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StartseiteKultur heute"Erinnerungsstücke mit ungeheurer Kraft"04.09.2018

Alltagsgegenstände von Holocaust-Opfern"Erinnerungsstücke mit ungeheurer Kraft"

Sommerreihe "Erinnern und Vergessen"

Die "Achse des Holocaust" im Jüdischen Museum in Berlin versammelt auf den ersten Blick einfache Alltagsgegenstände ermordeter Juden. Doch gerade diese Erinnerungsstücke erzählten schmerzhafte Geschichten von Verlust, Deportation und Ermordung, sagte Archivleiter Aubrey Pomerance im Dlf.

Aubrey Pomerance im Gespräch mit Maja Ellmenreich

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Portrait des Archivleiters des Jüdischen Museums Berlin, Aubrey Pomerance (Jüdisches Museum Berlin/ Ernst Fesseler)
Archivleiter Aubrey Pomerance: "Stücke, die ungeheure Kraft in sich haben" (Jüdisches Museum Berlin/ Ernst Fesseler)
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Maja Ellmenreich: Ein gefaltetes Handtuch, ein kleiner Besen, eine Postkarte. Auf den ersten Blick sind es banale Alltagsgegenstände, die man im Untergeschoss des Jüdischen Museums in Berlin sehen kann; in den Vitrinen entlang der so genannten "Achse des Holocaust". Das ist ein schlichter, weißer, leicht abschüssiger Gang im berühmten Museumsbau von Daniel Libeskind. Das Handtuch, der Besen und die Postkarte sind Erinnerungsstücke. Sie gehörten Juden, die den Holocaust nicht überlebt haben. Im Archiv des Jüdischen Museums in Berlin liegen Tausende dieser Erinnerungsstücke. Über sie habe ich mit Aubrey Pomerance gesprochen. Der kanadische Judaist und Historiker leitet das Museumsarchiv.

Herr Pomerance, jedes dieser Erinnerungsstücke erzählt eine eigene Geschichte. Vielleicht schauen wir uns eines dieser Exponate mal genauer an: das Handtuch zum Beispiel. Welche Erinnerungsgeschichte erzählt es?

Aubrey Pomerance: Ich glaube, Frau Ellmenreich, dieses Handtuch erzählt eine ganze Menge Erinnerungsgeschichte. Es ist ja gegeben worden an ein zwölfjähriges Kind, als er mit einem Kindertransport nach England alleine gefahren ist. Er hinterließ seine Mutter und seine Schwester in Berlin. Das Handtuch selber ist ja versehen mit dem Monogramm seiner Mutter, die es ihm gegeben hat, weil sie wollte, dass ihr Kind nie ohne Handtuch ist.

"Ein kleiner Sieg über Nazi-Deutschland"

Ellmenreich: Das ist die eine Geschichte. Sie sprachen gerade von mehreren Geschichten.

Pomerance: Ja. Dieses Handtuch hat Paul Kuttner niemals benutzt, und er hat dieses Handtuch nicht nur niemals benutzt; er hat es nie auseinandergefaltet. Er hat es aufbewahrt, genau wie es dann in seinem kleinen Koffer war, den er als Handgepäck dann mitgenommen hat auf die Reise nach England, so gelassen - über Jahrzehnte. Sie hat ihm übrigens auch ein paar andere Handtücher gegeben, ein zweites auch mit Monogramm. Für ihn war dieses Handtuch natürlich eine sehr, sehr starke Erinnerung an seine Mutter, die 1943 deportiert und ermordet worden ist. Für ihn, hat er uns auch geschrieben, ihr Fingerabdruck, ihre Hände haben dieses Stück berührt, und das war für ihn natürlich die lebhafte Erinnerung, die er hatte an seine Mutter.

Anders herum hat er uns auch gesagt, als er es dem Museum überreicht hat, dass er in diesem Handtuch auch in gewisser Weise einen kleinen Sieg über Nazi-Deutschland sieht, dass etwas doch geblieben ist von der Kuttner-Familie. Wir haben oft darüber nachgedacht, ob diese Interpretation - ich würde das nicht Erinnerung nennen - das etwas ist, was die Betrachter eigentlich in diesem Handtuch sehen. Denn dieses Handtuch ist natürlich ein ungeheuer starkes emotionales Stück von Trennung, von Verlust, von Mutterliebe und auch letztendlich von ewigem Gedenken an die Mutter.

