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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Impfung gegen den Ebergeruch am schonendsten"08.11.2018

Alternativen zur Ferkelkastration"Impfung gegen den Ebergeruch am schonendsten"

Millionen Ferkel werden kurz nach der Geburt ohne Betäubung kastriert – das soll den strengen Ebergeruch verhindern. Dabei gebe es längst erprobte Alternativen dazu, sagt Karl-Heinz Waldmann von der tierärztlichen Hochschule Hannover im Dlf. Eine Möglichkeit sei eine zweifache Impfung.

Karl-Heinz Waldmann im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

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Schweinezuchtbetrieb in Nordwestmecklenburg - wenige Tage alten Ferkel liegen am 21.08.2014 in einer Box in den Abferkelställen der Tierzucht Gut Losten. (dpa / picture-alliance / Jens Büttner)
Ferkel werden in Deutschland schon kurz nach der Geburt kastriert (dpa / picture-alliance / Jens Büttner)
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Susanne Kuhlmann: Männliche Ferkel sind wahrlich arme Schweine, werden sie doch in ihren ersten Lebenstagen kastriert - ohne jegliche Betäubung. Damit sollte eigentlich Ende dieses Jahres Schluss sein. Aber die Bundesregierung will das Verbot betäubungsloser Kastration, das ab dem 1. Januar 2019 gelten sollte, um weitere zwei Jahre hinausschieben. Alternativen zur schmerzhaften Prozedur gibt es durchaus. Zum Beispiel die, männliche Ferkel aufzuziehen: Die Ebermast. Professor Karl-Heinz Waldmann ist Direktor der Klinik für kleine Klauentiere an der Tierärztlichen Hochschule Hannover.
Ich fragte ihn, wie weit die Wissenschaft mit dem Entwickeln von Alternativen vorangekommen ist.

Karl-Heinz Waldmann: Das eine wäre die Mast intakter Eber. Wir können das nicht automatisch machen. Es müssen Menschen diese Tiere selektieren, indem sie Geruchsproben nehmen und die dann aus dem Schlachtverfahren herausnehmen. Zu einem gewissen Prozentsatz wird das heute auch schon gemacht, die Ebermast. In anderen Ländern wie England zum Beispiel wird das seit Jahren gemacht. Allerdings werden diese Tiere in einem viel geringeren Schlachtgewicht geschlachtet, vielleicht mit 80 Kilo. In Deutschland ist das Schlachtgewicht etwa bei 120, 125 Kilo, worauf sich die Schlachtindustrie eingestellt hat - und das sind ein Gewicht und ein Alter, in dem bereits die Pubertät bei verschiedenen Tieren eingetreten ist und dadurch auch der Geschlechtsgeruch auftritt.

Impfung gegen Ebergeruch schon in vielen Ländern üblich

Kuhlmann: Gibt es noch andere Möglichkeiten?

Waldmann: Ja. Es gibt noch eine zweite Möglichkeit, ohne dass die Tiere kastriert werden. Das ist eine Impfung, die genannt wird als Impfung gegen den Ebergeruch. Es wird mit dieser Impfung in den Hormonhaushalt des Tieres eingegriffen. Allerdings werden keine Hormone appliziert. Das muss man deutlich sagen. Der Verbraucher braucht keine Sorge zu haben, dass er in irgendeiner Weise belastetes Fleisch durch Hormone oder Ähnliches aufnimmt. So ist das nicht. Die Tiere müssen zweimal geimpft werden, einmal in einem relativ frühen Stadium, wenn sie von der Sau abgesetzt werden zum Beispiel, und einmal einige Wochen vor der Schlachtung, und da wird der Hormon-Kreislauf, der Sexualhormon-Kreislauf gehemmt bei den Ebern und die Hoden bilden sich zurück, und am Ende ist der Schlachtkörper so beschaffen wie bei einem früh kastrierten Tier.

Dieses Verfahren wird in vielen, vielen Ländern der Welt bereits auch seit vielen Jahren schon angewendet – mit gutem Erfolg. Es ist hier in Deutschland bisher die Zurückhaltung gewesen von Seiten des Lebensmittel-Einzelhandels und der Fleischbranche, der Verbraucher würde dieses Verfahren nicht akzeptieren. Aber wissenschaftlich gesehen sind diese Argumente einfach nicht haltbar. Es gibt wissenschaftlich basierte Umfragen, die besagen, dass bei vernünftiger Aufklärung des Verbrauchers, der Verbraucher durchaus das Fleisch von diesen geimpften Tieren Fleisch von chirurgisch kastrierten Tieren vorziehen würde - oder zumindest gleichbehandeln würde.

Vollnarkose durchaus machbar, aber aufwendiger

Kuhlmann: Die chirurgische Kastration, das Kastrieren unter Betäubung, das ist etwas, was bei uns thematisiert wird, zum jetzigen Zeitpunkt aber noch keine Mehrheit gefunden hat. Was halten Sie davon?

