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StartseiteKalenderblattMusiker der jungen russischen Schule10.08.2015

Alexander GlasunowMusiker der jungen russischen Schule

Der russische Komponist Alexander Glasunow gilt als Klassiker der Belle Epoque. In einer Zeit voller gesellschaftlicher Umbrüche setzt er auf musikhandwerkliche Vollendung. Am 10. August 1865, vor 150 Jahren, wurde er geboren.

Von Stefan Zednik

Der russische Komponist, Schüler von Rimski-Korsakow, Alexander Glasunow, in einer zeitgenössischen Aufnahme. Er wurde am 10. August 1865 in Petersburg geboren und verstarb am 21. März 1936 in Neuilly-sur-Seine. (picture alliance / dpa / Röhnert)
Der russische Komponist, Schüler von Rimski-Korsakow, Alexander Glasunow, in einer zeitgenössischen Aufnahme. Er wurde am 10. August 1865 in Petersburg geboren und verstarb am 21. März 1936 in Neuilly-sur-Seine. (picture alliance / dpa / Röhnert)

"Ich komponierte meine Symphonie in jener Periode, als in der symphonischen Musik Alexander Glasunow die unbegrenzte Herrschaft ausübte. Jedes neue Werk von ihm wurde als großes musikalisches Ereignis aufgenommen. Ich teilte diese allgemeine Begeisterung damals vollständig und war ein verzauberter Bewunderer der Meisterschaft dieses Weisen."

So erinnert Igor Strawinsky sein Verhältnis zu Glasunow, dessen hier erklingendes Violinkonzert in A-Moll aus dem Jahr 1904 zur selben Zeit entsteht, als auch der junge Strawinsky seine ersten ernsthaften kompositorischen Versuche unternimmt

Mit 16 Jahren erste Symphonie

Alexander Glasunow, knapp 17 Jahre älter als Strawinsky, wird am 10. August 1865 in Petersburg geboren. Der Vater leitet einen im Familienbesitz befindlichen Verlag, in dem Autoren wie Puschkin, Gontscharow oder Ostrowski erscheinen. Die Mutter, mehrsprachig und ebenfalls hochgebildet, ist Pianistin. Sie nimmt, obwohl sie selbst keine professionelle Karriere anstrebt, weiterhin Unterricht – und beauftragt ihren Lehrer, auch den eigenen Sohn zu unterrichten.

"In der ersten Stunde legte mir Jelenkowski die Fuge in Vis-Moll aus Bachs "Wohltemperiertem Klavier" vor und forderte mich auf, sie vom Blatt zu spielen. Das dauerte ungefähr anderthalb Stunden, bis ich die Fuge zu Ende gespielt hatte. Ich war so glücklich, dass ich am liebsten in den Garten hinausgerannt wäre, aber ich kam nicht dazu: Mein Lehrer ließ mich die ganze Fuge wiederholen, was jetzt aber nur noch eine halbe Stunde dauerte."

Sein Lehrer bringt ihn nicht nur mit Bach, sondern auch mit jener neuen Gruppierung in der russischen Musik zusammen, die unter dem Begriff des "mächtigen Häufleins" oder als "Gruppe der Fünf" bekannt werden sollte. Es ist eine sich auf die Wurzeln der russischen Musik besinnende Gegenbewegung zu der am westlichen Europa orientierten Musik etwa Tschaikowskis, ihre bekanntesten Protagonisten sind Balakirew, Mussorgksy und Rimski-Korsakow. Mit 16 Jahren schreibt Alexander Glasunow seine erste Symphonie.

Nikolai Rimski-Korsakow: "Das war ein wirklicher Freudentag für uns alle, die Musiker der jungen russischen Schule. Jugendlich in der Eingebung, aber reif in der Technik und Form, errang die Symphonie einen großen Erfolg. Das Publikum rief den Komponisten, und als er auf die Bühne kam, war es erstaunt, dass er ein Junge in Gymnasiastenuniform war."

Die Zustimmung ist einhellig. Und doch gibt es auch Bedenken gegenüber so früh entwickelter Perfektion. Der Komponist César Cui, ebenfalls Mitglied des "mächtigen Häufleins":

"Diese vorzeitige Reife des Talents hat etwas Erschreckendes in sich. Die Frage drängt sich auf: Wenn Glasunow jetzt so schreibt, wie wird er in zehn, 20 Jahren schreiben?"

Kein Bruch in seinem Werk

Und tatsächlich wird es im Werk Glasunows keinen Bruch, keine Irritationserfahrung, keine "zweite Periode" geben. Glasunow ist kein Revolutionär, er wird früh zu einem Klassiker der russischen Musik. Ab 1899 unterrichtet er am Petersburger Konservatorium, ab 1905 leitet er, in enger Kooperation mit Rimski-Korsakoff, das berühmte Institut. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts Komponisten wie Mahler und Schönberg, Ravel, Strawinsky oder Skrjabin die Welt mit ungewohnten Harmonien und nie gehörten Rhythmen überraschen, steht er dem kritisch gegenüber. Zur Musik seines Studenten Dimitri Schostakowitsch bekennt er:

"Ich finde seine Musik schrecklich. Aber das ist unwichtig. Die Zukunft gehört nicht mir, sondern diesem Jungen. Man muss ihm ein Stipendium besorgen."

Sowohl die revolutionäre Situation des Jahres 1905, als das Regime des Zaren auf friedliche Demonstranten schießen lässt, als auch die Oktoberrevolution des Jahres 1917 und die folgenden Jahre des Bürgerkriegs übersteht der allseits hochgeachtete Komponist. Erst 1928 verlässt er, und dies weniger aus politischen als aus privaten Gründen, seine Heimat und lässt sich in Paris nieder.

Eines der letzten Werke Glasunows, der 1936, geplagt von Krankheiten, Heimweh und Alkoholproblemen in Paris stirbt, zeigt, wenn nicht harmonisch, so doch in der Wahl des Soloinstruments eine ausgesprochene Offenheit gegenüber neueren Tendenzen. Es ist ein Konzert für Orchester und – Saxophon.

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