Mittwoch, 04.08.2021
 
Seit 05:35 Uhr Presseschau
StartseiteKultur heuteAlle reden um den heißen Brei29.03.2007

Alle reden um den heißen Brei

Alain Resnais' Film "Herzen"

Thierry und Charlotte sind Kollegen. In der kleinen Filiale eines Immobilienbüros in Paris sehen sie einander jeden Tag. Und kommen sich dabei auch privat näher. Charlotte bezeichnet sich als sehr religiös und als sie Thierry eines Tages anbietet, ihre Lieblingsfernsehsendung aufzuzeichnen, rechnet Thierry zunächst nur mit einem langweiligen Erbauungsprogramm. Trotzdem macht ihn das Kommunikationsangebot seiner hübschen Kollegin neugierig und eines Nachts erwartet ihm am Ende einer Videokassette nach kurzem Bildrauschen eine Überraschung. Thierry glaubt zu wissen, wer die stöhnend strippende Dame ist, die er nun sieht. Es muss Charlotte selbst sein und daher ist die Kassette plötzlich ein unverhohlenes amouröses Angebot.

Von Josef Schnelle

Thierry (André Dussollier) verschlägt es bei Nicoles (Laura Morante) die Sprache. (Arsenal Filmverleih)
Thierry (André Dussollier) verschlägt es bei Nicoles (Laura Morante) die Sprache. (Arsenal Filmverleih)

Doch wie darüber reden, ohne sich zu blamieren. Schließlich ist zunächst die religiöse Talkshow zu sehen und die erotische Zugabe ja vielleicht nur zufällig auf der Kassette, die von Charlotte achtlos mit ihrer Lieblingssendung überspielt wurde. Aber wenn es nun doch Absicht war? So ist das Lob der Videokassette, das Thierry herausdruckst tatsächlich nur der Versuchsballon einer Liebeserklärung.

Alle reden um den heißen Brei in diesem Film, meinen etwas anderes als das, was sie sagen. Gaelle zum Beispiel macht sich jeden Abend auf die - meist enttäuschende - Suche nach ihrem Traummann. Ihrem Bruder Thierry, mit dem sie zusammenlebt, erzählt sie nichts von ihrer Sehnsucht nach dem Glück. Und er ihr nichts von seinen Nächten mit den erotischen Videos von Charlotte. Und so fällt Gaelles Reaktion heftig aus, als sie ihn beim Fernsehen überrascht. Aber sie erzählt auch von ihrer eigenen Traurigkeit.

"Das ist Charlotte. Ganz sicher. - Thierry was siehst Du dir an, darf ich das erfahren. - Gaelle. Du bist schon zurück. - Was war das. Wo kommt das her. - Aus der Kiste. Ich hab rumgezappt. Und dann. Wie können die so was bloß senden. Das ist ja schauderhaft. Ich liebe diese Scherze nicht. - Sekunde, das heißt: du hast dir ganz allein eine Kassette angesehen mit nem Porno. Das ist jämmerlich Thierry. Und vor allem traurig. Unfassbar traurig."

"Herzen" erzählt natürlich nicht nur von Sex, Lügen und Videos. Selbst eine schlichte Wohnungsbesichtigung enthüllt noch Beziehungsgeheimnisse. Nicole möchte mit ihrer Suche nach einer neuen Wohnung eigentlich etwas anderes erreichen. Ein großes Schlafzimmer soll ihre Beziehung kitten. Eine Arbeit hat Ehemann Dan auch nicht. Trotzdem erschwert er die Wohnungssuche, weil er unbedingt ein Arbeitszimmer will. Wieder ein verschobener Dialog. Nicole und Dan reden eigentlich nicht über eine Wohnung, sondern über ihre Beziehung und wissen beide, dass diese schon längst keine Zukunft mehr hat.

" "Wie oft soll ich dir noch sagen: ich brauche ein Arbeitszimmer. Ich überlass dir gern das Wohnzimmer, das größte Zimmer und das schönste Bad. - Meine Rede. Du lässt mich mit allem allein. Auf dem Arbeitszimmer. Entschuldige. Bestehe ich. Ich will mein Arbeitszimmer. Basta. - Ich weiß immer noch nicht, was du damit willst. "

So ideal auseinander genommen, wie das hier zum besseren Verständnis geschieht, erzählt der Film seine vier Liebesgeschichten nicht. Resnais erzählt vielmehr gleichzeitig und im Wechsel der Szenen von sieben Personen, die gefangen sind in den Spinnennetzen ihrer Lebenslügen. Wir beobachten sie bei ihren Befreiungsversuchen und wie sie sich dabei immer weiter verstricken. Alain Resnais, heute 85, ist bekannt dafür, das Leben wie einen Roman zu sehen, oder wie ein Chanson, oder wie ein Melodram, jedenfalls als meist vergnügliches Spiel mit den Lebens- und Liebesmöglichkeiten.

Seine Filme gleichen daher oft Versuchsanordnungen, die die Strukturen des Lebens erfassen sollen. Hinter allem aber, sozusagen als die geheime Lebenslinie, liegt eine fein gesponnen Textur des sexuellen Begehrens, weshalb das friedliche Lächeln des Großvaters nach Charlottes Besuch, sie bezeichnet sich als sehr religiös, gar nicht so ein großes Rätsel ist.

""Er hat Sie am Fußende seines Bettes tanzen sehen. - Tanzen? - Nackt - Tut mir leid. Ich hätte das nicht sagen dürfen. Ist ja furchtbar unangenehm für Sie. - Nackt getanzt? - Ja - und das ist nicht alles, glauben Sie mir. Die Liste ist lang. Dinge, die man nicht erzählen sollte. Vor allem nicht Ihnen, Charlotte. "

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk