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StartseiteInterview"Soziale Isolation darf es nicht geben"16.04.2020

Alten- und Pflegeheime in der Coronakrise"Soziale Isolation darf es nicht geben"

Endlich genügend Schutzkleidung für Senioren- und Pflegeheim – dies sei die erste Voraussetzung dafür, Bewohnern solcher Einrichtungen wieder soziale Teilhabe zu ermöglichen, sagte Diakonie-Präsident Ulrich Lilie im Dlf. Darüber hinaus könnten auch hygienische Aufklärung und Prävention helfen.

Ulrich Lilie im Gespräch mit Silvia Engels

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Baden-Württemberg, Böblingen: Eine Pflegerin (l.) und eine Bewohnerin des Pflegeheims schauen zusammen aus einem Fenster im Wohnbereich des Pflegeheims. Im Vordergrund steht ein Rollator (dpa/Tom Weller)
Bewohner von Senioren- und Pflegeheimen sollen in Corona-Zeiten ausreichend geschützt, aber nicht sozial isoliert werden (dpa/Tom Weller)
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Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Daher schlägt die Bundesregierung im Zusammenhang mit den nun beschlossenen Lockerungen vor, Pflegeheime, Senioren- und Behinderteneinrichtungen besonders zu schützen - ohne jedoch die Betroffenen vollständig sozial zu isolieren. Einen Ansatz, den der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, begrüßt. Dazu müssten aber endlich genügend Schutzmasken, Schutzkleidung, Handschuhe und Desinfektionsmittel zur Verfügung stehen, sagte Lilie im Dlf-Interview. Die Diakonie ist mit rund 500.000 Beschäftigten einer der größten Betreiber von Altenpflegeheimen in Deutschland.

Absolute Minderversorgung mit Schutzkleidung

Silvia Engels: Die etwas kryptische Ankündigung von Angela Merkel, Pflegeheim-Bewohner sollten besonders geschützt, aber nicht sozial isoliert werden - ist das praktisch umsetzbar?

Ulrich Lilie: Ja, das ist ein Satz, der mir gut gefallen hat. Weil es gab in der letzten Woche auch Äußerungen von Ministerpräsidenten, die von "den Alten" geredet haben, die jetzt geschützt werden müssten, und das hieß dann eigentlich, die sollen sich schön weiter zurückhalten. Das ist jetzt ein anderer Akzent, das geht in die richtige Richtung. "Geschützt, aber nicht isoliert" hat die Kanzlerin gesagt, weil das ethisch nicht vertretbar sei, weil auch Alte, auch Hochaltrige und mehrfach erkrankte Menschen - das sind ja die Menschen, die in den stationären Einrichtungen leben - sind soziale Wesen. Ohne Besuche sieht die Realität in solchen stationären Pflegeeinrichtungen wirklich ganz anders aus. Ich glaube, wir brauchen jetzt Augenmaß und die richtige Reihenfolge und müssen dann auch überlegen, wie wir stationäre Einrichtungen wieder zugänglich machen.

Eine ältere Frau schaut aus dem Fenster (gestellte Szene) (Imago) (Imago)Senioren und das Coronavirus - "Wegsperren macht krank" 
Ältere Menschen gelten als besonders gefährdet durch das Coronavirus. Die meisten Pflegeheime erlauben deswegen keine Besuche. Ein Zustand, den viele Betroffene als kontraproduktiv empfinden. Einige warnen vor Folgen der Isolation. 

Engels: Wie könnte denn das gehen? Denn im Moment haben wir ja die Situation, dass oft überhaupt kein Zugang für Besucher möglich ist, auch externe Besuche für die Bewohner beim Seniorensport oder beim Seniorencafé extern sind nicht möglich. Was lässt sich denn hier machen?

Lilie: Es gibt ja schon unterschiedliche Lösungen. In den Bundesländern ist es unterschiedlich gehandhabt, dass zum Beispiel Angehörige eine Stunde kommen dürfen. Ich glaube, es wird darum gehen, zunächst mal, dass wir alle diese Einrichtungen – das ist ja unser eigentliches Problem im Moment noch – wirklich vernünftig schützen, dadurch, dass wir endlich Schutzmasken, Schutzkleidung, Handschuhe, Desinfektionsmittel in der Zahl zur Verfügung haben, wie wir sie dringendst brauchen. Alle unsere Einrichtungen spiegeln überall aus dem Land noch, dass es eine absolute Minderversorgung gibt, zum Teil katastrophale Zustände. Das müssen wir jetzt verbessern.

