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StartseiteForschung aktuellAlkohol von Dr. Fliege22.02.2013

Alkohol von Dr. Fliege

Fruchtfliegen setzen vergorene Früchte gegen parasitische Wespen ein

Entomologie. - Alkohol ist giftig, doch manche Organismen vertragen mehr davon als andere. Fruchtfliegen gehören aufgrund ihrer häufig vergorenen Nahrung eher zu denjenigen, die Alkohol gut vertragen. Das setzen sie im Kampf gegen parasitische Schlupfwespen ein, wie ein Aufsatz in "Science" ausführt.

Von Volkart Wildermuth

Standfester Trinker: Drosophila melanogaster, die Fruchtfliege (Shimane Universität)
Standfester Trinker: Drosophila melanogaster, die Fruchtfliege (Shimane Universität)
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Der Name führt ein wenig in die Irre. Fruchtfliegen ernähren sich nicht von Früchten, sondern vor allem von den Hefen und Bakterien auf dem Obst. Diese Mikroorganismen zersetzen ihrerseits überreife Früchte und bilden als Abfallprodukt Alkohol.

"In der Umgebung der Fruchtfliegen ist also häufig Alkohol. Dadurch vertragen sie mit der Zeit sehr viel Alkohol","

erläutert Todd Schlenke. Der Biologe von der Emory University im amerikanischen Atlanta betont aber: die Fruchtfliegen sind keineswegs abhängig. Wenn sie die Wahl haben, dann fressen sie lieber leckere Hefen ohne Alkohol, und wachsen dann auch deutlich schneller. Nur in einer Situation gehen die Fruchtfliegen gezielt auf die Suche nach Alkohol: wenn nämlich bestimmte Wespen in der Nähe sind.

""Diese Wespen sind Parasiten. Sie legen ihre Eier in die Larven der Fruchtfliegen. Und wenn das Wespen-Ei schlüpft, dann ist in der Fruchtfliegenlarve eine Wespenlarve, und die frisst sie von innen her auf. So eine Infektion ist eine ernste Sache, die Fliegenlarven müssen die Wespen in ihrem Körper abtöten."

Und da kommt wieder der Alkohol ins Spiel. Wie gesagt, Fruchtfliegen vertragen Höherprozentiges als die meisten anderen Insekten und deutlich mehr als die parasitischen Wespen. Wenn eine infizierte Fliegenlarve also vergorene Nahrung findet, dann frisst sie sie und tötet so den Parasiten ab. Wenn Wespen in der Nähe sind, dann legen sogar die weiblichen Fruchtfliegen ihre Eier bevorzugt in Alkohol getränktem Futter ab. Eine Form der vorsorglichen Medikation für die nächste Generation meint Todd Schlenke.

"Die Fliege bemerkt, dass ihre Nachkommen in Gefahr sind. Sie wählt bei der Eiablage den Alkohol. So schützt sie die nächste Generation. Sollten die Larven infiziert werden, ist ihr Blutalkoholspiegel so hoch, dass die Wespe in ihrem Körper abgetötet wird."

Natürlich ist die Wahl des Eiablageplatzes auf Seiten der Fliege keine bewusste Entscheidung. Sie ist auch nicht erlernt.

"Unsere Fliegen hatten noch nie eine Wespe gesehen, genauso wenig wie ihre Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern. Diese Stämme leben seit Hunderten von Generationen im Labor. Trotzdem: Wenn sie das erste Mal eine Wespe sehen, wissen sie was zu tun ist. Sie haben ein angeborenes Wespenbild im Gehirn."

Offenbar war die Gefahr durch die Wespen so groß, dass die Evolution ein sehr detailliertes Wespenbild programmiert hat. Die Fruchtfliegen reagieren auf eine ganze Reihe verschiedener parasitärer Wespenweibchen, aber weder auf die ungefährlichen Wespenmännchen noch auf Wespenweibchen, die nicht die Eier, sondern die Puppen der Fruchtfliegen attackieren. In diesem Fall würde die Alkoholtherapie ins Leere laufen, weil sich die Larven der Fruchtfliegen nach dem Schlüpfen weiterbewegen, also bei der Infektion wahrscheinlich gar nicht mehr von der Vorsorge ihrer Mutter profitieren würden. Schlenke:

"Das war ein kleiner Schock. Ich war sehr überrascht, dass sie so gezielt auf verschiedene Wespen reagieren."

Für Todd Schlenke ist das Verhalten der Fruchtfliegen Teil ihres Immunsystems. Das besteht eben nicht nur aus Abwehrzellen oder Antikörpern sondern auch aus bestimmten Strategien im Umgang mit möglichen Infektionen, in diesem Fall mit einer Art Therapieverhalten. Diese erweiterte Form des Immunsystems ist keine Besonderheit der Fruchtfliegen. Auch Schimpansen fressen bestimmte Heilpflanzen, wenn sie sich den Magen verdorben haben.

"Ich glaube, auch wir Menschen haben solche natürlichen Therapie-Verhaltensweisen. Wir bemerken das nur nicht. Also, wenn Sie einmal so richtig Lust auf ein Glas Orangensaft haben. Dann bekämpfen Sie vielleicht ohne es zu ahnen eine beginnende Infektion."

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