaßen sehr früh schon als Triebtäter gebrandmarkt, wirkt sein Faible für Billy Joels "Honesty" wie die Marotte eine Spätpubertären. Wenn er "Honesty is such a lonely word" grölt, dann gefällt ihm an seiner Einsamkeit besonders, dass er sie in einem mit Menschen und Zuneigungen gut gefüllten Salon kultiviert und eben nicht in der zivilisationsfernen Einöde der unberührten Natur.

Konsequenterweise zeigt die Inszenierung am Ende, dass der angebliche Aussteiger in seinem Leben niemals das Weite und die Freiheit suchen, sondern weiterhin bestrebt sein wird, sich bei den Damen mit seinem Fundamentalismus interessant zu machen. Mit Lars Eidingers Alceste erfahren wir leider nicht viel über das Unbehagen in der Spaßkultur, das eine zeitgenössische Entsprechung sein könnte für das kapriziöse Versteckspiel wahrer Empfindungen in der reichen Salongesellschaft der Molière-Zeit. Ivo van Hove versammelt indessen noch einmal einige der bekannten Zeichen einer egomanisch-narzisstischen Zivilisation. Wenn gut gelaunte Partygäste den Salon erobern, dann allesamt mit dem Handy am Ohr. Wenn sie sich ihre Liebste vor Augen oder einen Untreuebeweis führen wollen, dann mit einem kleinen Video im I-Phone oder eines Apple Tablet-PCs.

Bilder sind in der den Text klug umsetzenden Inszenierung aber vor allem das beherrschende Mittel des Selbstbetrugs. Sehr kunstvoll schieben sich auch für den Zuschauer die Bilder der beiden hinter den Glasflächen versteckten Kameras immer wieder vor die Wahrnehmung des ursprünglichen Bühnenspiels. Damit das künstliche Auge nicht geblendet wird, kommt alles Licht ausschließlich wie eine kalte Dusche von zahlreichen Neonkästen über der Bühne. Theater ohne Vorder-, Gassen- und Rampenlicht, das ist Theater ohne Glanz in den Augen, klinisch, geeignet fürs Sezieren und Operieren. Dabei wurde offensichtlich: Das Herz des über 340 Jahre alten Stücks schlägt immer noch kräftig.

Infos:
Schaubühne am Lehniner Platz

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