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Wenn wir das dann haben, können wir, glaube ich, schrittweise Dinge entwickeln. Es gibt ja schon ganz schöne neue Modelle: Fensterln, Fensterdialoge, Spaziergänge auf Distanz. Man kann sich unterschiedliche Dinge vorstellen, und ich glaube, wir brauchen jetzt eine neue Kreativität, die sich verbinden muss mit so etwas wie einem Corona-Knigge. Das heißt, wir brauchen auch eine Kultur der gegenseitigen Rücksicht und der Solidarität auch zwischen den Generationen.

"Wir brauchen so etwas wie einen Corona-Knigge"

Engels: Aber die Herausforderungen nehmen ja zu, wenn jetzt beispielsweise Schritt für Schritt die Schulen wieder öffnen. Wenn dort möglicherweise ja auch Ansteckungsraten wieder steigen, kann das ja für das Pflegepersonal in den Heimen, die schulpflichtige Kinder haben, bedeuten, dass sie selber viel stärker zum Risikoüberträger werden. Müsste dann, konsequent betrachtet, dieses Pflegepersonal nicht vom Zugang zu den Heimen ausgeschlossen werden?

Lilie: Das wird es ja auch schon. Infizierte Mitarbeiter dürfen natürlich nicht mit Bewohnerinnen und Bewohnern arbeiten. Darum ist das Allerwichtigste, dass wir wirklich Schutzkleidung haben, ausreichend, auch, dass die Leute sich im privaten Umfeld schützen können. Ich glaube, wir brauchen jetzt im Wesentlichen drei Dinge. Noch mal: Wir brauchen so etwas wie einen Corona-Knigge. Ich habe in diesen Tagen oft an die ganze Aids-Kampagne gedacht. Da haben wir gelernt, wie wahnsinnig anspruchsvoll es ist, das Verhalten von Menschen zu ändern. Und ich glaube, wir müssen jetzt viel mehr in Öffentlichkeitsarbeit Aufklärung und Prävention tun, damit Kinder lernen, hygienisch mit solchen Dingen halbwegs umzugehen, aber auch deren Eltern. Dann lässt sich viel verhindern – der Bereich Prävention und Aufklärung.

Dann müssen wir noch mal endlich dahin kommen, dass die alle vernünftig ausgestattet sind mit Schutzmasken, mit Schutzkleidung. Handschuhe spielen eine große Rolle, Desinfektionsmittel. Dann kann man sich vorstellen, dass man Schleusen, Cleaning-Geschichten hat, und dann werden wir auch sicherlich sehr viel mehr Tests brauchen. Wir müssen dann endlich wissen, welche Leute sind wirklich infiziert und welche sind nicht infiziert. Auch das ist ja in der Fläche immer noch ein ganz großes Problem.

Eine Frau im Rollstuhl sitzt allein im Gemeinschaftsraum eines Altenheims. (Picture Alliance / dpa / Monika Skolimowska) (Picture Alliance / dpa / Monika Skolimowska)Besuchssperren - "Viele Angehörige befürchten einen Schub in der Demenz" 
Für Bewohner von Pflegeheimen sei es bitter, in der Coronakrise keinen Besuch mehr zu bekommen, sagte Ulrike Kempchen vom BIVA-Pflegeschutzbund im Dlf. 

Impulse von außen sind wichtig

Engels: Aber das Ganze, was Sie jetzt zurecht fordern, mehr Tests, mehr Schutzkleidung, betrifft ja genau die Bereiche, die im Moment so knapp sind. Das heißt, die Bewohner müssen sich auf weitere Wochen in strenger Abgeschiedenheit vorbereiten, weil einfach die Voraussetzungen, die Sie fordern, nicht da sind?

Lilie: Ich fürchte, dass wir sicherlich bis zu dem genannten Datum im Mai erst mal alle Anstrengungen weiterhin machen müssen, aber auch damit leben müssen, dass wir noch mit geschlossenen Einrichtungen leben müssen. Bis dahin müssen wir jetzt das Menschenmögliche tun, endlich auf der Bundesebene und auf der Landesebene dafür zu sorgen, dass diese Materialien den Mitarbeitenden wie den Bewohnerinnen, aber auch den Besuchern dann wirklich zur Verfügung stehen.

Engels: Wie steht es denn mit der Akzeptanz der Bewohner, der Angehörigen und der Mitarbeiter, aber auch gerade der Akzeptanz der Bewohner für diese harten Maßnahmen? Da hört man auch ab und zu Stimmen, dass die knappe Lebenszeit, die die Bewohner noch haben, nicht an diese Beschränkungen "vergeudet" werden soll. Mehren sich diese Stimmen?

