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StartseiteBüchermarktSexueller Missbrauch im Knabenchor21.08.2020

Alexander Chee: „Edinburgh“Sexueller Missbrauch im Knabenchor

Trauma, Schuld, Identitätsfindung: Aus der Sicht des zwölfjährigen Phi hat Alexander Chee einen Roman über sexuellen Missbrauch und das Erwachsenwerden geschrieben – beeindruckend, differenziert und mit poetischer Erzählweise.

Von Tanya Lieske

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Der US-amerikanische Schriftsteller Alexander Chee (Albino Verlag / M. Sharkey)
Der US-amerikanische Schriftsteller Alexander Chee (Albino Verlag / M. Sharkey)
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Aphias Zhe heißt der jugendliche Protagonist dieses Romans. A und Z, Alpha und Omega, Anfang und Ende klingen in seinem Namen an, und natürlich auch der Name des Autors, Alexander Chee. Doch wie um diesen enormen Assoziationsraum etwas zu verkleinern, gibt der Erzähler den Lesern auch seinen Spitznamen mit auf den Weg:

"Aphias war der Name eines Lehrers in Schottland, ein Urahn meiner Mutter vor fünf Generationen. Zhe ist der Name jedes Mannes in der Familie meines Vaters, seit wir vor 500 Jahren im Meer zwischen Japan und Korea zu Fischern wurden. Im Mund meines Freundes Peter wurde auch Aphias Phi, und aus Phi auf dem College Fidschi. Den Namen Phi behielt ich, weil Peter ihn mir gab. "

Eine trügerisch ruhige Kulisse

Die verschiedenen Kulturen seiner Eltern sind in der Kindheit für den Erzähler Phi so prägend wie seine Freundschaft zu Peter. Peter ist die erste große, aber unerwiderte Liebe des Erzählers, der bereits mit anbrechender Pubertät begreift, dass er homosexuell ist. Zwölf Jahre alt sind Peter und Phi, als sie beim Leiter eines Kirchenchors vorsingen. Es ist der Pine-State-Knabenchor im nordwestlichsten US-amerikanischen Bundesstaat Maine.

Maine als Ort der Handlung ist durchaus maßgeblich. Beschworen werden in Alexander Chees Roman die pittoresken, etwas verschlafenen Küstenstädte Neuenglands. Es ist eine beschauliche, zugleich trügerisch ruhige Kulisse. Die Eruptionen der Adoleszenz, aber auch Phis innere Anbindung an die Kulturräume seiner Vorfahren garantieren eine permanente Unruhe.

Mythos von der Gestaltwandlerin

In der Familie des Vaters gibt es ein Trauma, das zurück geht in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Der Großvater hat damals sechs ältere Schwestern verloren:

"Fort, und niemand hat je wieder von ihnen gehört. Trostfrauen, wie die Japaner alle Frauen nannten, die sie für ihre Soldaten stahlen. Nur dass seine Schwestern noch Mädchen waren. "

Der Großvater erzählt Aphias Zhe im gleichen Atemzug einen alten japanischen Mythos von einer Füchsin, die sowohl Gestaltwandlerin als auch Dämonin ist. Es sind dunkle und berückende Bilder, die ab hier immer wieder variiert werden, und die den Stoff dieses Romans nach ihrer eigenen, nicht kausalen Logik organisieren.

Big Eric im Knabenchor

Das, was Phi in den Jahren seiner Adoleszenz an Liebe, Begehren und Missbrauch erfährt, steht im Bannkreis der Feuerfüchsin und ist stärker als die üblichen Gewissheiten:

"Die Hofdame Tamamo war eine Füchsin, die sich in einen Mann verliebte und die Gestalt einer Frau annahm, um ihn heiraten zu können.  Da ihre Haare rot blieben, fürchtete man sie, denn im alten Korea galten alle Rothaarigen als Dämonen. Als ihr Mann starb und seine Verwandten kamen, um den Leichnam aufzubahren und einzuäschern, war sie es, die das Feuer unter ihm schürte. Die Verwandten sahen ihr dabei ängstlich zu. Würde sie sich in einen Fuchs zurück verwandeln und sie allesamt töten? Sie lächelte in die Runde, legte ihre Hand auf das kühle Gesicht ihres Mannes und stieg in die Flammen, die so stark aufloderten, dass sie nicht mehr zu sehen war."

Aphias Zhe und Peter werden von dem Chorleiter des Pine State Knabenchors, der sich ihnen jovial als "Big Eric" vorstellt, im Ersten Sopran angeheuert. Ihr geschlechtliches Erwachen geht einher mit der erotischen Verführung durch den Klang der eigenen Sopranstimme und mit einem Eintauchen in die Welt der Kunst, die ihnen neue innere Räume erschließt. Dabei erweist sich Big Eric als jemand, der die Chorknaben fördert und fordert, aber auch gegeneinander ausspielt.

