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StartseiteWissenschaft im BrennpunktEmbryonale Stammzellentests als Hoffnungsträger am Horizont 28.06.2015

Alternativen zu Affenversuchen Embryonale Stammzellentests als Hoffnungsträger am Horizont

Die weitaus meisten Versuche mit Primaten werden im Bereich der Medikamententests durchgeführt. Während es auf dem Feld der Kosmetik gelungen ist, Versuche an Kaninchen durch Tests an Hautmodellen zu ersetzten, ist das bei der komplexeren Prüfung des Risikos von Fehlbildungen wohl noch länger nicht möglich.

Von Volkart Wildermuth

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Die Zahlen schwanken etwas, aber im Schnitt werden in Deutschland für Versuche jedes Jahr wieder 2.000 Affen eingesetzt. Auf den ersten Blick scheint die Verankerung des Tierschutzes im Grundgesetz also nur wenig zu bewirken. Trotzdem gibt es wichtige Entwicklungen, es lohnt sich genauer hinzusehen.

Bereich eins: Medikamentenprüfung

Hier werden bei weitem die meisten Primaten verwendet. Gilbert Schönfelder, Leiter der Berliner Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (ZEBET):

"Hintergrund ist der Contergan-Skandal oder das Ereignis um Contergan. Aufgrund seiner Schwangerschaft und aufgrund seiner körperlichen Konstitution und der Nähe zum Menschen ist der Affe nun das Tiermodell, an dem unter anderem Reproduktionstoxizität geprüft wird."

Also das Risiko von Fehlbildungen und Unfruchtbarkeit. Wann immer es möglich wird, auch bei den Sicherheitsstudien auf andere Tierarten zugrückgegriffen, aber jedes Jahr erprobt man 20 bis 30 neue Wirkstoffe auch an Affen. Heute ist es durch das Zusammenlegen verschiedener Teilversuche und einer flexibleren Umsetzung möglich, die behördlichen Anforderungen bei der Zulassung mit weniger Affen zu erfüllen. Eine echte Alternative könnten die mit vielen Vorschusslorbeeren versehenen embryonalen Stammzellen bieten. Unter anderem an der ZEBET ist es tatsächlich gelungen, aus embryonalen Zellen Herz- oder Knochengewebe zu züchten, um daran dann die Giftigkeit von Substanzen zu erproben. Allerdings ist das alles andere als einfach. Contergan schädigt zum Beispiel die Knochen der Arme und Beine, bestimmte Mittel gegen Krampfanfälle dagegen Gaumen und Kiefer.

"Bei beiden ist eines identisch, es geht um Knochenfehlentwicklung oder Knorpelfehlentwicklung, aber zwei unterschiedliche Skelettsysteme sind betroffen. Das heißt, die Herausforderung besteht nun darin, dass ein Test entwickelt wird, der nun alle entsprechenden Fragestellungen gleich abdecken würde und gleich empfindlich auch feststellen würde. Und so weit sind wir heutzutage noch nicht."

Pro Wirkstoff werden mittlerweile weniger Affen eingesetzt

Während es auf dem Feld der Kosmetik gelungen ist, die standardisierten Versuche an Kaninchen durch Tests an Hautmodellen zu ersetzten, ist das bei der komplexeren Prüfung des Risikos von Fehlbildungen wohl noch länger nicht möglich. Der embryonale Stammzellentest spielt aber schon heute eine wichtige Rolle im Vorfeld der Zulassung.

Fazit für den Bereich der Medikamentenprüfung: Pro Wirkstoff werden weniger Affen eingesetzt. Allerdings schlagen diese Fortschritte unterm Strich nicht zu Buche, weil immer mehr maßgeschneiderte Medikamente, wie etwa Antikörper, an Affen geprüft werden müssen.

Bereich zwei: Grundlagenforschung

"Primatenversuche sind üblicherweise nicht die erste Wahl, weil sie enorm aufwendig sind, weil sie lange dauern, weil sie schwierig durchzuführen sind und einer hohen ethischen Anforderung genügen müssen".

Entsprechend ist die Zahl der Affen in der Grundlagenforschung deutlich niedriger als in der Medikamentenprüfung, so Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen. In jedem Antrag müssen die Forscher darlegen, warum sie nicht auf alternativen Verfahren oder andere Tierarten zurückgreifen können. Das ist besonders auf zwei Feldern schwierig: Bei der Erforschung von Infektionen, die nur den Menschen und seine nächsten Verwandten betreffen. Und beim Studium komplexer Gehirnfunktionen, wenn es zum Beispiel um die Steuerung der Aufmerksamkeit oder die Kontrolle modernster Prothesen mittels Gehirnströmen geht. Letztlich müsste die Gesellschaft entscheiden, diesen Fragen nicht mehr nachzugehen. Stefan Treue.

"Also zum Beispiel Kosmetikversuche oder militärische Forschung - das sind Bereiche, bei denen Tierversuche in Deutschland nicht zugelassen sind. Aber bei Primatenversuchen ist üblicherweise der Nutzen sehr hoch, weil die Tiere dem Menschen sehr ähnlich sind, damit die Ergebnisse besonders gut übertragbar sind. Deswegen ist es eher weniger wahrscheinlich zu erwarten oder vorzustellen, dass nun gerade diese besonders nutzbringenden und seltenen Versuche explizit verboten werden sollten."

Fazit für die Grundlagenforschung: Ohne Versuche an Affen sind in einzelnen wichtigen Bereichen keine Fortschritte möglich. Manche Experimente könnten vielleicht mit gentechnisch "vermenschlichten" Mäusen statt mit Affen funktionieren. Aber gerade weil sich an der Front der Forschung immer neue Fragen ergeben, ist es schwierig, breit einsetzbare Ersatzmethoden zu etablieren.

Prognose: allen Anstrengungen zum Trotz wird die Zahl der Affenversuche wohl weiterhin bei rund 2.000 im Jahr liegen.

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