Waldmann: Es gibt neben diesen beiden Methoden, die ich bereits genannt habe, nun noch die Frage, weiterhin Ferkel zu kastrieren, dann aber nicht ohne Betäubung. Das ist ja bisher nur erlaubt bis zum 31.12. dieses Jahres. Es sind Bestrebungen im Gange, diesen Zeitraum noch um zwei Jahre zu verlängern. Es gibt auch dort eine Möglichkeit, die Tiere unter Vollnarkose zu kastrieren. Das wäre einmal, indem man per Injektion zwei Medikamente verabreicht, die die Tiere in Vollnarkose versetzen. Das ist gut geprüft, kann man machen. Es ist relativ gesehen aufwendiger. Es muss durch den Tierarzt durchgeführt werden und nach der Kastration müssen die Tiere erst mal abgesondert werden von der Muttersau. Das sind ja kleine Saugferkel in den ersten Lebenstagen. Sie brauchen eine besondere Wärmequelle und bis sie wieder vollständig aufwachen, vergehen drei, vier Stunden. So lange müssen sie von der Muttersau getrennt werden. Das ist arbeitsökonomisch sicherlich aufwendiger, aber durchaus machbar.

Eine andere Methode der Vollnarkose wäre die sogenannte Inhalationsnarkose, wo sich besonders Schweizer Hersteller hervorgetan haben mit automatisierten Narkosegeräten und einem Narkosegas, dem sogenannten Isofluran. Die Ferkel werden in einer Haltevorrichtung fixiert. Dann wird das Gas über eine Maske in die Ferkel geleitet. Die atmen das Gas ein und sind dann sehr schnell auch narkotisiert. Nach einer gewissen automatisch vorgegebenen Zeit kann dann das Ferkel kastriert werden. Wir haben dazu auch Untersuchungen durchgeführt. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es allerdings so, dass diese Geräte nicht die ganz große Mehrheit der Ferkel korrekt narkotisieren, sondern nach unseren Untersuchungen sind es etwa 75 Prozent der Ferkel. Die sind korrekt narkotisiert. Das heißt, sie sind bewusstlos zum Zeitpunkt der Kastration. Zirka 25 Prozent sind nicht gut narkotisiert, und das kann es im Sinne des Tierschutzes ja nicht sein.

Da werden aber jetzt akut Untersuchungen noch weiter fortgeführt, um diese Geräte zu optimieren. Auch das ist bisher per Gesetz nur erlaubt, die Durchführung, durch den Tierarzt. In meinen Augen auch eine berechtigte Vorgabe, weil der Vorgang der Anästhesie, jedweder Anästhesie ist anspruchsvoll, und dafür sind ja gerade Tierärzte in ihrem Studium ganz besonders ausgebildet worden. Aber von der politischen Seite ist offenbar vorgesehen, dass zumindest diese Isofluran-Narkose nach entsprechender Schulung gegebenenfalls zukünftig durch den Landwirt selber gemacht wird.

"Berechtigte Zweifel" an Kastration unter örtlicher Betäubung

Kuhlmann: Falls sich nun doch ab dem neuen Jahr etwas verändert im Ferkelstall, welche der von Ihnen vorgestellten Methoden würden Sie vorziehen?

Waldmann: Es gibt noch eine letzte Methode, das ist der größte Streitpunkt im Moment: Die Ferkelkastration unter Lokalanästhesie. Man betäubt nur das zu operierende Gebiet. Da gibt es am meisten Forschungsbedarf im Moment noch. Wir können gar nicht genau sagen, welches Mittel ist zugelassen für die Anwendung am Lebensmittel liefernden Tier Schwein, an welcher Lokalisation müssen wir die Lokalanästhetika anbringen. Ich betone das deshalb so, weil von landwirtschaftlicher Seite stark dieser sogenannte vierte Weg gefordert wird. Vierter Weg neben Ebermast, erster Weg, Impfung gegen den Ebergeruch, zweiter Weg, Kastration unter Vollnarkose, dritter Weg, und jetzt dieser vierte Weg, Kastration unter Lokalanästhesie, und das solle bitte schön der Landwirt selber machen können. Denn in Dänemark ist es genau so erlaubt. Allerdings habe ich meine berechtigten Zweifel, ob damit dem Tierschutz wirklich Genüge getan wird, denn uns fehlen wirklich diese Ergebnisse, ob es tatsächlich zu einer Schmerzausschaltung kommt, und die ist schließlich gefordert vom Tierschutzgesetz und nicht nur eine Schmerzminderung.

Vom Tierschutzgedanken her am schonendsten ist derzeit sicherlich die Impfung gegen den Ebergeruch anzusehen. Das sind zwei Injektionen, die dem Tier verabreicht werden, und wo keine weiteren Belastungen auftreten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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