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StartseiteDie neue PlatteTränen der Auferstehung11.03.2018

Alte MusikTränen der Auferstehung

Heinrich Schütz wollte in seiner "Historia von der Auferstehung Christi" das Handeln und Empfinden von Menschen "in Music übersetzen". Simon-Pierre Bestion macht mit seinem Ensemble La Tempête daraus ein opulentes oratorisches Epos, auch indem er Madrigale von Johann Hermann Schein dazwischen fügt.

Am Mikrofon: Christiane Lehnigk

Grabkammer in der Grabeskirche in Jerusalem  (imago stock&people)
Die Grabeskirche in Jerusalem mit der mit Marmor verkleideten Grabbank (imago stock&people)

Musik: Heinrich Schütz, aus: Historia der Auferstehung Christi, Introitus 

Die "Historia von der fröhlichen und siegreichen Auferstehung Christi", so der Originaltitel der biblischen Historie von Heinrich Schütz, beginnt mit diesem Introitus, dieser Einleitung, für die allerdings ursprünglich der Chor vorgesehen war mit den folgenden Worten, die der Gemeinde mitteilen sollen, worum es hier geht:
"Die Auferstehung unsers Herren Jesu Christi, wie uns die von den vier Evangelisten beschrieben wird."
Es ist eine Kompilation der vier Evangelientexte in ungereimter Form.

Nach dem Bericht des Ostermorgens am Grab und der Erzählung der Begegnung mit den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, vertonte Schütz auch, wie Jesus ihnen seine Wundmale zeigt und sie schließlich in die Welt schickt, seine Botschaft weiter zu geben.

"Krafft-Sprüchlein" von Johann Hermann Schein

Simon-Pierre Bestion und sein Ensemble La Tempête haben sich erlaubt, dieses Werk neu zu interpretieren und so gestalten sie vokale Partien rein instrumental, lassen Teile aus, improvisieren und fügen auch Instrumente hinzu, wie hier in diesem ersten Stück. Hinzu kommen Madrigale aus dem "Israelis Brünnlein" von Johann Hermann Schein, die so etwas wie Satzzeichen oder Atempausen darstellen sollen. Schein selbst nannte sie "Auserlesene Krafft-Sprüchlein altes und newe'n Testaments auf einer Italian madrigalische Manier".

Für Schütz ging es bei seiner Auferstehungs-Historie hauptsächlich darum, auch das Handeln und Empfinden von Menschen "in Music zu übersetzen", wie es auf dem Titelblatt heißt.

Verdichtung des Inhalts und Vergrößerung des Instrumentariums

Der Organist, Cembalist und leidenschaftliche Chorleiter Simon-Pierre Bestion wiederum wollte "eine Geschichte erzählen, und zwar die einer unglaublichen Auferstehung, in der gleichen Art, in der man einem Kind ein Märchen erzählen könnte". Damit meint er aber weniger eine Vereinfachung als eine Verdichtung des Inhalts, der Dramatik des Geschehens, durch das der Evangelist, der Erzähler führt.

Die einzelnen Figuren, - Jesus, Maria Magdalena, der Jünger Kleophas, die Hohenpriester, die Engel, die beiden Männer am Grabe-, sie, die sich im Umkreis von Jesus befinden,  sollen in den Vordergrund gestellt werden, "mit ihrem Schmerz nach seinem Tod, ihren Fragen, ihrem Entsetzen über den verschwundenen Leichnam und schließlich der undefinierbaren Freude über die Auferstehung. Daraus ist eine Abfolge von 21 Stücken geworden, wobei die symbolische Zahl absichtlich gewählt wurde. 
Für die Rolle des Evangelisten hat sich das Ensemble etwas Besonderes einfallen lassen.

Musik: Heinrich Schütz, aus: Historia der Auferstehung Christi, Der Ostermorgen  

Experiment mit der Evangelistenpartie                                

Bei seiner Einspielung der Auferstehungsgeschichte von Schütz hat der Ensembleleiter von La Tempête, Simon-Pierre Bestion, den Evangelisten mit einer "exotischen" Stimme besetzt. Es ist der aus dem Libanon stammende Sänger Georges Abdallah, der in seiner Heimat und an der Pariser Sorbonne ausgebildet wurde, und die arabischen Gesänge der melkitisch-griechisch-, oder byzantinisch-katholischen Kirche beherrscht. In seinen eigenen Ensembles verbindet er die mündlichen Traditionen mit dem gregorianischen, persischen und byzantinischen Gesang.

Viele Bilder und Affekte

Schütz selbst hat für die Begleitung des Erzählers ein vierstimmiges Gambenconsort konzipiert, was eine einmalige Instrumentalbesetzung darstellt, eine Orgel könnte hier nur eine Notlösung sein. Dabei sollten die begleitenden Stimmen reichlich verziert sein, um, so der Komponist, "ihren gebührlichen effect" zu erreichen. Den Text löst er aus der distanziert-objektiven Haltung, um möglichst viele Bilder und Affekte darstellen zu können.

