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StartseiteBüchermarktEpochenbild aus südosteuropäischer Perspektive14.03.2021

Aleksandar Tišma: "Erinnere dich ewig"Epochenbild aus südosteuropäischer Perspektive

Bedrohung durch Nationalismus und Antisemitismus, der Zerfall Jugoslawiens, die in Demenz versinkende Mutter, sexuelle Scharmützel: In seiner Autobiografie schildert der serbische Schriftsteller Aleksandar Tišma, wie sein eigenes Leben von Abgründen der Gewalt und Leidenschaft geprägt wurde.

Von Wolfgang Schneider

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Aleksandar Tišma: "Erinnere dich ewig. Autobiographie" Zu sehen sind sind das Buchcover, auf dem der Autor abgebildet ist und eine Straßenansicht von Novi Sad (Cover: Schöffling Verlag / Foto: Imago / agefotstock)
Aleksandar Tišma: "Erinnere dich ewig. Autobiographie" (Cover: Schöffling Verlag / Foto: Imago / agefotstock)
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Aleksandar Tišma über ein Mädchenepos

Nach den überraschend gewaltfreien politischen Umbrüchen und Revolutionen von 1989 wähnte man sich im Westen fast schon im ewigen Frieden. Aber nur wenig später, 1991, kehrte mit dem jugoslawischen Konflikt der Krieg nach Europa zurück. 1991 war auch das Jahr, in dem erstmals in deutscher Übersetzung "Der Gebrauch des Menschen" erschien, Aleksandar Tišmas großer Roman über die Wirren und Verheerungen, die mit der nationalsozialistischen Besatzung 1941 über Jugos­lawien kamen.

Man las dieses dunkle Buch nun wie einen hintergründigen Begleit­text zu den aktuellen Kriegs­nachrichten vom Balkan. Dort setzte sich fort, was Tišma so eindringlich beschrieben hatte: der nationa­listisch und rassistisch motivierte "Gebrauch des Menschen".

Ein doppelter Niedergang

1991 erweist sich auch als Schlüsseljahr von Tišmas Autobiografie "Erinnere dich ewig". Es ist für den Schriftsteller ein Jahr des doppelten Elends: Nicht nur der Staat Jugoslawien zerfällt, dem er sich trotz aller politischen Kritik verpflichtet fühlt. Auch seine Mutter Olga, die er pflegt, versinkt immer mehr in der Demenz und verbringt die letzten Monate bis zu ihrem Tod in einem Heim. Dort besucht er sie fast täglich. Dieser doppelte, als Parallelaktion beschriebene Niedergang – des Staates einerseits, der Mutter andererseits – gibt den Lebenserinnerungen Tišmas eine tief melancholische, aber auch sehr berührende Rahmung.

"Jugoslawien ging unter, Jugoslawien brach dort, vor meinen Augen, auseinander, während ich mit einem Löffel Suppe in den welken, zahnlosen Mund meiner Mama schob, um sie am Leben zu erhalten. Ihr Leben wurde jedoch immer weniger, wie auch das Leben Jugoslawiens auf dem Fernsehschirm. Noch konnte ich beidem nicht entsagen. Wie sollte ich auch?"

Meine liebe Majka

Ein zentrales Motiv von "Erinnere dich ewig" ist die Unzugehörigkeit. Die prägenden Jugendjahre erlebte Tišma in den dreißiger und vierziger Jahren – einer Zeit, in der nationale Zugehörigkeiten und ethnische Zuschreibungen über Leben und Tod von Menschen bestimmen konnten.

Tišma war der Sohn eines serbischen Kaufmanns und einer ungarischen Jüdin. In den Jugend-Kapiteln der Autobiografie schildert er, wie die Grunderfahrung der gespaltenen und fragwürdigen Identität seine Wesensart prägte und sein Verhalten bestimmte: seine Ambivalenz, seine Unentschiedenheit, seine Skepsis und Vorsicht. Durch sie unterschied er sich von vielen Zeitgenossen, bei denen politisch-ideologische Eindeutigkeit herrschte.

Aus seinem Erzählwerk kennt man Tišma als unerbittlichen Beobachter und beinharten Realisten. Hier nun, in seiner Autobiografie, schildert er mit ungewohnter Wärme das Verhältnis zu seiner Mutter und insbesondere zur Großmutter Terezija Müller, die er "meine liebe Majka" nennt. Sie war eine vitale, unterhaltsame Frau, deren Gedächtnis so frisch blieb, dass sie mit über neunzig Jahren noch ihre Memoiren schrieb.