Weißes Leinenhandtuch mit roten Streifen im unteren Bereich und Monogramm in roten Buchstaben.  Margarete Kuttner (1884-1944) gab dieses Handtuch ihrem Sohn Paul im Februar 1939 auf den Kindertransport nach England mit. Sie selbst wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und ist dort umgekommen. Paul Kuttner bewahrte das Handtuch so gefaltet auf, wie er es bekommen hatte - als Erinnerungsstück an seine Mutter.  Das Handtuch stammt aus der familieneigenen Textilfabrik S. Fränkel, Neustadt in Oberschlesien und gehörte vermutlich zur Aussteuer von Margarete Kuttner. Sie war eine geborene Fraenkel und mit der Familie der Textilunternehmer verwandt. (Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr.: 2000/144/0 )Handtuch von Paul Kuttner (1922-2016) (Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr.: 2000/144/0 )

Ellmenreich: Ich kann mir eigentlich gar nicht vorstellen, um jetzt nochmal zur ersten Geschichte zurückzukehren, wie Paul Kuttner dieses Erinnerungsstück an seine Mutter überhaupt aus den Händen geben konnte und es dem Jüdischen Museum in Berlin als Exponat für die Ausstellung, aber auch für das Archiv übergeben konnte.

Pomerance: Herr Kuttner hat das dem Museum gegeben im Vorfeld der Eröffnung des Museums 2001. Er hat ja auf einen Aufruf des Museums nach Erinnerungsstücken, nach Familienpapieren und Fotografien, geantwortet, und damit hat er die Erinnerung an seine Mutter nicht nur für sich dann alleine behalten und seine eigene Familie, sondern er teilt das letztendlich mit unserem Publikum. Und ich muss Ihnen nicht sagen, dass seit 2001 weit über elf Millionen Besucher ins Jüdische Museum gekommen sind. Dieses Stück war ein absolutes Highlight-Stück und wurde jahrelang gezeigt. Dann wurde es aus konservatorischen Gründen einige Zeit aus diesen Vitrinen herausgenommen und es befindet sich jetzt wieder an seiner alten Stelle in den Achsen des Holocausts.

Ellmenreich: Aber dieses Handtuch ist nie auseinandergefaltet worden?

Pomerance: Das ist nie auseinandergefaltet worden. Er hat es nie benutzt. Er hat es so genommen, und das ist etwas, was natürlich auch erstaunlich ist. Denn natürlich hat ein zwölfjähriges Kind, das mit einem Kindertransport nach England geht, überhaupt nicht ahnen können, was das Schicksal seiner Mutter sein wird. Ich glaube, wir würden vielleicht zu viel da hineininterpretieren, wenn wir vermuten würden, dass er das mitgenommen hat in der Annahme, dass das einer der letzten Gegenstände seiner Mutter bleiben würde.

"Viele letzte Briefe in Familiensammlungen"

Ellmenreich: Dass Paul Kuttner Ihnen dieses Handtuch zur Verfügung gestellt hat für die Ausstellung, ist nur ein Fall von ganz vielen, die diese Erinnerungsstücke, diese familiären, diese ganz intimen Erinnerungsstücke an Sie abgegeben haben. Was genau ist der Impuls dahinter? Sie haben vorhin vom Teilen gesprochen, Sie haben auch vom Sieg über Nazi-Deutschland gesprochen.

Pomerance: Wir sind natürlich seit Jahren in Kontakt mit deutsch-jüdischen Flüchtlingen, Emigranten, Überlebenden, und wir reden mit ihnen über Familienpapiere, über Nachlässe, über die Sammlungen, die sie haben. Sie haben ja eingangs auch von einem Brief gesprochen. Viele letzte Briefe sind in den Familiensammlungen, die wir für das Archiv dann bekommen. Es ist die Frage, ob jedes Stück, das zu einer Familie gehört hat, den gleichen Wert von Erinnerung inne hat. Ich glaube, das ist ganz unterschiedlich für die Familien. Wir haben sehr, sehr viel bekommen von der sogenannten ersten Generation, die Flüchtlinge und Auswanderer selber, die sie mitgenommen haben, und sie haben uns diese Sachen zum Teil gegeben, weil, wie sie uns sagten, ihre Kinder haben kein Interesse daran. In den allermeisten Fällen haben die Emigranten und Flüchtlinge die deutsche Sprache nicht weitergegeben an ihre Kinder. Also haben sie sehr, sehr viele Unterlagen, die ihre Kinder nicht lesen können und diese somit für sie nicht zugänglich sind. Allzu häufig lernen wir, dass gerade diese Art von Sammlungen, viele Papiere und erstaunlicherweise auch Familienfotografien und auch Gegenstände, einfach weggeschmissen werden nach dem Ableben von Eltern von der zweiten Generation, beziehungsweise manchmal haben die Emigranten und Flüchtlinge die Sachen auch selber erledigt, weil sie meinten, daran ist kein Interesse mehr.

Ellmenreich: Sie sprechen von diesem Desinteresse, das in den Familien zum Teil vorherrscht. Sie möchten aber, wenn Sie im Jüdischen Museum in Berlin diese Erinnerungsstücke ausstellen, natürlich ein großes Interesse bei den Besuchern wecken. Zum Beispiel jetzt diese Geschichte von Paul Kuttner, die wirklich unmittelbar ins Herz trifft, wenn man die kleine Tafel auch dazu liest und die Geschichte kennenlernt, ist das nicht eigentlich auch eine kalkulierte Reaktion, die Sie sich vom Besucher erhoffen, eine emotionale Ergriffenheit?

Pomerance: Wir möchten ganz gerne, dass unsere Besucher gerade unten in den Achsen ganz nah dran an diese Vitrine treten. Ohne das zu tun, können sie die Texte zu den ausgestellten Objekten gar nicht lesen. Das sind Geschichten von Verlust, von Deportation, von Ermordung. Das sind also sehr schmerzhafte Geschichten. Und ich sehe das gar nicht als eine Kalkulation. Wir spielen nicht mit den Emotionen unserer Besucher. Die Texte sind eigentlich sehr sachliche Texte, denn jeder Besucher wird eine Reaktion, eine Emotion bekommen oder nicht bekommen. Da wird nichts manipuliert und auch nicht kalkuliert. Das sind ja Stücke, die diese ungeheure Kraft in sich haben, und sie sprechen wirklich, glaube ich, schon eine universelle Sprache.

"Monogramm erweckt Neugier"

Ellmenreich: Sie haben gerade schon beschrieben, dass man sehr nahe an die Vitrinen herantreten muss und durch eine Art Guckloch hineinschauen, um sie überhaupt erkennen zu können, auch die Texte lesen zu können. Warum werden die Erinnerungsstücke auf diese Art und Weise präsentiert?

Pomerance: Weil wir möchten ganz gerne, dass unsere Besucher sich sehr stark mit diesen ausgestellten Stücken auseinandersetzen. Das sind ja Stücke, die nicht von weitem einfach betrachtet werden können und man daran vorbeilaufen kann. Wir wollen natürlich, dass für unsere Besucher dieses Erlebnis und die Auseinandersetzung mit diesen Stücken ein sehr nahes ist. Dadurch wollen wir natürlich, dass es auch eine persönliche Begegnung mit diesen Stücken ist, die an die ermordeten Personen erinnern.

Ellmenreich: Gibt es Erinnerungsstücke aus Ihrem Archiv, die sich besser oder schlechter eignen für die Präsentation in der Vitrine? Gibt es so etwas wie ein gutes Exponat?

Pomerance: Das ist eine schwierige Frage. Wir haben gesehen über die Jahre, mit diesen 16 oder 17 Vitrinen, die es dort unten in den Holocaust-Achsen gibt, mit dieser Vielfalt erzählen wir sehr, sehr viele persönliche Geschichten, und ich denke, es wäre falsch, etwas irgendwie so zu bewerten, was dann stärker ist. Ich glaube, das hängt auch teilweise von dem einzelnen Besucher ab und der Begegnung mit diesen Objekten. Wenn jemand kommt und sieht und begegnet einem ganz alltäglichen Objekt, wie zum Beispiel dieses Handtuch, was Paul Kuttner auf den Weg mitgegeben wurde, jeder erkennt dieses Objekt. Jeder kann sofort sehen, was dieses Objekt ist: Es ist ein Handtuch. Dann sieht man, dass dort ein Monogramm ist. Das erweckt natürlich die Neugier: Warum ist das hier ausgestellt? Was ist die Geschichte dahinter? Insofern denke ich, dass manchmal ganz einfache Alltagsobjekte, die die meisten Besucher sowieso aus ihrem eigenen Leben kennen, natürlich eine starke Sogwirkung haben und sie erhöhen auch die Neugier, warum das ausgestellt ist und welche Geschichten dahinter stecken.

Ellmenreich: Damit kommen wir wieder zum Anfang unseres Gesprächs. Ganz verschiedene Erinnerungen, sogar auch die Erinnerungen der Museumsbesucher selbst werden mit eingeflochten. Das heißt, es ist ein großes Netz von aktiver Erinnerungsarbeit, die Sie da leisten.

Pomerance: Und wir dürfen auch nicht vergessen: Was wir überhaupt nicht feststellen können ist, welche Erinnerungen nehmen unsere Besucher mit, nachdem sie diese Objekte angesehen haben? An was erinnern sie sich unmittelbar nach dem Besuch, nachdem sie durch eine sehr, sehr große Ausstellung gegangen sind und sehr, sehr vieles gesehen haben? Aber woran werden sie sich dann erinnern in Monaten oder Jahren, und werden sie diese Erinnerungen auch selber weitergeben? Es ist in der Tat ein ganz, ganz breites Spektrum von Erinnerungen, die jedes ausgestellte Stück evozieren und zum Teil in sich haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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