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StartseiteDeutschland heuteMit Lastenrad & Co. das eigene Auto ersetzen31.07.2019

Alternative MobilitätMit Lastenrad & Co. das eigene Auto ersetzen

Einfach mal das Auto stehen lassen - im Rahmen der Aktion "Sommerflotte 2019" wechseln Bewohner des Berliner Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf derzeit auf Lasternräder, Leihwagen und Co. Die TU Berlin möchte damit herausfinden, welche Hürden beim Umstieg auf alternative Mobilitätsformen noch existieren.

Von Daniela Siebert

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Eine Person steuert den Lenker eines fahrenden Lastenrads, das eine Straße entlangfährt. (imago images / phototek / Felix Zahn)
Auch Lastenräder können im Rahmen der "Sommerflotte 2019" genutzt werden (imago images / phototek / Felix Zahn)
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"Volkswagen Lupo, mit einem Schlüssel, der kaum noch aussieht wie ein Schlüssel, noch ein Volkswagen, ein Seat, ein Renault Kangoo."

Ein bisschen Stolz ist Rolf Mienkus schon, als er den Aktenordner voller Klarsichtfolien durchblättert, in denen die Autoschlüssel der Teilnehmer lagern. Begleitet von einem Foto des Tachostandes zu Aktionsbeginn und Kopien von Führerschein und Fahrzeugpapieren.

"Ein Renault Megane, ein Safira, also so geht das halt weiter, ein Jeep, also wir haben hier eine bunte Mischung."

35 Bewohner des Berliner Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf machen derzeit bei dem Projekt mit. Rolf Mienkus, Betreiber des ökologisch orientierten Kiezunternehmens "Insel-Projekt Berlin" verwaltet die Aktion. Bei ihm werden die Auto-Schlüssel abgeliefert, für vier Wochen. Dafür bekommen die Teilnehmer Gutscheine für 21 Mobilitätsanbieter mit einem Startguthaben im Wert von über 500 Euro. Damit dürfen sie Leihwagen nutzen, mit und ohne feste Station, Leih-Elektro-Roller, Leih-Elektro-Tretroller, Leih-Fahrräder, privates Auto-Teilen sowie Angebote der Berliner Verkehrsbetriebe.

Das Ziel so Rolf Mienkus: "Erstmal die Menschen dazu zu bringen, wahrzunehmen, dass es alternative Mobilität gibt, viele Leute nutzen sie ja schon, es geht uns aber ganz speziell um die Menschen, die ein Auto noch besitzen in Berlin, das aber mehr als Steh-rumchen nutzen, also sprich für den Notfall, oder wenn man mal zur Oma aufs Land muss. Diese versuchen wir speziell anzusprechen, dass die wenigen Anwendungsfälle, für die sie das Auto noch stehen haben, eigentlich auch mit anderer Mobilität gelöst werden könnten."

Einweisung in die Nutzung von Lastenrädern

Denise Sabasch nimmt schon seit drei Wochen an der Aktion Sommerflotte Teil.

"Hier kann man also bis zu 100 Kilo beladen – Denise: Das hätte ich für meinen Großeinkauf brauchen können."

Gerade wird sie zum ersten Mal in ein elektrisches Lastenfahrrad eingewiesen, das sie per Gutschein ausleihen könnte.

"Batterie ist voll, hier ist die elektrische Unterstützung, ein Punkt ist wieder minimal bis auf fünf Punkte, dann haben sie richtig eine extreme gute Unterstützung." 

Die ist auch nötig, denn zwischen Lenker und Vorderrad ist ein riesiger Metallkasten montiert, in den mehrere Getränkekisten reinpassen. Es fährt sich etwas anders als ein normales Fahrrad, denn vom Sattel aus sieht man das Vorderrad nicht und auch einige technische Finessen gleichen das Gewicht und die Disbalance aus. Nach kurzer Einweisung darf Denise Sabasch Probefahren.

"Man fühlt sich schon so ein bisschen wie mit dem Lkw damit. Aber ne, das macht echt Spaß. Also vor allem mit diesem - mit dem Handgas! – mit dem Handgas, dass man nochmal leichter voran kommt."

Leihauto, Leihfahrrad, Leihmotorroller

Die meisten Angebote der Sommerflotte hat sie schon ausprobiert: Leihauto, Leihfahrrad, Leihmotorroller etwa. Und sie ist begeistert. Ihre Favoriten sind bestimmte Leihautos:

"Auf jeden Fall finde ich alle Flex-Modelle sehr genial, so wie "Drive Now", "Car to go", diese Modelle, die man mietet und im Geschäftsgebiet wieder irgendwo abgibt. Genial, weil die wirklich nur die Fahrzeit man bezahlen muss, allerdings sind die Geschäftsgebiete noch sehr begrenzt, so dass die noch ausgeweitet werden müssen für meine optimale Nutzung."

Ganz einfach ist der Alltag ohne eigenes Auto aber nicht räumt sie ein.

"Tatsächlich war es diesen Monat ziemlich schwierig für mich, weil ich normalerweise tatsächlich das Auto nicht so oft nutze, aber jetzt ist gerade Hochsaison beim Tennis, und ich spiele Tennis, deswegen bin ich mindestens dreimal die Woche auf dem Platz, dann auch die ganzen Sommerfeste und Familienfeiern, deswegen war ich doch erstaunt, wie oft ich doch auf mein Auto verzichten musste diese Zeit."

"Wir wollen Ihnen jetzt kurz erläutern, womit Sie es bei der Sommerflotte zu tun haben, beziehungsweis, dass die Sommerflotte eigentlich eine Aktion ist, im Rahmen eines größeren Projektes, "Neue Mobilität Berlin".

Technische Universität begleitet die Sommerflotte

Noch sind 15 Plätze für Teilnehmer frei. An diesem Abend Ende Juli erklärt Rolf Minkus 10 weiteren Interessenten das Konzept. Auch Viktoria Fohrer ist dabei. Ihren Kleinwagen von Hyundai nutzt sie hauptsächlich für den Weg zur Arbeit. Nun will sie Alternativen auszuprobieren.

"Weil ich schon ziemlich viele Sharing-Dienste so auch privat nutze und immer merke, dass halt mein Auto viel überflüssiger jetzt geworden ist mit der Zeit und ich das deswegen ganz cool finde, auszuprobieren, einen Monat lang komplett aufs Auto zu verzichten und weil ich halt selber rausfinden möchte, ob das gut machbar ist und wie es mir damit so geht."

Finanziert wird das Experiment für insgesamt 50 Teilnehmer vom Autokonzern BMW. Trotzdem sind über die BMW-Firmenflotte von Drive Now hinaus auch Konkurrenz-Anbieter mit im Boot wie CleverShuttle, also eine Taxi-Alternative mit Chauffeur oder "We share" mit Elektroautos von VW.

Die Technische Universität Berlin begleitet die Sommerflotte, die 2019 zum zweiten Mal angeboten wird, wissenschaftlich. Verantwortlich dafür ist Gabriele Wendorf.

"Wir wollen vor allem feststellen, welche Hindernisse im Moment noch existieren, die Leute davon abbringen, auf andere Mobilitätsformen zu wechseln, das heißt auf ihr eigenes bisheriges Auto dann zu verzichten."

Im Herbst sollen die Ergebnisse veröffentlicht werden. Aber so viel zeichne sich jetzt schon ab verrät Gabriele Wendorf: überfüllte oder verspätete BVG-Busse, unsichere Radwege spielen eine Rolle. Außerdem Leihwagen zu denen man weit laufen muss.

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