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StartseiteDie neue PlatteEin Neapolitaner in Paris02.09.2018

Alte MusikEin Neapolitaner in Paris

Der Geiger und Komponist Michele Mascitti stammte aus Norditalien, wurde aber vor allem in Frankreich berühmt. Er war so erfolgreich, dass er von dem Verkauf seiner Noten leben konnte. Gian Andrea Guerra und sein Quartett Vanvitelli haben erstmals seine virtuosen Solo-Sonaten op. 8 eingespielt.

Am Mikrofon: Christiane Lehnigk

Das Quartetto Valvitelli mit dem Geiger Gian Andrea Guerra und Instrumenten vor einer verzierten Steinwand (Sergio Ferri)
Das Quartetto Valvitelli mit dem Geiger Gian Andrea Guerra (Sergio Ferri)

Michele Maschitti war zu Lebzeiten so bekannt war wie Albinoni, Corelli oder Vivaldi, aber seine Werke kommen erst wieder mit der Alte-Musik-Bewegung ans Tageslicht. Der Geiger Gian Andrea Guerra und die übrigen Mitglieder seines Quartetto Vanvitelli haben erstmals acht seiner zwölf Sonaten für Violine und Basso continuo op. 8 für das Label Arcana eingespielt. Mascitti war ein berühmter Geiger und Komponist, der in Neapel ausgebildet wurde und schließlich sein Glück vor allem in Paris machte.

Musik: Michele Mascitti, aus: op. 8, Nr. 1 A-Dur, 1. Adagio

Orientierung am Stil von Corelli

Acht von zwölf "Sonate a violino solo e basso"  aus dem Jahre 1731 von Michele Mascitti haben der Geiger Gian Andrea Guerra und Mitglieder seines Quartetto Vanvitelli auf ihrer ersten gemeinsamen CD zusammen gestellt. Das sind gut 76 Minuten virtuose italienische Barockmusik auf hohem Niveau und vielmehr Zeit kann eine einzige CD auch gar nicht fassen. Neben Guerra sind das Nicola Brovelli – Violoncello, Matteo Cicchitti – Violone und Luigi Accardo – Cembalo, alle spielen auf originalen oder nachgebauten Instrumenten der Zeit.

Schon dieser kleine Ausschnitt aus der ersten A-Dur Sonate aus op. 8 lässt erkennen, aus welcher Richtung Michele Mascitti beeinflusst wurde: Hier stand sicherlich Arcangelo Corelli Pate, betrachtet man die melodische Gestik des einleitenden Adagio mit der durchgehenden Bass-Figur.

Und das war auch ein Teil seines Erfolges in Paris, dass er ziemlich nah am Modell des in Rom wirkenden Kollegen blieb, von dem sich nur Instrumentalmusik erhalten hat und dessen Concerti grossi so unglaublich beliebt waren. Corellis Werke waren noch bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts die in nahezu allen europäischen Staaten meist verlegten Werke der Musikgeschichte.

Typisch auch für Mascittis Stil waren die imitatorischen Figuren, vor allem in den ersten beiden Sonaten, die Anlage von vier Sätzen im Wechsel von Langsam – Schnell – Langsam, wie sie sich als die italienische Violin-Sonate etabliert hatte und die er mitunter durch französische Tanzsätze ergänzte. Zu seinen favorisierten Sätzen gehörte die Allemande, die er auf vielfältige Weise zu variieren wusste. Schon Mattheson schrieb in seinem "Vollkommenen Capellmeister", dass Mascitti für die Violin- und Händel für Cembalo-Kompositionen hier als Vorbilder galten.

Musik: Michele Mascitti, aus: op. 8, Nr. 7 F-Dur, 1. Allemanda. Andante

Italienische Solo-Sonaten mit französischen Tänzen

Neben der Allemande hat Michele Maschitti auch noch weitere Tanzsätze in seine Violin-Sonaten integriert, wie Minuet, Gavotte, Pastorale und Corrente.

Gian Andrea Guerra erhielt seine erste Ausbildung am Konservatorium Giuseppe Nicolini in Piacenza, wo er inzwischen auch selbst lehrt. Barockgeige lernte er unter anderem bei Enrico Gatti und Luca Giardini, inzwischen arbeitet er mit vielen europäischen modernen Orchestern und Ensembles der Alten Musik zusammen.

