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StartseiteCorso"Besser Fragen stellen, statt Antworten geben"31.08.2017

Ali Cans "Hotline für besorgte Bürger""Besser Fragen stellen, statt Antworten geben"

Angst vor Kriminalität, Zuwanderung und dem Verfall der Werte: Das sind die häufigsten Sorgen der Menschen, die bei Ali Can anrufen. Der Ex-Asylbewerber beschreibt in einem Buch seine Erfahrungen mit der "Hotline für besorgte Bürger". "In unserer offenen Gesellschaft ist Respekt sehr wichtig", sagte er im Dlf.

Ali Can im Corsogespräch mit Susanne Luerweg

Ali Can, ehemaliger Asylbewerber, der eine "Hotline für besorgte Bürger" eingerichtet hat, lächelt am 27.01.2017 bei der Jubiläumsgala "20 Jahre HORIZONT e.V." in der Alten Kongresshalle in München. (Bild: Ursula Düren / dpa) (dpa / Ursula Düren)
Ali Can, ehemaliger Asylbewerber, hat eine "Hotline für besorgte Bürger" eingerichtet und über seine Erfahrungen geschrieben. (dpa / Ursula Düren)
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Der selbsternannte "Asylbewerber Ihres Vertrauens" heißt Ali Can, ist 23 Jahre alt, aus der Nähe von Gießen, glaubt an Völkerverständigung und an das Gespräch. Und deshalb hat er vor einem Jahr eine Telefon-Hotline installiert: die "Hotline für besorgte Bürger". Er hat mit AfD-Wählern, Asyl-Kritikern und Islam-Hassern debattiert, hinterfragt ihre Argumente und hält freundlich, aber hartnäckig dagegen.

"Hotline für besorgte Bür­ger" heißt nun auch sein Buch darüber. Und mit welchen Hass­tiraden, Vorurteilen, Irrtümern man sich da vor allem herumschlägt, hat ihn im Corsogespräch Susanne Luerweg ge­fragt. Natürlich am Telefon.

Ali Can: Ich habe das Buch auch so schon verfasst, nämlich gibt es da vier Gruppen von, ich sage mal besorgten Bürgerinnen und Bürgern, die ich immer wieder erfahren habe – und es gibt auch im Buch vier Kapitel. Und zwar einmal über Integration, dann gibt es eins über Sicherheit, Obergrenze, der dritte Typ ist so ein bisschen derjenige oder diejenige, die so ein bisschen die Werte thematisiert, also Islam, Religion, Werte. Und der vierte Typ, der mir immer wieder entgegenkommt, sind eigentlich Ehrenamtliche, also schon bereits - ich sage mal sehr tolerante, weltoffene Menschen - die sich auch um Flüchtlinge kümmern, aber eben trotzdem hin und wieder interkulturelle Schwierigkeiten haben.

Susanne Luerweg: Wenn ich das jetzt richtig verstehe, waren das ja jetzt nicht alles Bürger, wo man das besorgt in Anführungsstrichen setzen muss. Also jetzt nicht Pegida-Anhänger, vor Wut schäumende Mitglieder der Gesellschaft?

"Sorgen sind eigentlich immer berechtigt"

Can: Naja, also ich weiß gar nicht, ob man prinzipiell das in Anführungsstriche setzen kann. Ich glaube, Sorgen sind eigentlich immer berechtigt und vorhanden. Fragt sich nur, wie die Haltung dazu ist. Auch bei Pegida habe ich Menschen kennengelernt, die tatsächlich sich Sorgen gemacht haben, Bedenken hatten, dann aber durch die Gruppendynamik natürlich sich so einem wütenden, ja, teilweise Mob angeschlossen haben, und da kam das eine zum anderen und so. Es gibt für die Leute auch keine andere Plattform. Dann sieht das so aus, als seien die Sorgen nicht berechtigt. Und bei der Hotline, oder bei mir zumindest, ist das so, dass ich dann ins Gespräch komme. Dann merkt man eigentlich, was da für Bedürfnisse dahinter stecken.

Luerweg: Herr Can, Sie haben sich ja da teilweise nicht nur Slogans, sondern richtig heftig rassistische Äußerungen anhören müssen. Wie sind Sie damit umgegangen? Also Sie klingen so, als wären Sie mindestens der Dalai Lama, so ganz gleichmütig und sanft.

Can: Ja, das ist sehr freundlich zu hören. Ich übe mich selbst daran. Also ich bin nicht der geduldigste Mensch oder ich bin jetzt auch nicht der sanftmütigste, würde ich mal sagen. Aber ich glaube, es gibt einfach auch keine andere Möglichkeit, besser mit Hass umzugehen. Weil es würde mir ja nichts nützen, sobald sich jemand rassistisch äußert, wenn ich ihn einfach oberlehrerhaft sofort in die Ecke stelle und sage, hör mal, das war total unterste Schublade und ich breche das Gespräch ab und bin weg. Ich meine, was ist zielführend? Zielführend ist es ja, Menschen zum Reflektieren zu bringen, also sie anzuregen dazu, Gedankenimpulse zu geben. Und wenn dann jemand nicht politisch korrekt sich äußert oder zynisch wird, ja, dann muss man natürlich ein bisschen einstecken. Aber wichtig ist es, das einfach indirekt zu thematisieren. Besser Fragen zu stellen, statt Antworten zu geben.

Den Horizont erweitern

Luerweg: Wie haben Sie sich denn vorbereitet? Also am besten kontert man ja mit richtig harten Fakten, oder?