Lilie: Diese Stimmen mehren sich. Wer eine solche Einrichtung kennt, der weiß, dass sie einfach davon lebt, dass die Tochter den Käsekuchen mitbringt, und natürlich nicht nur für ihre Mutter, sondern für die ganze Station. Da wird dann zusammen Kaffee getrunken. Das heißt, das soziale Leben hängt natürlich entscheidend davon ab, dass da auch Impulse von außen kommen, dass Kreativität entsteht, dass Veranstaltungen gemeinsam gestaltet werden. Da unterscheiden sich ja ältere Menschen nicht von unsereinem. Die brauchen genauso Ansprache und Kontakt.

Im Moment konzentriert sich das alles auf die ohnehin sehr belasteten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die übrigens einen Heldenjob machen in diesen Tagen. Das möchte ich auch noch mal wirklich an dieser Stelle hervorheben. Das sind wirklich die Alltagshelden gerade in diesen Einrichtungen, zumal wenn sie dann noch kleine Kinder zuhause haben, die sie dann auch noch zu versorgen haben. Aber die tragen das dann aus und darum ist das jetzt nur ein Zwischenstand. Wir müssen weiter überlegen und ich bin auch sicher, da finden wir vernünftige Lösungen, wie jetzt auch bei den Öffnungszeiten von Geschäften.

Die Jüngeren müssen auf die Älteren Rücksicht nehmen

Engels: Experten warnen ja gleichwohl davor, die Alten- und Pflegeheime zu sehr wieder öffentlich zugängig zu machen. Sie haben Schutzkleidung angemahnt. Aber fürchten Die Bewohner und Sie nicht am Ende doch eine Art von Zwei-Klassen-Bewegungsfreiheit? Die Jüngeren dürfen irgendwann wieder raus, die Älteren nicht?

Lilie: Genau dazu darf es nicht kommen und das hat mir am Votum der Bundeskanzlerin auch sehr gut gefallen, dass sie gesagt hat, das ist ethisch nicht vertretbar. Soziale Isolation darf es nicht geben. Dafür müssen wir dann sorgen und dann müssen vielleicht auch mal die Jüngeren auf die Älteren Rücksicht nehmen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass wir um solche stationären Einrichtungen Schutzzonen einrichten, wo wir sagen, da gibt es Zeiten, wo die Leute dann wirklich miteinander spazieren gehen können, rausgehen können, und die anderen nehmen Rücksicht darauf, auf die Altenhilfe-Einrichtung in der Nähe.

Bei uns um die Ecke ist auch eine. Ich hätte gar kein Problem, dann mal zwei Stunden drinnen zu bleiben und zu sagen, jetzt dürfen die mal hier raus mit ihren Angehörigen und können diese Zeit gut nutzen, Spaziergänge auf Distanz oder andere Sachen. Da wird uns was miteinander einfallen. Ich sage, wir müssen einen Corona-Knigge entwickeln, das heißt wirklich auch eine Kultur der gegenseitigen Rücksichtnahme und der Solidarität.

Schutz hat Priorität

Engels: Herr Lilie, gegen Ende des Gesprächs müssen wir noch auf die aktuelle Sicherheitssituation in Ihren Heimen schauen. Sie hatten ja auch schon schwere tödlich verlaufende Corona-Infektionen, bei denen viele Heimbewohner angesteckt wurden. Das bekannteste Beispiel ist das Hanns-Lilje-Pflegeheim in Wolfsburg, wo bislang 38 Bewohner starben. Wie ist die Lage dort und wie ist die Lage in anderen Heimen?

Lilie: Ich habe in der letzten Woche noch mal mit dem Heimleiter sprechen können. Da haben sie nun wirklich alles gemacht – einmal, um die Menschen wirklich voneinander zu trennen, alle möglichen Formen von Sicherheiten, Schleusen und andere Dinge einzubauen. Nur muss man wissen: Im Hanns-Lilje-Haus sind Menschen, die zum Teil mit schweren Demenzen leben, untergebracht. Gerade diese Menschen sind natürlich besonders gefährdet, weil sie in ihrem Verhalten einfach von ihrer Krankheit her keine Einsichtsfähigkeit haben, nicht verstehen, warum sie jetzt bestimmte Dinge nicht mehr tun dürfen. Das heißt, man muss alles immer wieder neu erklären.

Außerdem sind das gerade die Gruppen, die natürlich wahnsinnig verängstigt auf Veränderungen reagieren. Das macht die Sache wahnsinnig schwierig. Und wenn dann erst mal ein Virus in so einem Haus wütet, dann ist das wirklich kaum noch einzudämmen. Noch mal: Schutzkleidung, Desinfektion, Handschuhe, Schutzmasken, die wären damals hilfreich gewesen. Dann wäre das Virus gar nicht so weit gekommen. Das muss jetzt ganz klar die Priorität sein.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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