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StartseiteKultur heute"Als wäre eine dicke Plexiglaswand dazwischen"15.11.2011

"Als wäre eine dicke Plexiglaswand dazwischen"

Giuseppe Verdis "Die Macht des Schicksals" an der Opéra Bastille in Paris

Verdis Oper enttäuschte den Kritiker Thomas Voigt aufgrund der Schlichtheit der Inszenierung und der schlechten Akustik in der Bastille-Oper in Paris. Der Gesang war nur reduziert zu hören - das Orchester unter Dirigent Philippe Jordan dagegen war der Star des Abends.

Thomas Voigt im Gespräch mit Stefan Koldehoff

"Star des Abends war der Dirigent Philippe Jordan und das Orchester." (AP Archiv)
"Star des Abends war der Dirigent Philippe Jordan und das Orchester." (AP Archiv)
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Opéra Bastille, Paris

Stefan Koldehoff: Etwa 200 Jahre in der Zeit zurück, da hießen die Liedermacher noch Komponisten. Einer der bedeutendsten italienischen Vertreter dieses ehrwürdigen Berufsstandes war Giuseppe Verdi. Ihm floss – nach einem kurzen Ausflug in die Politik – 1861 innerhalb von drei Monaten eine Oper mit dem schönen Titel "La forza del destino – die Macht des Schicksals" aus der Feder. Es gab allerdings schon eine spanische Vorlage. In Paris wurde Verdis Fassung nun neu inszeniert, an der Opéra Bastille, und bevor ich nun versuche, die Handlung zu skizzieren, soll das Thomas Voigt tun. Der war nämlich dort und bekommt dafür auch noch ein Honorar. Herr Voigt: Worum ging es denn?

Thomas Voigt: Auch für das Honorar kann man die Handlung nicht kurz skizzieren. Ersparen Sie mir das bitte. Wer die Parodie der Marx Brothers gesehen hat, "A Night at the Opera" – da wird der Trovatore parodiert -, da kann ich nach "La forza del destino" sagen, diese Oper bietet mindestens so viel Angriffsfläche für Parodisten wie auch der Trovatore: also mit Bruder ersticht Schwester und über den Leichen bricht noch der Bräutigam zusammen und so weiter. Also es ist alles drin, was so die spanische Schauerromantik zu bieten hat, ähnlich wie beim Trovatore. Musikalisch ist das Werk schon deutlich eine andere Sprache, eben die des späteren Verdi, vor Don Carlos, vor Otello, vor Falstaff. Und natürlich findet man es, wenn man diese Entwicklung schon sehen kann, ein bisschen schade, dass er nicht statt dieser Vorlage eine literarische Vorlage, eben wie beim Carlos und beim Otello, genommen hat.

Koldehoff: Kann man als Regisseur eine solche Handlung, wie Sie sie gerade nicht beschrieben haben, denn überhaupt noch ernst nehmen und entsprechend inszenieren?

Voigt: Man kann sie schon ernst nehmen, vor allen Dingen in der Verherrlichung des Krieges kann man sie ernst nehmen, und die Antwort war von ergreifender Schlichtheit. Ein Akt schließt mit "eviva la guerra", dem großen Chor. Eine Marketenderin, die Zigeunerin Preziosilla, macht Akquise für den Krieg zwischen Italien und Deutschland. Und dieses "eviva la guerra" wird beantwortet vom Regisseur, indem er von oben lauter Zettel mit "eviva Verdi" rascheln lässt, also nicht "es lebe der Krieg", sondern "es lebe Verdi".
Ansonsten ist seine Inszenierung von nicht immer ergreifender Schlichtheit. Es reicht ein Tisch, ein Stuhl, eine überdimensionale Christusfigur, um das Szenario zu skizzieren, und darin glaubhafte Personenregie, sofern das innerhalb dieser Handlung überhaupt möglich ist. Und er hat versucht, das Beste daraus zu machen, sagen wir mal so, nichts was ablenkt von dem Wesentlichen, also von Hass, Liebe, von wie aus Freunden Todfeinde werden und so weiter. Diese Grundkonstellationen der Oper wurden darstellerisch glaubhaft umgesetzt.