Stilvolle kammermusikalische Interpretation

Er und seine Continuogruppe sind alle versierte Interpreten der historischen Aufführungspraxis, sie musizieren homogen und sehr sensibel miteinander, die Ornamentierungen sind nie stereotyp, sondern kunstvoll variiert nach den Vorgaben der Zeit. Es ist nicht das Klangbild eines Solisten im Vordergrund mit Begleitung im Hintergrund, sondern ein selbstverständliches gleichberechtigtes Miteinander. Es wurde weniger Wert auf barocken Glanz mit viel Hall gelegt, als auf einen möglichst natürlichen, kammermusikalischen Klang.    

Musik: Michele Mascitti, aus: op. 8, Nr. 8 D-Dur, 3. Corrente. Allegro

Bis jetzt gibt es nur vereinzelte Aufnahmen von Violin- und Trio-Sonaten sowie Concerti grossi von Michele Mascitti, der zu Anfang des 18. Jahrhunderts zu den am meisten geschätzten auswärtigen Musikern in Frankreich zählte, seine Sonaten op. 1 erschienen dort noch vor denen von Corelli. Die Sonaten aus op. 8, die Gian Andrea Guerra mit den Musikern seines Quartetto Vanvitelli jetzt eingespielt hat, zeigen einmal mehr das Niveau der virtuosen Violinkunst zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit einer vielfältigen Technik von schnellen Saiten- und Lagenwechseln, Doppelgriffen sowie Sechzehntel-Arpeggien bis hin zur expressiven Bogenführung, dem "affettuoso" bei den langsamen Sätzen.

Ausgebildet am Hof in Neapel

Michele Mascitti stammte aus Villa Santa Maria bei Chieti in den Abruzzen und wurde zunächst von Pietro Marchitelli, einem Onkel, ausgebildet, der in Neapel an der Königlichen Kapelle mehr als 50 Jahre lang als 1. Geiger wirkte und ein großes Renomée hatte. Der konnte seine Kunst wohl gut weitervermitteln, denn Mascitti avancierte schon bald zu einem der prominentesten Geiger des Orchesters und er hätte seinem Onkel sicherlich auf seinem Posten nachgefolgt, wenn er sich nicht dazu entschlossen hätte, Neapel zu verlassen und auf Reisen zu gehen. Er tourte durch ganz Europa und hielt sich zunächst vor allem in Deutschland und in den Niederlanden länger auf.

Einflussreiche Gönner in Paris

Mascitti stand unter dem Schutz des einflussreichen römischen Kardinals und Kunstliebhabers Pietro Ottoboni und des Herzogs von Bayern. Als um die Jahrhundertwende nach vier Jahrhunderten der spanischen Vorherrschaft Neapel mit dem Schwiegersohn König Ludwig des XIV. eine französische Regierung bekam, entwickelte sich auch ein reger kultureller Austausch zwischen Neapel und Paris. Michele Mascitti machte sich 1702 nach Paris auf und bewegte sich schon ein Jahr später als 'Michel' in allen angesagten aristokratischen Zirkeln der französischen Hauptstadt. Bereits 1704 bezeichnete ihn die Zeitschrift "Mercure Galant" als Komponisten von beachtlicher Reputation, dem der König, der Dauphin und der ganze Hof applaudiert. Der italienische Stil war "en vogue" geworden, die Sonaten von Corelli, Albinoni und Mascitti wurden "unsterblich". 

Kopien von Mascittis Werken kursierten in ganz Europa

Die Kopien seiner Stücke waren schnell ausverkauft, wurden aber immer wieder neu aufgelegt und auch raubkopiert. Das hat aber leider auch dazu geführt, dass Mascitti nach seinem op. 9, herausgegeben 1738, in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens wohl nichts mehr komponiert hat. Mit der Familie Crozat hatte der sogenannte "Cicero der Musik" wohlmeinende Sponsoren gefunden und ansonsten konnte er, - ein  außergewöhnliches Phänomen der Zeit -, allein von dem Verkauf seiner Werke gut leben.
Er hinterließ 116 gedruckte Werke, allein 100 davon waren Solo-Sonaten. 

Musik: Michele Mascitti, aus: op. 8, Nr. 6, 3. Pastorale ou Musette. Andante (Ausschnitt), 4. Allegro 

Dies war ein Ausschnitt aus dem 3. Satz "Pastorale ou Musette" und dem letzten Allegro-Satz der 3. Sonate aus op. 8 von Michele Mascitti, mit einem Zitat aus einem der populärsten Melodien der neapolitanischen Weihnachtstradition.  

Michele Mascitti (1664-1760)
Sonaten für Violine & Bc op.  8 Nr. 1, 2, 5-8, 10, 11
Gian Andrea Guerra, Nicola Brovelli, Matteo Cicchitti, Luigi Accardo
Label: Arcana/Outhere Music France, DDD, 2017. A 111 // 3760195731116

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