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StartseiteKalenderblattAls Rentner King Lear auf der Bühne31.03.2010

Als Rentner King Lear auf der Bühne

Vor 90 Jahren wurde der Schauspieler Rolf Boysen geboren

Den Lear so spielen wie einen Rentner, der im Regen spazieren geht? Für Rolf Boysen eher eine ärgerliche Vorstellung. Aber da sie aus dem Mund seines Regisseurs Dieter Dorn kam, hat er auch das gespielt: einen Lear, der den Zuschauern so nahe war, dass sie sich unwillkürlich fragten: Woher weiß der das von mir? Heute wird Rolf Boysen 90 Jahre alt.

Von Ruth Fühner

Rolf Boysen  bei Dreharbeiten für die ZDF-Produktion von Friedrich Schillers "Wallenstein", 1977 (AP)
Rolf Boysen bei Dreharbeiten für die ZDF-Produktion von Friedrich Schillers "Wallenstein", 1977 (AP)

Welche Rolle er gerne noch spielen möchte? Vor zehn Jahren fielen Rolf Boysen dazu gleich zwei ein: Wagners "Wotan" - aber dafür habe er wohl zu viel geraucht und Bordeaux getrunken - und der Shylock in Shakespeares "Kaufmann von Venedig". Den spielte er zum ersten Mal mit 81, und es war ein Triumph.

"Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?
Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?
Und wenn ihr uns Gift gebt, sterben wir nicht?
Und wenn ihr uns schädigt, sollen wir nicht Rache nehmen?"

Nimmt man den König Lear und Kleists Dorfrichter Adam und seinen Kurfürsten im Prinzen von Homburg dazu, dann hat Rolf Boysen in den letzten Jahren nach seinen höchst persönlichen Sternen gegriffen.

"Es gibt da Dinge, die stehen über allem - das ist zum Beispiel Kleist, das ist vor allem Shakespeare natürlich, da muss man ran, da hat man ja auch was zu knacken. Aber es wird schon schwierig bei unserer deutschen Klassik."

Immerhin, mit Goethe und Schiller hatte alles angefangen; mitten im Krieg, in Italien, als Soldat. Gefragt nach seinem Beruf, unterschlug Boysen die ungeliebte Kaufmannslehre. "Schauspieler", antwortete er - und fand sich umgehend in der Divisionstheatertruppe wieder, als Faust und Franz Moor. Sein Hauptmann verhalf ihm nach dem Krieg zu seinem ersten Engagement - in Dortmund. Doch erst 1960, in München, fand die entscheidende Begegnung statt: mit dem Regisseur Fritz Kortner, seinem "Ausdruckserlöser", wie ihn Boysen nennt. Von ihm hat er seine Vorstellung von Schauspielkunst übernommen.

"Leute, die mir dauernd auf der Bühne zeigen, was sie ganz persönlich Entsetzliches leiden oder welche Qual sie ausstehen, das kann ich nicht ertragen, weil mich das nicht interessiert, was Herr X oder Y da oben leidet. Mich interessiert, was die Figur durchmacht, in welchem Zustand die Figur ist - und das kann man nur erreichen, indem man zunächst mal alle seine Emotionen ausschaltet, und nun langsam an die Figur herangeht, indem man halt guckt: Was sagt der eigentlich."

Rolf Boysen ist kein Verwandlungskünstler, eher ein analytischer Sprachgläubiger, der stundenlang über einen Satz nachgrübeln kann. Dabei ist Pathos für ihn zentral - nicht als deklamatorischer Prunk, sondern als nüchternes Bewusstsein, dass das Leiden eine Grundkonstante ist im Menschenleben.

Genau das - den Menschen zu erzählen, was das Leben ist und damit, wie nebenbei, sie zugleich anzustiften darüber nachzudenken, was das Leben sein könnte, was es ihnen aufbürdet - offenbart Rolf Boysen auf der Bühne. In allen Rollen: als König und als verachteter Jude, als irischer Landstreicher und als gescheiterter Künstler. Es ist seltsam: Jeder seiner Männer erinnert an Martin Luther: Hier stehe ich! Ich kann nicht anders,

… schrieb der Theaterkritiker C. Bernd Sucher einmal über Rolf Boysen.

Geboren am 31. März 1920 in Flensburg, aufgewachsen in Hamburg, hat Boysen doch den Löwenanteil seines Theaterlebens in München zugebracht, nur unterbrochen durch zehn Jahre in Hamburg, Bochum und Wien. Seit 1979 ist es vor allem der Regisseur Dieter Dorn, der die dunkle Strahlkraft, die alterslose Vornehmheit seines Doyens zum Leuchten bringt, ihm Glut und schneidende Kälte, Raserei und Zartheit abverlangt. Anders als viele Gleichaltrige ist Boysen, der "unheilbare Melancholiker" und zeitlos Nüchterne, nie unmodern geworden. Er hat den Generationenbruch am Theater unbeschadet überstanden. Auch die Phase, als alles Theater auf seine aufklärerische Funktion hin befragt wurde:

"Das Theater ist ja nicht dazu da aufzuklären. Wenn man anfängt, aufklärend spielen zu wollen, ist man sowieso verloren. Aber die Existenz des Menschen, das Rätselhafte unseres Lebens, das kann man auf der Bühne in einer wunderbaren Weise versuchen zu zeigen."

Wenn er nicht auf der Bühne steht, liest Rolf Boysen vor. Die Säle sind brechend voll, wenn er rezitiert aus mittelalterlichen oder antiken Epen, die manche für angestaubt halten. Dabei lebt Rolf Boysen sehr bewusst in der Gegenwart. Ob er gegen das bayerische Kruzifixurteil protestierte oder gegen den Irakkrieg - er ist und bleibt ein skeptischer Moralist, nicht nur auf dem Theater.

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