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StartseiteKultur heute"Alle Toten fliegen hoch"30.04.2009

"Alle Toten fliegen hoch"

Joachim Meyerhoffs Solo-Theaterreihe wird in Wien fortgesetzt

Es ist ein Selbsterkundungsprojekt, eine Fahrt in die Vergangenheit: Der Schauspieler Joachim Meyerhoff hat die Geschichten seiner Jugend und Kindheit niedergeschrieben - und inszeniert die Texte auf der Bühne. "Alle Toten fliegen hoch, Teil 1 bis 3" heißt das faszinierende Soloprogramm. Der fünfte Teil feierte im Vestibül des Burgtheaters in Wien Premiere.

Von Marion Ammicht

Der Schauspieler Joachim Meyerhoff präsentiert eigene Texte über seine Kindheit. (AP Archiv)
Der Schauspieler Joachim Meyerhoff präsentiert eigene Texte über seine Kindheit. (AP Archiv)

Es ist ein bisschen, als hätte uns dieser Mann zu sich nach Hause eingeladen: links am Rand des kleinen Bühnenzimmers zwei Fotoleuchten mit den Gesichtern der Großeltern, in der Mitte ein Tisch mit lauter beklebten Notizbüchern, ein Glas Sekt mit Eis, ein leerer Sessel. In gespenstisch ausgeleuchteten Vitrinen der Pullover des verstorbenen Bruders, und dort, alte Stofftiere und ein Gefäß mit unzähligen kleinen aus dem Wasser kletternden Babyplastikpuppen. Ein Familienmuseum.

Im fünften Teil seines autobiografischen Zyklus will Meyerhoff unter dem Titel "Heute wärst Du zwölf" von den Anfängen in der Provinz, von seiner Zeit in Bielefeld und Dortmund erzählen. Und von dem abgetriebenen Kind, das seines hätte sein sollen. Die Geschichte von Franka mit den hohen Stiefeln und der Federboa, von der Dortmunder Bäckersfrau mit ihrem monströsen Mehl bestäubten Puddingleib. Und von Hanna, die der junge hoch gewachsene Schauspieler bei einer Premierenfeier in Bielefeld kennenlernt, die mit ihren großen Augen und Zähnen, die Aufführung gnadenlos niedermacht. Die ihn küsst, wegrennt und einfach stehen lässt:

"Als ich zu Bett ging, war es taghell. Ich lag da, auf dem Bett, angezogen, und dachte an Hanna. Mehrmals musste ich lachen, wenn mir etwas einfiel: Ihre Selbstgespräche: 'Du er hat Dich gekränkt, Du musst jetzt mal was machen.' Aber auch das bohrenden Gekränktsein war sofort wieder da. Ich dachte an sie. Ja, und da erschrak ich. Ja, es war ein regelrechter mich durch und durch erhellender Schreck, gefolgt von einer unumstößlichen Erkenntnis: Ich hatte mich verliebt."

Fast den ganzen Abend sitzt der Mann, der als Hamlet oder Mephisto überschäumen zu pflegt vor Spiellust, nur im Sessel. Allein lesend treibt er die imaginierten Szenen in die Ekstase, hält er inne, baut er den dramaturgischen Spannungsbogen immer wieder von neuem auf. Nur zweimal steht er auf, schiebt Schränke zur Seite und tanzt die Erinnerung.

Witzig, brillant führen ihn die Geschichten ohne Umschweife an die Stellen, an denen er sich selbst einst verloren und, so scheint es, schreibend wieder gefunden hat. Mit der hochbegabten, euphorisch-unnahbaren Hanna streitet er an den Wochenenden in Bielefeld, unter der Woche feiert er mit Franka, die er in Dortmund kennenlernt, als er - urkomischer Stachel einer scheinbar ungebrochenen Schauspielerkarriere - Celans Todesfuge zerlacht.

Die anrührendste Liebesgeschichte an diesem Abend jedoch ist die, die den jungen Meyerhoff in Dortmund immer wieder in "Cläschens Backstube" führt.

""Unsere Schritte und Drehungen malten ein Bild ins Mehl am Boden. Da brüllte sie plötzlich: 'O nee, das Weißbrot!' Sie stieß mich von sich und während sie mit zwei irreal großen Handschuhen das Blech aus dem Ofen zog, fühlte ich noch immer der Länge nach ihre feuchte Wärme auf mir. Sie sah so appetitlich aus wie eine Puddingbretzel. Ich hätte sie gerne gewalkt und dann ausgerollt und ihre schönen hefeteigarme und Strudelbeine zwischen meinen Fingern hindurchquellen gespürt. Sie gefiel mir so gut, mit den gerade noch geretteten Weißbroten, diesen lächerlichen Handschuhpranken und ihrem Speck glänzendem, drallem Gesicht. 'Na', sagte sie, 'das hätte gerade noch gefehlt, dass das scheiß Weißbrot verbrennt'."

Eine virtuose Initiationsgeschichte ist das, die Meyerhoff da über sich erzählt, oder zumindest über den, als den er sich selbst darstellt an diesem Abend. "Heute wärst Du zwölf", rechnet er Jahre später noch aus, als er an das Kind mit Hanna denkt, das sie nie bekommen haben. Ist das Theater? Das Beste, das man sich wünschen kann. Theater im Kopf, in Szene gesetzt von einem, der nicht sich, sondern seinen Text mit wenigen Mitteln pointiert und effektvoll darzustellen weiß.

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