Eine wachsende Bedrohung

Die Mutter dagegen hatte früh etwas Bedrücktes, Kopfschmerzgeplagtes. Tišma vermutet, dass sie sich vom kaum noch praktizierten Judentum weiter entfernen wollte, indem sie einen Serben heiratete und ihren Sohn Aleksandar christlich-orthodox taufen ließ. Denn nach dem Ersten Weltkrieg gingen die Jahre der gelingenden jüdischen Assimilation zu Ende.

Es wuchs die Bedrohung durch Nationalismus und Antisemitismus. Sehr beeindruckend beschreibt Tišma, wie sich bei der Mutter das alte, tief verinnerlichte Gefühl der Bedrohung 1991 plötzlich wieder geltend macht – obwohl die Demenz die eigentlichen Erinnerungen an die Kriegszeit doch längst zerstört hat. In ihrem Pflegeheim flackern nun die Bilder des jugoslawischen Bürgerkriegs über den Bildschirm, und die alte Frau stellt dem Sohn eine Frage, in der Tišma beklommen das Echo der Vergangenheit vernimmt:

"Vor ihrem Tod, vielleicht nur zwei oder drei Wochen früher, wollte sie sich offensichtlich nach meinem Wohlbefinden erkundigen und stellte mir unter anderem die Frage: ‚Lassen sie dich in Ruhe?‘ Ich war überrascht, (…) daher blieb ich stumm und wartete, bis sie die Frage wiederholte, was sie auch tat: ‚Lassen sie dich in Ruhe?‘ Nach ihrem Tonfall und dem Blick, von dem diese Frage begleitet war, zu urteilen, meinte sie wohl die Menschen in meiner Umgebung und ihren eventuellen Drang, mich nicht in Ruhe zu lassen, mir zu schaden, weil ich anders, nämlich wie sie jüdisch war."

Das Massaker von Novi Sad

Nicht in Ruhe gelassen zu werden ist die Urangst von Menschen mit abweichender Identität, die Urangst insbesondere der Juden. Das Schmerzzentrum im Werk Tišmas ist das in ihnen wiederholt beschriebene dreitägige Massaker von Novi Sad im Januar 1942. Dabei kamen über 1.200 Menschen ums Leben, vor allem Juden und Serben.

Im Strandbad an der Donau mussten die nackten Menschen, darunter Tišmas geliebte Großmutter, bei minus 30 Grad eine Warteschlange bilden, die wie eine bösartige Parodie auf den sommerlichen Andrang der Badegäste wirkte. Sie wurden erschossen oder erschlagen und durch blutverschmierte Eislöcher in den Fluss gewor­fen. Die Großmutter entging dem Tod nur knapp, weil die Mordaktion vorzeitig abgebrochen wurde.

Stalingrad ist keine Erwähnung wert

Von den autobiografischen Werken Tišmas sind bisher nur seine Tagebücher aus den Jahren 1942 bis 1951 in deutscher Übersetzung erschienen. Dort hat sich Tišma auf sein eigenes Erleben konzentriert; auf das, was ihn wirklich umtrieb. Und das waren offenbar weniger die historischen Ereignisse und der Weltkrieg als seine eigenen sexuellen Scharmützel. Nicht einmal Stalingrad war ihm eine Erwähnung wert; auch das Massaker von Novi Sad blieb wie jeder Kommentar zur Judenverfolgung ausgespart.

Das konsequente Ausblenden histori­scher Ereignisse hat allerdings etwas Stimmiges: Auch in Tišmas Romanen erscheinen die Figuren oft reduziert auf das Kreatürliche, Triebhafte. In seiner Erzählwelt gibt es keine höhere Ordnung, keine Metaphysik, sondern nur die Biologie des Körpers. Historische Zusammenhänge sind dagegen etwas Nachträgliches. Diese Nachträglichkeit bestimmt nun im besten Sinn die Erzählweise der Autobiografie: eine keineswegs versöhnte, aber doch gelassen überschauende, einordnende, weite Linien ziehende Sicht auf das eigene Leben und die Epoche.

Lebenslust und Überlebenskunst

Tišma schildert, wie er sich mit viel Glück und Überlebensinstinkt durch die Kriegszeit laviert. Vor den Schikanen der Besatzung in Novi Sad weicht er nach Budapest aus, wo er als Student an der philosophischen Fakultät eingeschrieben ist. Auch dort geht er aber vor allem seinen amourösen Abenteuern nach. Mitten im Krieg sind die Kaffeehäuser und Nachtlokale voll. Viele Menschen suchen noch den Lebensgenuss, bevor die unausweichliche Katastrophe kommt. Anfang 1944 besetzen die Deutschen Ungarn; eine halbe Million Juden werden daraufhin nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Die totale Mobilmachung wird angeordnet, und Tišma erwägt, nach Novi Sad zurückzukehren. Dennoch beschließt er, sich diesmal nicht zu entziehen, und wird mit anderen Budapester Studenten in ein Arbeitslager nach Transsilvanien geschickt, um dort Panzergräben gegen die näher rückende Rote Armee auszuheben.

Auf diese Weise entgeht er in der tiefsten Provinz den Todesgefahren der Okkupation. Ende 1944, nach seiner Rückkehr nach Novi Sad, wird er allerdings doch noch rekrutiert – nun von Titos Volksbefreiungsarmee. Aber wieder hat er Glück. Ohne ein Instrument zu beherrschen, wird er kurzfristig Mitglied in einer Militärkapelle. Dann arbeitet er in Slowenien bei der militärischen Postzensur. So entgeht er den letzten, verlustreichen Kämpfen.

Sinnlichkeit ohne Liebe

Das einzige Heldentum, das Tišma in der Kriegszeit an sich entdecken kann, ist die Tapferkeit im Erdulden von Geschlechtskrankheiten. Mit seinem sexuellen Hunger und seiner ständigen Frauenjagd liegt er quer zur eher asketischen Moral der Partisanen und der Kommunistischen Partei. Dass sich Tišma so schwer damit tut, Liebe und Sexualität zusammenzubringen, begründet er wiederum mit der Zerrissenheit seiner Identität und den prägenden Erfahrungen im Elternhaus:

"Eine Art von Frauen liebte ich und mit einer anderen schlief ich, als wäre bei mir die Sinnlichkeit nicht an die Liebe gekoppelt. Das war sie auch nicht, weil ich mich eigentlich vor der Liebe hütete, vielleicht aus Angst, den Fehler meines Vaters zu wiederholen. Er hatte sich aus Liebe an eine Frau gebunden, die ihn kraft dieser Bindung beherrschte und ihn zum Judentum hinzog, zu jenem Judentum, das sich infolge des Kriegs und der Okkupation als immer gefährlicher erwies, sowohl für die beiden als auch für mich. Ich wollte von niemandem beherrscht werden, vor allem nicht von einer Frau."

Ein Leit- und Leidensmotiv dieses Erinnerungsbandes ist Tišmas Hadern mit der Geografie. Er, der sich nach der westlichen Kultur und insbesondere nach Frankreich und Paris mit seinen klischeehaften erotischen Reizen sehnte, fühlte sich eingesperrt in eine Ecke der Wojwodina. Selbst das Reisen war ihm lange Zeit nicht möglich, weil ihm ein Pass verweigert wurde.

Paris oder Novi Sad?

So fühlte er sich verdammt dazu, hinter einem, wie er schreibt, "eisernen Vorhang der Scham und Ignoranz" in der Ödnis von Novi Sad zu darben. Bis er eines Tages gerade diese besondere Lage als seine Chance begriff und sich nicht mehr hinwegträumte nach Paris, sondern die Menschen und die Geschichten von Novi Sad als sein ureigenes Erzählmaterial zu schätzen lernte.

Novi Sad, die Stadt, die Tišma mit seinen Erzählwerken in die Landkarte der Weltliteratur eingezeichnet hat, ist allerdings kein Provinzflecken, sondern die zweitgrößte Stadt Serbiens mit über 200.000 Einwohnern, gegründet bereits im Spätmittelalter. Tišmas Gefühl des Eingesperrt-Seins resultierte denn auch eher aus dem Umstand, dass diese Region Südosteuropas das historische Unglück hatte, immer wieder unter totalitäre Regime zu geraten.

Eine groteske Szene

Im Zweiten Weltkrieg war es die brutale ungarische Besatzung, danach über vier Jahrzehnte der Tito-Kommunismus. Die sozialistischen Illusionen vergingen dem Skeptiker Tišma jedoch schon beim Anblick der sowjetischen Soldaten, die 1945 als Befreier kamen, allerdings auch Fahrräder und Armbanduhren stahlen und im Alkoholrausch Frauen vergewaltigten. In einer grotesken Szene der Autobiografie schildert Tišma, wie zwei von ihnen plötzlich gegen ein altes Ehepaar das Misstrauen hegen, Klassenfeinde zu sein:

"Eines Tages (…) traf ich in Beli Manastir zwei sowjetische Soldaten, die bei einem alten Ehepaar zu Mittag essen sollten. Während sie auf das Essen warteten, betrachteten sie die Teller und die daneben liegenden Löffel, Gabeln, Messer. Es waren einfachste, billigste Bestecke aus vernickeltem Eisen, deren Griffe mit Kränzen verziert waren. Ein Soldat nahm mich beiseite und wollte von mir wissen, ob seine Gastgeber Aristokraten seien, da sie sich derart geschmückter Bestecke bedienten. Es war klar, dass er etwas so Prunkvolles noch nie gesehen und Zweifel gegen diese alten Leute bekommen hatte, obwohl sie in einer armseligen Bude hausten. Ich erklärte ihm wie einem Kind, das Besteck, das er in der Hand hielt, sei kein aristokratischer Gegenstand, die Fabrik habe sich lediglich bemüht, es mit den Kränzen an den Griffen schöner zu gestalten."

"Erinnere dich ewig" ist reich an solchen plastischen sozialen Miniaturen, insbesondere in jenen Partien, die die Jahre vor Tišmas Durchbruch als Schriftsteller schildern. Lange Zeit verdiente er sein Geld als Journalist, unter anderem für das Parteiblatt "Borba", was unweigerlich mit politischen Anpassungen und ideologischen Verrenkungen verbunden war.

Ideologische Anpassung als Journalist

Die Prinzipien des Sozialistischen Realismus, die zunächst in der sowjetischen Literatur entwickelt worden waren, bestimmten als Wirklichkeitsfilter zunehmend auch die Praxis des Journalismus. Informationen wurden so zusammengesetzt und angereichert, dass sich das gewünschte Bild ergab. Tišma erinnert sich selbstkritisch:

"Berichtete man über einen jungen Arbeiter, der sein Soll übererfüllt hatte, wurde er als gutaussehender und kräftiger Mann beschrieben, der (…) saubere Kleidung trug und sich gut auszudrücken vermochte. Ging es aber um einen Großbauern, der nicht so viel Weizen lieferte, wie von der Kommission verordnet war, oder um einen Spekulanten, der Gewinne erzielte beim Wiederverkauf von Lebensmitteln, die als Mangelware galten, so war er hässlich, stammte aus einer Familie, die während des Krieges mit den Besatzern kollaboriert hatte, verständigte sich unbeholfen und zitterte unterwürfig der Strafe entgegen. (…) Wir jungen Journalisten passten uns schnell den Anforderungen an und erfüllten sie geschickt. Dafür stiegen wir nicht nur schnell auf, sondern bekamen auch stolze Gehälter."

Obwohl Tišma sich bisweilen riskant verhielt und gegen ideologische Vorgaben verstieß, geriet er nicht ins Visier der Geheimpolizei. Während Zehntausende auf der kahlen Gefängnisinsel Goli Otok, Titos Gulag, geschunden wurden, schloss man Tišma in den fünfziger Jahren lediglich aus der Kommunistischen Partei aus. Im Nachhinein erklärt er sich diese relative Milde dadurch, dass er politisch einfach nicht für voll genommen wurde. Er, der sich für Literatur und Frauen, nicht aber wirklich für Politik interessierte, taugte nicht für Verschwörungen und Feindschaft; das hatte der Geheimdienst offenbar mit sicherem Instinkt erkannt.

Die Zeit der großen Erzählwerke

Als Schriftsteller erlebt Tišma seine fruchtbarste Zeit in den siebziger und achtziger Jahren. Nach langen, umständlichen Anläufen scheint nun alles zu gelingen. Sein sogenannter Pentateuch entsteht. Er umfasst die herausragenden Romane "Das Buch Blam", "Der Gebrauch des Menschen", "Treue und Verrat", "Kapo" sowie den Erzählband "Die Schule der Gottlosigkeit".

Dann aber versiegt seine Produktivität fast schlagartig. Es scheint alles gesagt; weitere Romane wollen nicht gelingen, bis er die Arbeit daran endgültig aufgibt. Während er in den neunziger Jahren im Zenit seines internationalen Ansehens steht, vor allem in Frankreich und Deutschland gerühmt wird und viele Lesereisen unternimmt, ist er in Wahrheit ein bereits ausgeschriebener Mann, der die verbleibenden Jahre seines Lebens mit Lektüre, Schlaf und Spaziergängen zu verbringen gedenkt. Mit der literarischen Aktivität ist zur Überraschung seiner Ehefrau Sonja, der er viel zugemutet hat, auch seine sexuelle Abenteuerlust erloschen. Er sehnt sich nach Ruhe. Und kümmert sich um seine Mutter.