Koldehoff: Verdi-Opern sind in aller Regel Sängeropern. Haben Sie es genießen können?

Voigt: Da muss ich auf mein Chagrin mit der Opéra Bastille wieder zurückkommen. Also wer einmal im Palais Garnier gesessen hat, in der alten Pariser Oper, der ist für die Bastille, fürchte ich, verloren, was die Akustik betrifft. Egal, auf welchem Platz ich gesessen habe, ich hatte nie einen direkten Draht zu dem, was auf der Bühne passiert ist. Es ist immer so, als wäre eine dicke Plexiglaswand dazwischen und als würde von den Stimmen die Hälfte reduziert sein. Ich meine, es ist bekannt, dass die Akustik schlecht ist, man hat sie auch ein bisschen versucht zu bearbeiten, aber gerade jetzt bei so einer Verdi- und Sängeroper wie "La forza del destino" ist das einfach zu wenig. Davon ab hatte ich aber auch den Eindruck, dass die Hauptpartien alle etwas unterbesetzt waren. Am besten hat mir noch gefallen als Leonora de Vargas Violeta Urmana, die allerdings als ehemalige Mezzosopranistin mit den Höhen auch etwas zu kämpfen hatte. Also es war da manchmal ein bisschen schrill. Aber sie hat sehr viele schöne Feinheiten gemacht. Star des Abends war der Dirigent Philippe Jordan und das Orchester somit. "Macht des Schicksals" hat ja eine der beliebtesten Ouvertüren überhaupt und da hat das Orchester auch wirklich dann alles gegeben, um das rauskommen zu lassen.

Voigt: Das Orchester der Pariser Oper unter der Leitung von Philippe Jordan. Der wurde gefeiert wie ein Opernstar. Die ganzen Bravos, die man sonst immer bei Sängern hört, kamen diesmal auf den Dirigenten und das Orchester nieder, und ich finde auch größtenteils zurecht. Er hat da schon das rausgeholt, was in der Partitur drin ist.

Koldehoff: Das heißt, über dem Konzertgraben, über dem Orchestergraben liegt diese Scheibe, die Sie gerade beschrieben haben, nicht?

Voigt: Nein. Und natürlich: Man kann dann vielleicht - auch manchmal finden Menschen die Musiker laut. Aber ich glaube, es liegt einfach an dieser Akustik, dass die Stimmen reduziert werden. Und gerade bei den beiden Hauptrollen, also Tenor – es ist ein dramatischer Tenor, ein dramatischer Bariton -, da muss es einem auch manchmal richtig in den Ohren klingeln. Da gibt es Stellen, wo sich einfach die beiden das Stimmmaterial um die Ohren hauen. Das muss auch rüberkommen, gerade wenn die dramatisch erregt sind bis zum Äußersten, dass die aufeinander losgehen. Wenn man dann das Gefühl hat, es ist so en miniature, das macht einen nicht froh und das war auch im Publikum deutlich zu spüren.

Koldehoff: Wenn Sie jetzt von einem ganz grundsätzlichen Kummer sprechen, den Sie da mit diesem Operngebäude haben, ist man sich nicht auf Ihre Person bezogen, aber grundsätzlich dessen denn bewusst in Paris?

Voigt: Ich denke schon. Schon der Taxifahrer sagte mir auf der Hinfahrt, nein, nein, lieber Palais Garnier, von der Atmosphäre und von allem gar nicht zu vergleichen.

Koldehoff: "Die Macht des Schicksals" von Verdi in Paris. Danke an Thomas Voigt. Das Honorar gibt es dann im Nebenraum hinter der zweiten Tür.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Informationen:

Opéra Bastille, Paris

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