Sein Körper war ihm zu groß

Schließlich, in einem Sommercamp, wird er alle Jungen, die blond sind, sexuell missbrauchen. Auch Phis Freund Peter. Hier gelingt Alexander Chee das bemerkenswerte Kunststück, über Schrecken und Angst zu schreiben, ohne explizite Details preiszugeben. Auch, ohne den Täter Big Eric zu desavouieren. Tatsächlich finden sich in diesem Roman immer wieder Zeilen der Annäherung, sogar des Erbarmens:

"Er sah nicht, dass er groß war und wir nicht. Sein Körper war ihm zu groß, ein Bärenkostüm, ausgeliehen für eine Party, und dann war er plötzlich weg. In dem Moment, in dem er uns berührte, war er wieder ein Junge. Und in diesem Moment wurden auch wir durchbohrt. Der Schmerz streckte die Hand aus und sprang wie das Feuer vom Verbrannten auf den Brennenden. Verbrennen verbirgt, was da brennt."

Was dem Großvater mit seinen Schwestern geschah, erfährt auch Aphias Zhe. Er muss zusehen, dass eine Person, die er liebt, an einem sexuellen Missbrauch zugrunde geht. Später wird Peter den Suizid durch den Feuertod wählen, womit die Allegorie der Feuerfüchsin eingelöst ist.

Buchcover: Alexander Chee: „Edinburgh“ (Albino Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)Buchcover: Alexander Chee: „Edinburgh“ (Albino Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)

Ein Dämon ist freigesetzt

Obgleich die juristische Schuld in "Edinburgh" eindeutig beantwortet wird, Big Eric wird zu fast zwei Jahrzehnten Gefängnis verurteilt, so hat seine Tat doch einen Dämon freigesetzt. Als Kind macht sich Aphias Zhe Vorwürfe, weil er seinen Freund Peter nicht vor dem Chorleiter gewarnt hat. Ein Jahrzehnt später wird sich Zhe, er ist mittlerweile Schwimmlehrer an einem College, selbst in einen jungen Mann verlieben, der noch nicht volljährig ist.

Beide werden diese Liebe – die Feuerfüchsin - als ein verzehrendes Feuer erleben. Alexander Chee bedient sich an einer Stelle des Homophons von Schuld und Gold, von Guilt und dem mittelenglischen Wort Gilt um sein Argument in beeindruckender Weise zuzuspitzen. An dieser Stelle sei die Übersetzung von Nicola Heine und Timm Stafe erwähnt, die alle Nuancen dieses Romans mitnehmen:

"Und da fällt ein Sonnenstrahl durch die Bäume und verfängt sich in ihm. Gild. Gilt. Guilt. Vergolden. Vergoldet. Nicht abgegoltene Schuld. In meinem Lehrbuch zur Literatur des Mittelalters steht, dass gilt ursprünglich blutbefleckt bedeutet hat. Und im Sonnenuntergang sieht er rot aus, blutrot. Nicht wie frisch vergossenes Blut, sondern wie seine Essenz, sein Wesen, das warme Rot allen Lebens."

Kein Roman der einfachen Botschaften

So entsteht und vergrößert sich ein Feld der vagabundierenden Schuld. Alexander Chees literarische Verarbeitung des Stoffes bekommt ihre Gültigkeit auch dadurch, dass er sich dazu bekannt hat, selbst als Kind missbraucht worden zu sein. In seinem Essayband "Wie man einen autobiografischen Roman schreibt" kann man nachlesen, was den Roman von einem Memoir unterscheidet. Es geht für Alexander Chee nicht um Bewältigung, sondern um die Verwandlung von Erleben in einen Akt der Erkenntnis:

"Würde man die Geschichte deines Lebens aufschreiben, wäre damit weder beschrieben, wie du dazu kamst, über dich und dein Leben nachzudenken, noch was du aus deinem Leben gelernt hast. Literatur kann das – und heute würde ich sogar sagen, genau das ist ihre Aufgabe."

Glücklicherweise ist "Edinburgh" kein Roman, der mit einfachen Botschaften auftrumpft. Oft trifft sogar das Gegenteil zu, die mäandernden Erzähl- und Spiegelbewegungen schaffen eine stete Zone der Unschärfe, in der man den einen mitteilenden Satz erhaschen und stellen muss.

Dieser Roman bietet gerade deshalb eine in vieler Hinsicht bereichernde Lektüre. Unterwegs wird Aphias Zhe erwachsen, und er wird dem, was er als die Verdammnis seiner Jugend empfindet, entkommen können. Denn auch das kann Literatur, so oft sie es will: Ein neues Kapitel beginnen.

Alexander Chee: "Edinburgh".
Aus dem Amerikanischen von Nicola Heine und Timm Stafe.
Albino Verlag, Berlin, 304 Seiten, 22 Euro.

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