Strategische Abkehr vom Stalinismus

Aleksandar Tišmas Autobiografie beschwört im Schlechten wie im Guten ein untergegangenes Land: Jugoslawien. Es war einer der merkwürdigsten Staaten Europas, ein kommunistisches Land, das aber von Titos früher, strategisch geschickter Abkehr vom Stalinismus stark profitierte. Ein Land, in dem man viel besser lebte als in den anderen sozialistischen Ländern.

Die Vereinigten Staaten waren erfreut über den Riss im Gebäude des Kommunismus und belohnten Jugoslawien für die Eigensinnigkeit mit regelmäßigen Finanzspritzen in Milliardenhöhe. In Jugoslawien, zudem reich an reizvollen Küsten und Urlaubsgebieten, konnten es die Menschen zu einer gewissen Leichtigkeit des Seins bringen. Tišma schreibt:

"Rechnet man dazu den sicheren Arbeitsplatz, (…) lebte man hier sogar besser als in jedem anderen Land der Welt. Der Kommunismus, diese Utopie der Gleichheit, wurde durch die fremden Geldgeschenke zu einer Unverbindlichkeit, zu einer Leichtigkeit des unverantwortlichen Seins verwässert. Wir wurden zu einem betrügerischen und berechnenden Land. Die Fabriken bekamen problemlos neue Maschinen, die Kunstgalerien und Festivals erhielten Gelder, mit denen sie Gastspiele ausländischer Künstler finanzierten, den einfachen Menschen wurden problemlos Kredite gewährt. Fast jeder besaß einen Wagen und ein Wochenendhaus."

Verlierer der Entwicklung

Dass dieses sonderbare Land Anfang der neunziger Jahre in den blutigsten europäischen Bürgerkrieg nach 1945 versank – daran, so Tišma, waren alle gleichermaßen schuld. Die Slowenen und Kroaten waren der serbischen Dominanz im jugoslawischen Bund überdrüssig.

Der Westen wiederum feierte den Zerfall der kommunistischen Staaten Osteuropas damals als Sieg und Ende der Geschichte. Der Niedergang sollte sich in Jugoslawien fortsetzen; deshalb unterstützte man den Separatismus der Slowenen und Kroaten und stellte sich gegen die Serben, die sich wiederum vom Kommunismus nicht lösen wollten, weil nur er auf die für Serbien vorteilhafte Einheit des Landes verpflichtet war.

Die Serben empfanden sich so als die großen Verlierer der Entwicklung. Als eine Nation, die mit den Gespenstern der Vergangenheit auf vertrautem Fuß lebt, sahen sie mit Schrecken die Wiederkehr der kroatischen Schachbrettmuster-Flagge, die während des Zweiten Weltkriegs im faschistischen Staat Kroatien über Gruben geweht hatte, in die die ermordeten Serben geworfen worden waren.

Jugoslawien als kosmopolitische Formel

Aleksandar Tišma hat an der übernationalen Idee des Jugoslawismus bei aller Kritik an der Tito-Diktatur weiterhin viel Positives gefunden. Es war für ihn eine kosmopolitische Formel des Balkans. Jugoslawe sein bedeutete für ihn, sich für keine ethnische Nationalität entscheiden zu müssen, sondern eine offene, vieles einbeziehende, vieles verstehende Identität zu kultivieren.

Tišma hat an seiner Autobiografie, die er in den ersten Monaten des Jahres 1992 niederschrieb, nicht lange gefeilt; auf stilistischen Glanz kam es ihn nicht an. Aber wie die Tagebücher und die literarischen Werke des Autors haben auch die "Erinnerungen" den Vorzug der schonungslosen Ehrlichkeit.

Tišma redet nie um die Sache herum, es kommt ihm nicht darauf an, sich besser zu machen, als er ist. Zum Reiz dieser Erinnerungen eines bedeutenden europäischen Schriftstellers gehört aber vor allem, dass Tišma seine Erlebnisse hier, anders als in den Tagebüchern, in gesellschaftliche und politische Zusammenhänge einbindet. So bietet diese Autobiografie zugleich ein faszinierendes Bild der Epoche und ihrer Umbrüche. Und sie macht Lust, die großen Romane dieses Schriftstellers wiederzuentdecken.

Aleksandar Tišma: "Erinnere dich ewig. Autobiographie"
Aus dem Serbokroatischen von Mirjana und Klaus Wittmann. Mit einem Nachwort von Ilma Rakusa.
Schöffling & Co., Frankfurt 312 Seiten, 24 Euro.

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