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StartseiteDlf-MagazinAlles in einer Hand26.09.2013

Alles in einer Hand

"Horstopoly" in Bayern

Mit Koalitionsfragen muss sich Horst Seehofer gar nicht erst aufhalten. Bei der Landtagswahl in Bayern vor knapp zwei Wochen erreichte seine CSU die absolute Mehrheit. Seither entscheidet in Bayern nur noch einer: der große Meister selbst.

Von Michael Watzke

Ministerpräsident Horst Seehofer feiert den CSU-Wahlsieg (dpa / Michael Kappeler)
Ministerpräsident Horst Seehofer feiert den CSU-Wahlsieg (dpa / Michael Kappeler)
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Der Fraktionssaal der CSU in München. Während die 101 Abgeordneten ihre Plätze suchen, stellen Journalisten vor dem Eingang ein Spielbrett auf. "Horstopoly" steht darauf, und jede Menge Ministerköpfe aus Pappe sind wie Spielfiguren um Horst Seehofer drapiert. Der junge Münchner Markus Blume schaut im Vorbeigehen flüchtig hin.

"Nette Idee, schöne Geschichte, aber lassen Sie mich erst mal in die Fraktion gehen, ja?"

Dann hält der Landtagsabgeordnete doch inne, um zu gucken, wo seine Pappfigur steht. Etwa auf dem Wirtschafts-Ministerium? Blume entdeckt sich als Staatskanzleiminister.

"Oh, da muss ich, glaube ich, erst mal mit dem Großen Meister reden!"

Der Große Meister tritt kurz darauf in den Fraktionssaal. Er würdigt das Horstopoly-Spiel beim Vorbeigehen keines Blickes.

"Ich weiß nur eines: dass ich selbst noch nichts entschieden habe. Und was nächste Woche in der Fraktion vorgeschlagen wird – zum Kabinett oder zur Fraktion –, das werde ich selbst erst im Laufe des nächsten Dienstags entscheiden."

Dabei ist eine Entscheidung schon gefallen: Ilse Aigner wird nicht Vorsitzende der mächtigen CSU-Landtags-Fraktion. Aigners Umfeld lässt verbreiten, die frühere Bundesministerin wolle sowieso viel lieber ins bayerische Kabinett. Als hätte sie das in der Hand! Seit Seehofers großem Wahlsieg entscheidet in Bayern nur noch einer: der Große Meister selbst. Auf dem Horstopoly-Spiel steht Aigners Pappfigur auf dem Ressort Wirtschaft. Die Oberbayerin lächelt gequält.

"Also ich glaube, ich kann Ihnen aus langjähriger Erfahrung als Agrarministerin sagen: man kann am Gras noch so lange zupfen, es wächst auch nicht schneller."

Vor allem wachsen die bayerischen Bäume plötzlich nicht mehr in den Himmel. Weder für Aigner noch für ihren Dauer-Konkurrenten Markus Söder. Stattdessen ist jetzt der Schwabe Thomas Kreuzer heißester Kandidat für den Fraktions-Vorsitz:

"Wenn Sie das sagen. Sie haben genug Erfahrung als Korrespondent. Ich überleg’s mir, wenn ich gerufen werde." / "Wenn Sie allein ans Kabinett denken: das sind 17 Positionen. Und um 17 Positionen zu besetzen, müssen Sie mindestens das Dreifache an Gesprächen führen."

Und darin sind noch nicht mal die Bundesministerien eingerechnet, die die CSU in Berlin zu besetzen gedenkt. In welcher Koalition auch immer. Peter Ramsauer, Noch-Bundes-Verkehrsminister, bringt sich schon mal in Stellung:

"Ich hab’ den Wahlkreis wirklich toll gewonnen. Das gibt unheimlich Kraft!"

Zar Peter ist in seinem Berchtesgadener Bundestags-Wahlkreis Stimmen-König geworden. Mit 62 Prozent. In der Wahlnacht, als die Union kurzzeitig die absolute Mehrheit hatte, da wurde der braun gebrannte Ramsauer schon gefragt, ob er gut Englisch könne. Als Anwärter auf den Bundesaußenminister-Posten. "Yessss!", soll Ramsauer geantwortet haben. Auf Deutsch fügte er dann hinzu:

"Das ist natürlich ein gewaltiger Rückenwind. Für uns und für alle unsere Positionen. In Bayern sowieso, aber auch und vor allem jetzt in den Koalitionsverhandlungen. Auch gegenüber der CDU, natürlich."

Die CDU unter Angela Merkel muss sich warm anziehen vor ihrer kleinen Schwester aus dem Süden. Die CSU hatte bisher drei Ministerposten in Berlin. Bei dieser Wahl ist ihr Gewicht gegenüber der CDU noch gestiegen. Andererseits: Würden die Christsozialen in einer großen Koalition nicht marginalisiert?

"Das ist auch eine dieser falschen Analysen, dass die CSU in einer großen Koalition weniger Einfluss hätte. Politik geschieht nicht nach Mathematik!"

Rechenkünste hin oder her: Ein Bayer kann seinen Umzug nach Berlin schon mal fest einplanen. Niemand erhält so viele Lobpreisungen von Horst Seehofer wie Alexander Dobrindt.

"Eine solch erstklassige Wahlkampf-Führung hatten wir seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Und dafür Beifall an Generalsekretär Alexander Dobrindt! [Applaus.]"

Gerüchteweise soll Dobrindt das Bundes-Verkehrsministerium übernehmen. Mit dem bisherigen Amtsinhaber war Seehofer alles andere als zufrieden. Auf dem Horstopoly-Schachbrett irrte Peter Ramsauers Papp-Figur ein wenig verloren umher und blieb schließlich irgendwo im Niemandsland zwischen München und Berlin stehen, als Bayerns Landwirtschafts-Minister Brunner vorbeikam:

"Ja, sie haben da durchaus interessante Varianten gewählt. Könnte sein."

Alles ist möglich im preußisch-bayerischen Kandidaten-Karussell. Nur eines ist gewiss: Horst Seehofer drückt aufs Tempo. Er weiß, dass er in den nächsten Wochen viel Zeit mit schwierigen Koalitionsgesprächen in der Bundeshauptstadt verbringen wird. Deshalb will Seehofer die Personalien im Freistaat zügig regeln, um den Rücken für Berlin frei zu haben. Barbara Stamm, die alte und neue Landtags-Präsidentin, gibt schon mal die Termine vor:

"7.Oktober konstituierende Sitzung, 8.Oktober Vereidigung des Ministerpräsidenten, 10.Oktober Wahl des Kabinetts – und vorher natürlich Bekanntgabe der Ressort-Zuschneidung."

Ein schneidiger Zeitplan. Die Würfel im "Horstopoly"-Spiel werden schnell fallen. Schließlich ist Horst Seehofer ein begnadeter Spieler. "Liebe Leute", pflegt der CSU-Chef gern zu sagen, "wir spielen hier Schach, nicht Halma."

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