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StartseiteDie neue PlatteMonteverdi-Nachlese26.11.2017

Alte MusikMonteverdi-Nachlese

Zum 450. Geburtstag von Claudio Monteverdi gab es in diesem Jahr eine Menge zu entdecken. Zwei CD-Projekte zum Madrigalwerk liegen jetzt komplett vor: eine Auswahl-Edition des Ensembles "Les Arts Florissants" und eine umfangreichere Einspielung mit dem Ensemble "Le Nouve Musiche". Beide überzeugen interpretatorisch.

Am Mikrofon: Bernd Heyder

Das Ensemble Le Nuove Musiche um einen Oldtimer gruppiert (Jip Warmerdam)
Das Ensemble Le Nuove Musiche (Jip Warmerdam)

Musik: Claudio Monteverdi, Ch’ami la mia vita, SV 23

Mit dem Madrigal "Ch’ami la mia vita" eröffnet Claudio Monteverdi sein erstes Madrigalbuch. Und dieses Werk steht auch am Anfang der entsprechenden CD von "Le Nuove Musiche". Der niederländische Cembalist und Organist Krijn Koetsveld hat "Le Nuove Musiche" Ende 2004 als Ensemble für die Vokalmusik des 17. Jahrhunderts gegründet und sich mit dieser Gesamtaufnahme, wie er schreibt, einen Jugendtraum erfüllt.

Die vokale Stammbesetzung bilden die Sopranistinnen Jennifer van der Hart und Wendy Roobol, der Altus Hugo Naessens, der Tenor Falco van Loon sowie Bas Ramselaar in der Basspartie. Sie widmen sich mit viel Sensibilität den Nuancen der arkadischen Liebeslyrik in dieser Musik. Die CD-Produktionen entstanden in kleineren, aber doch deutlich halligen niederländischen Kirchen.

Das Ensemble Les Arts Florissants in kleiner, Madrigal-Besetzung mit Noten und LautenbegleitungDas Ensemble Les Arts Florissants in Madrigal-Besetzung mit Lauten-Begleitung

Wie "Le Nouve Musiche" wartet auch das Ensemble "Les Arts Florissants" in seiner Auswahl-Einspielung mit durchweg bestechender Intonation auf – und im Vergleich mit noch größerer Flexibilität in Rhythmus und Dynamik.

Der amerikanische Cembalist William Christie hat "Les Arts Florissants" 1979 in Paris gegründet. Diesmal dirigiert aber nicht er das Ensemble, sondern der schottische Tenor Paul Agnew, der inzwischen als zweiter künstlerischer Leiter agiert. Die CD-Edition bietet Konzert-Mitschnitte aus der Cité de la Musique in Paris.

Musikalischer Fortschritt um 1600

Claudio Monteverdi komponierte 1607 als Hofmusiker in Mantua mit "L’Orfeo" die nach heutigen Maßstäben erste vollgültige Oper. Der Kirchenmusik gab er ebenfalls schon neue Impulse, bevor er 1613 das Kapellmeisteramt am Markusdom in Venedig übernahm.

In seinem Madrigalwerk kann man sehr schön nachverfolgen, wie er sich allmählich dem virtuosen konzertanten Stil und der Monodie zuwandte – dem expressiven, akkordisch von Instrumenten begleiteten Gesang von einer oder nur wenigen Stimmen. Zunächst erlaubte sich Monteverdi aber schon in seinen A-cappella-Madrigalen größere harmonische Freiheiten zur sinnfälligen Textausdeutung.

Einen Höhepunkt bildet da die Madrigalfassung des ariosen Lamentos "Lasciate mi morire" aus seiner ansonsten verlorenen Oper "Arianna". Das fünfstimmige Stück aus dem sechsten Madrigalbuch von 1614 interpretieren bei "Les Arts Florissants" in eindringlicher Weise Miriam Allan, Lucile Richardot, Paul Agnew, Sean Clayton und Cyril Costanzo.

Musik: Claudio Monteverdi, Lamento d’Arianna, SV 10

Vokale Dramatik im Kammermusik-Format

Die Erkenntnis, dass es sich bei Monteverdis Madrigalen nicht um Chorwerke, sondern um vokale Kammermusik handelt, brachten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Interpretationen von solistisch besetzten Vokalensembles wie dem "Deller Consort" und dem "Consort of Musicke".

In den 90er Jahren setzten junge italienische Formationen wie "Concerto Italiano" und "La Venexiana" neue interpretatorische Maßstäbe: Sie krönten die betörenden Harmonien Monteverdis noch mit der Text-Expressivität ihrer Muttersprache. Ohne solch eine Italianità ist eine Interpretation dieser Madrigale heute kaum mehr vorstellbar. Bezeichnenderweise werden in den CD-Begleitheften der neuen Einspielungen auch die jeweiligen italienischen Sprachtrainerinnen genannt.

