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StartseiteCampus & KarriereAls Azubi schon Chef29.03.2013

Als Azubi schon Chef

Auszubildende bei Semcoglas leiten eigenes Unternehmen

Wer den Namen Semcoglas hört, der denkt häufig an große Glasfassaden von Bürogebäuden. Am Standort im niedersächsischen Westerstede werden aber auch moderne Interieurprodukte hergestellt. Das Besondere daran: Dieser Firmenbereich wird ausschließlich von den Auszubildenden geleitet.

Von Mareike Lange

Semcoglas stellt eigentlich Glasfassaden her. Die Azubis kümmern sich um Interieur aus Glas. (picture alliance / dpa / CHROMORANGE / Wolfgang Cezanne)
Semcoglas stellt eigentlich Glasfassaden her. Die Azubis kümmern sich um Interieur aus Glas. (picture alliance / dpa / CHROMORANGE / Wolfgang Cezanne)

Die Auszubildenden von Semcoglas in Westerstede haben eine komplett eigene Produktlinie entwickelt. Dazu gehören gläserne Untersetzer, Buchstützen oder – der Renner - gläserne Zettelboxen. Die Azubis entwickeln nicht nur die Ideen, sondern sie produzieren die Artikel auch und kümmern sich um deren Vertrieb. Bei der eigenen Firma innerhalb des Unternehmens haben die Auszubildenden das Ruder allein in der Hand. Bei Young Semcoglas sind Cosima Steglich und Stefan Kuper mit an Bord.

Cosima: "Stefan, wir haben einen Auftrag über vier Zettelboxen. Kannst du mal in der Schleiferei fragen, wann sie das fertigen können?"

Stefan: "Kann ich machen."

Cosima: "Wenn du da warst, kannst Du mir dann Bescheid geben? Dann kann ich die Auftragsbestätigung für Kunden erstellen und kann ihm den Abholtermin sagen."

Die beiden angehenden Industriekaufleute sind im zweiten Lehrjahr. Während Cosima Steglich weiter den E-Mail-Eingang bearbeitet, macht sich Stefan Kuper auf den kurzen Weg in die Glasschleiferei. Dort arbeitet Asad Dag. Der 20-Jährige absolviert eine Ausbildung zum Flachglasmechaniker. Er ist derjenige, der die gläsernen Designer-Zettelboxen herstellt. Vom Zuschnitt des Glases, über das Kleben bis hin zur individuellen Sandstrahlung.

"Da messe ich mir das aus, ich habe hier einen Glasschneider. Den setze ich einmal an und dann schneide ich einmal. Danach öffne ich den Schnitt und breche ihn."

Die Auszubildenden haben die Chance, hautnah zu erleben, wie alle Rädchen eines Unternehmens ineinandergreifen müssen, sagt Steffani Groschke, Verantwortliche für die Personalentwicklung in der Semcoglas-Gruppe. Deshalb sei die Zusammenarbeit zwischen dem kaufmännischen und gewerblichen Bereich enorm wichtig. So soll die Hemmschwelle zwischen den Jugendlichen sinken:

"Unser Ziel war es, dass die Azubis am praktischen Beispiel lernen, wie ein Unternehmen funktioniert. Auch die Preise zu kalkulieren. Damit die auch marktfähig sind, wie vermarkten wir unsere Produkte, sodass am Schluss auch was hängen bleibt. Das war so die Grundidee. Aber der Fokus liegt ganz klar auf dem Lerneffekt. Sie sollen lernen unternehmerisch zu denken und das dann auch konkret umsetzen."

Die große Verantwortung im eigenen kleinen Unternehmen hat den 20jährigen Asad Dag selbstbewusster gemacht, sagt der künftige Flachglasmechaniker stolz:

"Die Leute kommen zu mir, weil sie wissen: Der kann was! Ich finde, es ist eine tolle Erfahrung, zu merken, wie es ist, an einer anderen Stelle zu stehen. Also nicht nur als Azubi, sondern in dem Fall auch als Geschäftsführer. Also ich kann das nur jedem empfehlen. Sehr gute Erfahrung."

Es ist nicht nur einfach eine Übungsfirma auf dem Papier, sagt die angehende Industriekauffrau Cosima Steglich. Die 20 Jungunternehmer dürfen eigenständig ihre Produkte entwerfen, gestalten - aber sie müssen auch die Verantwortung tragen, wie beispielsweise Bestellungen und Termine einhalten.

"Wir haben schon im Vergleich zu anderen viel mehr Verantwortung, wir haben aber immer unsere Ansprechpartner wie unsere Ausbilderin. Die können wir fragen, wir stehen nicht alleine."

Doch das junge Team in Westerstede nimmt nicht nur Bestellungen an und produziert, sondern arbeitet auch mit dem eingenommenen Geld, erzählt Stefan Kuper:

"Wir müssen uns überlegen, ob wir es reinvestieren. Wollen wir neue Produkte machen, oder Flyer entwerfen, wir müssen uns dann entscheiden. Solche Gedanken müssen wir uns darüber machen."

Und auch hier kommt es wieder auf das gesamte Team an, fügt Cosima hinzu:

"Wir treffen uns regelmäßig zur Azubi-Besprechung. Also alle, die an der Azubifirma teilnehmen. Und dann wird gemeinsam entschieden, wie es weitergeht. Man kann es als Art Gesellschafterversammlung sehen."

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