Hier, bei dieser Aufnahme übernimmt der Evangelist selbst die Verzierungen durch seine melismatische Vortragsweise, es gibt ja auch fast keine Taktstriche oder Einschränkungen in den Noten. Es war bestimmt nicht leicht, den deutschen Text und die Aussprache und Diktion zu erlernen, und ganz perfekt ist so etwas auch nicht hinzubekommen. Aber Abdallah vermag dem Text eine ungeheure Intensität zu verleihen, sein Vortragsstil mit einer etwas rauhen Stimme ist vollkommen unangestrengt und entspannt. Bei den tiefen Noten ist sie zwar besonders gefordert, orientiert sich aber immer am Wohlklang und reizt die Grenzen nie so aus, wie das zum Beispiel manchmal beim Ensemble Graindelavoix der Fall ist.

Klangbild aus dem Nahen Osten

Man fühlt sich auf hypnotisch, meditative Weise unweigerlich sofort in den Nahen Osten versetzt, an die historischen Stätten. Die übrigen Gesangsstimmen, allesamt auf höchstem Niveau, versuchen auf besondere Weise mit dem Evangelisten zu kommunizieren, was die einzelnen Teile vergessen lässt und dem Ganzen eine besondere, durchgehende Spannung verleiht. Dass die Sängerinnen und Sänger allerdings alle keine "native speaker" sind, lässt sich trotz intensiven Sprachtrainings nicht ganz verheimlichen, tut aber letztlich dem Projekt keinen Abbruch. Hier sind das: Claire Lefilliatre - Sopran, Fiona McGown - Mezzo-Sopran, Vincent Liebre-Picard, Sebastien Obrecht und Lisandro Nesis - Tenor, sowie Victor Sicard - Bass-Bariton.

Ob die Musik von Schütz und Schein solch eine "Verstärkung" oder Verdichtung wirklich braucht, um die besondere Spiritualität deutlich zu machen, das ist vielleicht Geschmackssache und mag die Puristen verstören. Aber die Grenzen dessen, was man mit der Musik anstellen durfte oder nicht, waren noch zu Lebzeiten der Komponisten fließend, man konnte ja nur das verwenden, was man zur Verfügung hatte. So schlug Schütz selbst vor, bei der Aufführung des Stückes, nur den Evangelisten sichtbar auf der Bühne zu platzieren und die anderen Figuren im Verborgenen zu lassen. Aber er stellt den Protagonisten auch frei, eine "bühnenmäßige" Besetzung zu wählen, sowie die Stimmen, von denen jeweils zwei einer Person, zugeordnet sind, gegebenenfalls durch Instrumente zu ersetzen. Insofern ist es vielleicht ein Sakrileg, jedoch nicht illegitim.

Musik: Heinrich Schütz, aus: Historia der Auferstehung Christi, Der Jüngling am Grabe

Musik zur Zeit des 30-jährigen Krieges mit italienischem Einfluss

Musik: Johann Hermann Schein, aus: Israelis Brünnlein, Freue Dich des Weibes deiner Jugend    

Die beiden Werke, die Auferstehungs-Historie von Heinrich Schütz und das "Israelis Brünnlein", oder "Fontana d’Israel" von Johann Hermann Schein, die Simon-Pierre Bestion in dieser Einspielung in Teilen zu einem Ganzen zusammengefügt hat, sind 1623, mitten im 30-jährigen Krieg entstanden. Dieser verheerende Krieg entstand nicht zuletzt aus der Feindschaft zwischen den protestantischen und katholischen Christen und ihren Glaubensüberzeugungen.             

Beide Werke zeugen von einem starken italienischen Einfluss, wobei Schütz sich in Italien hat ausbilden lassen, Schein jedoch Sachsen nie verlassen hat. Aber zusammen mit Samuel Scheidt waren sie von Mitteldeutschland aus richtungsweisend für die Musik ihrer Zeit.

Schütz wirkte als Kapellmeister an der Dresdner Hofkapelle, für die er eine ganze Reihe italienischer Musiker "eingekauft" hatte, Schein war Thomaskantor und städtischer Musikdirektor in Leipzig, Scheidt war Musikdirektor der drei großen Kirchen in Halle, - verbunden waren sie nicht zuletzt im protestantischen Glauben.

Der ursprünglich strengen, aber ausdrucksvollen Darstellung in der Auferstehungs-Historie von Schütz und in den Madrigalen von Schein, hat Bestion mit seinem Ensemble La Tempête  auch durch die Hinzunahme von Posaunen und Zinken zu opulentem Glanz verholfen, was wiederum an Monteverdi erinnert. Der große, hallige Kirchenraumklang der königlichen Kapelle von Versailles tut sein Übriges dazu. Der Tonmeister hat hier einen guten Job gemacht, das war sicherlich nicht einfach zu realisieren.

Den Schluss, nachdem sich Jesus nach der Auferstehung seinen Getreuen gezeigt hat, sie dann aber wieder verließ, bildet der doppelchörige Sendungsbefehl, wobei der eine vierstimmige Chor den anderen fortwährend imitiert und der Evangelist mit "Victoria"-  Rufen zu hören ist.

Musik: Heinrich Schütz, aus: Historia der Auferstehung Christi, Conclusio 

Larmes de RésurrectionHeinrich Schütz
Historia der Auferstehung Christi, SWV 50
La Tempête
Simon-Pierre Bestion, Leitung
Label: Alpha 394 
3760014193941

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