Can: Ja. Also Fakten sind ganz wichtig, ganz klar. Aber letzten Endes, habe ich gemerkt, ist eigentlich das Wichtigste in so einem Gespräch, dass man eigentlich sich gemeinsam, nicht gegeneinander, sondern gemeinsam für ein Thema interessiert und das erörtert. Und so kann man auch selbst was dazulernen. Aber auch so kann man, finde ich, den Horizont einmal erweitern und kommt nicht gleich wie ein Oberlehrer rüber.

Luerweg: Hatten Sie denn das Gefühl, dass Sie Leute bekehren konnten? Also überzeugen konnten? Oder vielleicht einfach Sorgen nehmen konnten?

Can: Also die Haltung ist ja schon gar nicht, zu überzeugen. Also es geht ja mir darum gar nicht. Jemand, der bei mir anruft bei der Hotline, der soll nicht überzeugt werden, sondern auch ich bin interessiert an der Meinung. Und wir möchten zusammen über ein Thema reden. Es gibt Leute, die einfach auch Dampf ablassen, da kann ich sowieso nicht überzeugen. Aber darum geht es auch gar nicht.

Also kann ich irgendwie vielleicht Sorgen abnehmen et cetera? Ich glaube, indirekt schon. Aber wenn, dann nur auf einen langen Prozess hin. Also es wird sehr schwer, in einem Gespräch jemanden von teilweise diffusen Gefühlen wegzubringen. Ich meine, wenn jemand Bedenken hat, weil er einfach im Stadtbild viele junge, farbige Männer sieht, dann kann ich in einem Gespräch seine Wahrnehmung ja nicht ändern. Aber ich kann vielleicht einen Gedanken mitgeben. Und das mache ich dann, ich sage dann: Ich weiß, ich habe mit denen schon mal gesprochen, die da immer in Grüppchen rumlaufen. Wissen Sie, die dürfen gar nicht arbeiten, das ist eigentlich eine Schweinerei. Die würden gerne ja was machen, die würden ja gar nicht nur rumlaufen. Und versuche dann sozusagen, erst verständnisvoll die Situation zu erklären. und ich bin mir sicher, dass das eine oder andere dann auch hängenbleibt. Aber es gibt jetzt kein Barometer oder ich habe kein Messgerät, um zu wissen, wie tolerant jetzt jemand geworden ist. Und erfahrungsgemäß sind das sehr lange Prozesse.

"Die Politik muss jetzt unbedingt in die Pötte kommen"

Luerweg: Können Sie, oder könnten Sie theoretisch der Politik ein paar Ratschläge geben, nach den Erfahrungen mit Ihrer Hotline?

Can: Ja, definitiv. Also ich tue das seit wirklich einem Jahr, ich habe das Buch auch deshalb geschrieben, da rede ich ganz lange von: Und zwar brauchen wir viel mehr an wertschätzenden Begegnungen. Das heißt, wir brauchen Begegnungsstätten, weil Ängste, diffuse Ängste zum Beispiel oder Bedenken, Zweifel aufgrund der Einwanderung von geflüchteten Menschen, das ist so ein Thema, da geht es viel um irrationale Ängste auch. Und zum Beispiel bei Pegida habe ich gemerkt, die meisten mit denen ich gesprochen habe, haben noch nie mit einem muslimischen Menschen sich länger unterhalten. Und die Politik muss jetzt unbedingt in die Pötte kommen und über die Legislaturperiode hinaus auch mal denken und sich Integrationsmaßnahmen einfallen lassen.

Viele fragen mich immer: Ali, ich bin so ungeduldig, wie redest Du überhaupt mit den Leuten? Da gibt es ein paar Tricks und Haltungsempfehlungen, wie man Menschen sehen kann, wie man Mitbürgerinnen und Mitbürger sehen kann. Und dann klappt das auch schon.

Luerweg: Und nach der Hotline wollen Sie jetzt auch weiter machen. Und zwar in Essen ein sogenanntes "Respektzentrum" mitgründen. Was genau soll das werden?

Can: Wir wollen ein Respektzentrum aufbauen, das wir "VielRespektZentrum" nennen. Es geht tatsächlich darum, einen Ort zu haben, eine Begegnungsstätte, für interkulturellen Austausch, interkulturelle Projekte, interreligiöse Projekte. Aber immer mit dem Fokus auf Respekt. Weil ich glaube, dass auch in unserer offenen Gesellschaft, liberalen Gesellschaft ist Respekt sehr, sehr wichtig, weil so viele verschiedene Meinungen aufeinander treffen, so viele verschiedene Menschen. Und wenn wir uns alle respektvoll begegnen würden, würden wir zumindest schon mal auf eine konstruktive Ebene kommen. Und da wollen wir in Essen ein Zentrum aufbauen, das sozusagen… damit wird das verbreiten können.

In die Politik gehen?

Luerweg: Eigentlich studieren Sie auf Lehramt, Herr Can. Das wird nix mehr mit dem Lehrerberuf?

Can: Tja, also mein Vater sollte ab jetzt wahrscheinlich mal abschalten oder ausschalten. Aber nee, ich mache mein Studium zu Ende in Gießen, definitiv. Aber Lehrer sein? Ich kann es mir nicht mehr vorstellen. Ich meine, irgendwie würde ich gerne mehr für Frieden tun, ich gebe ja jetzt auch Workshops, Seminare. Und ich weiß nicht, ob ich vielleicht in die Politik irgendwann gehen sollte. Aber letzten Endes hat ja jeder so seine oder ihre Zauberkraft – und meine ist es, glaube ich gerade so ein bisschen, das Interkulturelle. Und deswegen: Lehrer kann man immer mal werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Ali Can: "Hotline für besorgte Bürger: Antworten vom Asylbewerber Ihres Vertrauens"
Bastei Lübbe, Köln 2017. 272 Seiten, 16 Euro.

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