In Monteverdis venezianischer Zeit gewinnen begleitende und auch konzertierende Melodieinstrumente an Bedeutung. Ebenso experimentiert er jetzt stärker mit den kompositorischen Formen. Besonders bunt ist in dieser Hinsicht das späte 8. Buch: Im "Lamento della Ninfa" beispielsweise mischt Monteverdi in die herzergreifende Klage des Soprans über einem melancholischen Instrumentalbass-Motiv immer wieder die Stimmen dreier Männer ein. Aus der Ferne nehmen sie Anteil am Schicksal der unglücklichen Nymphe. Bei "Le Nuove Musiche" lassen sich Falco van Loon, João Moreira und Bas Ramselaar vom Klagegesang bewegen, den Wendy Roobol anstimmt.

Musik: Claudio Monteverdi, Lamento della Ninfa, SV 163

Einem anderen Stück aus Monteverdis 8. Buch, dem "Combattimento di Tancredi e Clorinda", liegen Verse aus dem damals sehr populären Kreuzzugs-Epos "La Gerusalemme liberata" von Torquato Tasso zugrunde. Hier geht es um die Liebe zwischen dem Kreuzritter Tankred und der schönen Sarazenin Clorinda. Die hat sich als Mann verkleidet, so dass Tankred sie bei einer zufälligen Begegnung nicht erkennt, in einen Kampf verwickelt und tödlich verletzt. Monteverdi hat zu dieser tragischen Szene eine bildhaft beschreibende Instrumentalbegleitung entwickelt. Er nennt das "stile concitato": die "aufgeregte Schreibweise".

Paul Agnew ist in der Aufnahme von "Les Arts Florissants" in die Rolle des Erzählers geschlüpft und lässt sich von dem Kampfgeschehen mitreißen, das die Streicher fast naturalistisch illustrieren. Agnew folgt aber auch Monteverdis Empfehlung, nur eine Strophe des Madrigals mit besonderen virtuosen Ornamenten auszuzieren. Sie ruft das Dunkel der Nacht an, in dem sich der Zweikampf der ungleichen Kombattanten abspielt.

Musik: Claudio Monteverdi, Il Combattimento di Tancredi e Clorinda, SV 153

Wer den musikalischen Kosmos von Claudio Monteverdis Madrigalen in neuen CD-Interpretationen erkunden möchte, muss sich jetzt entscheiden: zwischen der Auswahl-Edition von "Les Arts Florissants" auf drei CDs, die einzeln und als Set erhältlich sind, und der Gesamteinspielung von "Le Nuove Musiche", die sich aus sechs Einzelveröffentlichungen auf 12 CDs zusammensetzt. Interpretatorisch überzeugen beide Projekte.

Peinlicher Schnitzer

Bei der niederländischen Serie aus dem Niedrigpreis-Segment muss man allerdings des Englischen mächtig sein, um von den kurzen Essays und den Gesangstextübersetzungen in den Beiheften profitieren zu können. Und im "Combattimento di Tancredi e Clorinda" stößt man auf einen ärgerlichen Montagefehler: Da überlagern sich für etwa eine Minute offenbar zwei nicht synchronisierte Aufnahme-Takes, so dass man im Hintergrund unrhythmische und dissonante Cembalo-Schläge sowie ungewollte Echowirkungen hört.

Darüber kann "Le Nouve Musiche" aber vielleicht mit der zusätzlichen Einspielung des 9. Madrigalbuchs hinwegtrösten. Dieser posthume Druck versammelt noch einmal 15 eingängige Werke für zwei bis drei Gesangsstimmen und Basso continuo. Einiges davon hat Monteverdi selbst früher schon einmal veröffentlicht, allerdings nicht immer im Rahmen seiner Madrigalbücher. So präsentiert "Le Nuove Musiche" hier beispielsweise noch die eingängige Canzonetta "Zefiro torna" – "Popmusik" der Monteverdi–Zeit, könnte man sagen …

Musik: Claudio Monteverdi, Zefiro torna, SV 251

Claudio Monteverdi : Madrigali, Libri I & II / Madrigali, Libro VIII / Madrigali, Libro IX
Le Nuove Musiche, Ltg. Krijn Koetsveld
Brilliant Classics // 94977 (2 CDs) / 95152 (3 CDs) / 95153 (CD)
LC 09421

Claudio Monteverdi: Madrigale, Vol. I-III. Mantova – Cremona – Venezia
Les Arts Florissants, Ltg. Paul Agnew
Harmonia Mundi Musique // HMX 2908777.79 (3 CDs, auch in Einzelausgaben erhältlich)
LC 07045

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