Donnerstag, 13.08.2020
 
Seit 22:05 Uhr Historische Aufnahmen
StartseiteForschung aktuellDas Gen des Trinkens15.04.2015

AlkoholismusDas Gen des Trinkens

Alle können sofort mit dem Trinken aufhören, wenn sie nur wollen. Können sie wirklich? Rund 26 Milliarden Euro gibt Deutschland jedes Jahr allein für die Folgen von Alkoholmissbrauch aus. Jeder zehnte Deutsche trinkt mehr, als gut für ihn ist. Doch der Hang zum Suff könnte genetisch bedingt sein.

Von Anneke Meyer

Ein Mann riecht an einem Glas Cognac in einer Hotelbar in München. (picture-alliance/ dpa)
Die individuelle Lebensgeschichte macht viele Menschen zum Alkoholiker. (picture-alliance/ dpa)
Weiterführende Informationen

Alkoholismus - Mut zur Selbstentblößung
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 18.02.2015)

Alkoholismus - Reduziertes Trinken als neuer Ansatz
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 30.09.2014)

Alkoholismus - Neue Wege aus der Alkoholabhängigkeit
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 26.11.2013)

In Großbritannien sogar ist Alkohol inzwischen die häufigste Todesursache bei Männern unter fünfzig. Eine bedrohliche Entwicklung. Auch im Hinblick darauf, dass Abhängigkeit eine erbliche Komponente hat. Gunter Schuhmann: Das ist auch seit mehreren Jahren aus Adoptionsstudien und auch aus Zwillingsstudien bekannt, dass die Heritabilität so um die fünfzig Prozent liegt. Das bedeutet aber eben nicht, dass es ein bestimmtes oder einige wenige bestimmte Gene gibt, die hier deterministisch sind für die Entwicklung einer Abhängigkeitserkrankung." Was es ist, das Menschen schon in jungen Jahren dazu bringt, gefährlich viel Alkohol zu trinken, untersucht Gunter Schuhmann vom Kings College London in einer Langzeitstudie. In Zusammenarbeit mit zahlreichen Kollegen begleitet er die Entwicklung von rund zweitausend Jugendlichen aus verschiedenen europäischen Ländern.

Individuelle Lebensgeschichte entscheidend

Dabei konnten die Wissenschaftler beobachten, dass die individuelle Lebensgeschichte am ehesten Rückschlüsse darauf zulässt, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Jugendlicher mit dem Trinken beginnt. Je mehr schlechte Erfahrungen ein junger Mensch gemacht hat, desto schneller greift er zur Flasche. Einzelne genetische Prädispositionen haben trotz der erblichen Komponente dagegen wenig Vorhersagekraft. Ein Ergebnis, das Gunter Schuhmann nicht überrascht: "Genauso wie in einem Konzert zwar jedes einzelne Instrument hörbar ist, aber nicht den Charakter der Musik bestimmt, so ist es auch bei den genetischen Grundlagen von Verhaltensweisen."

Bestimmte Lebensumstände könnten allerdings dazu führen, dass einzelne Gene im Laufe der Zeit beginnen, die erste Geige im genetischen Orchester zu spielen. Schuhmann: "Wir denken, dass diese Umwelteinflüsse langanhaltende Genveränderungen zur Folge haben können. Und einer dieser Mechanismen ist eben die epigenetische Methylierung. Hier wird im Prinzip die Struktur der DNA auf eine Weise beeinflusst, die die Aktivierung des Ablesens der DNA erleichtert oder erschwert."

Genetisch bedingter Alkoholmissbrauch

Eine solche epigenetische Veränderung haben Gunter Schuhmann und seine Kollegen auch im Zusammenhang mit Alkoholmissbrauch gefunden. Und zwar bei einem Gen, das für einen Rezeptor kodiert, der eine wichtige Rolle im Belohnungssystem des Gehirns spielt. Sowohl bei den jugendlichen Vieltrinkern, als auch bei Altersgenossen mit vielen schlechten Erlebnissen, kann dieses Gen nur schlecht abgelesen werden. Ein Mangel, der sich in der verringerten Aktivität eines Teils des Belohnungssystems niederschlägt, wie die Wissenschaftler anhand von funktioneller Bildgebung zeigen konnten. Schuhmann: "Wir interpretieren das so, dass wenn ich viele negative Lebenserfahrungen habe, dass dann die Methylierung von diesem Gen reduziert ist. Und diese Reduktion macht mich dann möglicherweise vulnerabler für die Effekte von Alkohol, weil sie dazu führen, dass Alkohol bei mir eine größere Aktivierung von zentralen Bestandteil des Belohnungssystems hervorruft."

Langfristig entsteht so ein Teufelskreis, durch den sich das selbstzerstörerische Verhalten verfestigt. Süchtige deshalb aus der Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu nehmen, hält Oxford Professor Julian Savulescu jedoch für falsch: "Das Problem mit der modernen Hirnforschung ist, dass sie Menschen dazu verleitet anzunehmen, Sucht läge jenseits von Verantwortung. Als wäre es im Gehirn unwiderruflich festgelegt. Alles, was uns ausmacht, ist im Gehirn. Zu zeigen, dass das Hirn eines Abhängigen anders ist, sagt aber nichts darüber aus, ob er in der Lage ist, sein Verhalten zu ändern oder was ihn dazu bringe könne." Der Neuroethiker ist sich sicher, auch wenn Drogenabhängigkeit zu permanenten Veränderungen im Gehirn führt, die Fähigkeit sich selbst zu kontrollieren geht dadurch nicht verloren. Es wird nur sehr viel schwieriger.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk