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StartseiteCorsoBrüssel jenseits von Europapolitik02.04.2019

Alternativer StadtführerBrüssel jenseits von Europapolitik

Brüssel kann mehr als EU-Kommission und EU-Parlament: Außerhalb des Europaviertels gibt es eine ganze Stadt - mit Plattenläden, Jazzbars und sehr, sehr guten Pommes. Die Macherinnen und Macher der kostenlosen Stadtkarte "Use-it" wollen diese Seite ihrer Stadt zeigen - und wie man Google Maps foppt.

Von Ramona Westhof

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Belgian Frites, Altstadtzeile in Brüssel  in der Rue Infate Isabelle (imago stock&people )
Wo gibt's die besten Pommes? Die Brüsseler "Use-it"-Ausgabe nennt die Geheimtipps der Einheimischen (imago stock&people )
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Brüssel ist voll von Journalistinnen und Journalisten. Die sind allerdings mit Europawahl und Brexit gut beschäftigt und haben selten Zeit, über Brüssel selbst zu berichten. Die Stadt ist aber einiges mehr als die Hauptstadt Europas. Der Stadtplan aus der Reihe "Use-it" will genau das zeigen.

"Links? Rechts?"
"Äh, links"
"Wir gehen zu meiner Lieblingspommesbude. Die ist wirklich gut. Sie versuchen nicht, cool zu sein, sie machen einfach nur gute Pommes."

Tom Packet ist eigentlich Architekturstudent. Städtetipps gibt er nur in seiner Freizeit. Zusammen mit anderen Freiwilligen hat er an der Brüsseler Ausgabe von "Use-it" mitgearbeitet -  einer gratis Faltkarte aus Papier, die man auch online herunterladen kann.

Die Karte ist schick designt und gibt ganz praktische Tipps: Wo ist die nächste Pommesbude, der nächste Waschsalon? Welches Glas passt zu meinem Bier? Richtige Einheimische wissen nämlich, dass zu jeder der vielen belgischen Biersorten ein eigenes Glas gehört. Das erfährt man in der Rubrik "Act Like a Local".

Die Tipps haben mit anderen Reiseführern nicht viel gemein. Nummer 24 etwa empfiehlt ein ganz besonderes Pissoir, bei dem man direkt an eine Kirche pinkeln darf. Dazu Plattenläden, geheime Gärten, eine Jazzbar, die auch asiatische Teigtaschen verkauft.

Ganz persönliche Tipps von Einheimischen

Tom hält die neuste Ausgabe der Brüsseler "Use-it" in den Händen. Neben ein paar der Tipps sind Gesichter abgedruckt:

"Das sind die Freiwilligen, junge Leute, die in Brüssel leben und Tipps geben. Die Karte soll so eine Art Freundin sein, du kannst sie in die Tasche stecken, und immer wenn du etwas wissen willst oder dich verlaufen hast, kannst du einfach in der Karte nachlesen. Das ist im Prinzip, als würdest du mit einem Einheimischen sprechen."

Durch die Straßen auf der Karte ziehen sich rote, blaue und grüne Linien. Vorschläge für Walking-Touren. Früher hat Tom häufiger für "Use-it" Touristen durch Brüssel geführt. Gewissermaßen als Erweiterung der Karte. Heute gibt er eine Privatführung fürs Radio: Es geht vom Europaparlament ins Künstlerviertel Saint-Gilles, wo die versprochene Pommesbude steht.

Use-it gibt es für eine ganze Reihe europäischer Städte. Vor allem die kleineren können so auf sich aufmerksam machen, erzählt Tom.

Europas Image ist nicht besonders sexy

Die Karten werden von Einheimischen designt und geschrieben. Der Dachverband, der in Belgien sitzt, gibt praktische Tipps, zum Beispiel zur Finanzierung, und kontrolliert auch die Qualität der Karten.

Tom mag seine Stadt und will zeigen, dass Brüssel mehr zu bieten hat als Europapolitik:

"Europa ist super, aber sein Image ist nicht besonders sexy. Und wenn man sich das Europaviertel anschaut, dann ist das Problem, dass es eigentlich kein richtiges Stadtviertel ist. Es ist eher eine Reihe von Büros und grauen Bürogebäuden. Es hat kein Herz. Die Menschen, die hier arbeiten, sagen zwar, es gibt ein Herz – das zeige ich dir gleich –, aber wenn du aus Brüssel kommst, bist du eigentlich nie hier."

Die Karte erklärt die wichtigsten Gebäude: Der Europarat sieht aus wie ein Sandwich aus braunem Brot und Glas, die Kommission sitzt im Berlaymont – dem Kreuz mit dem Raumschiff auf dem Dach.

Vor dem Europaparlament steht eine Statue, der jemand eine gelbe Weste angezogen hat. Die Weste ist neu, sie steht noch nicht auf der Karte:

Tom Packet: "Wir sind am Place Lux, den die Menschen, die hier arbeiten, ‚Plux‘ nennen. Es ist nicht viel los, wie du siehst."
Ramona Westhof: "Wir sind am falschen Tag hier."
Tom Packet: "Ja, am Donnerstagabend ist hier richtig viel los. Das Klischee ist, dass danach alle übers Wochenende nach Hause fahren. Wenn du am Place Lux ausgehst, nennt sich das ‘Pluxing’, anscheinend… ich habe das Wort noch nie benutzt."          

Ein falscher und ein echter Place Lumumba

Nicht weit entfernt werden die Straßen schmaler und die Häuser kleiner, es wird bunter. Weniger Europa, mehr Belgien: Im Viertel Ixelles leben viele Studierende. Ein angesagtes Viertel:

Tom Packet: "Das sieht man an dem Fahrradladen-Café-Comicgeschäft hier links. Es hat nur zwei Minuten gebraucht, und wir sind in einer anderen Welt."

Ixelles hat auch eine große afrikanischstämmige Bevölkerung. Es gibt Afroshops, kongolesische Restaurants - und einen "Place Lumumba". Brüssel hat sogar zwei davon, um genau zu sein. Seit 2018 gibt es offiziell einen Platz, der nach dem kongolesischen Politiker benannt ist, liest man in der "Use-it"-Karte. Tom zeigt den inoffiziellen Place Lumumba. Eine Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten habe es geschafft, den Namen des Platzes auf Google Maps zu ändern. Dazu gibt es ein falsches Straßenschild.

Ramona Westhof: "Aber es sieht echt aus."
Tom Packet: "Nein, es ist nicht echt, guck' mal, unten kannst du die Webseite der Gruppe sehen."

Das Schild hängt zu hoch, um die Webseite entziffern zu können. Man muss tatsächlich zweimal hinsehen, um es von einem echten Straßenschild zu unterscheiden.

Es ist inzwischen dunkel geworden. Und es regnet. Tagsüber und bei gutem Wetter kann man von den Hügeln von Saint-Gilles aus die "Balls of Steel" sehen, etwa "Eier aus Stahl". So nennt die Karte das Atomium, Punkt 4 auf der Karte.

Die Wahl der richtigen Pommessoße

Weitere wichtige Info: Echte belgische Pommes werden zweimal frittiert. Das Ziel der Walkingtour ist in Geruchsweite: Eine kleine Hütte, direkt an einer Tramhaltestelle zwischen einer Baustelle und einer großen Straße. Während drinnen frittiert wird, steht draußen eine Schlange, die fast genauso lang ist wie die kleine Pommesbude. Am Tresen eine ganze Reihe von Plastikdöschen mit verschiedenen Soßen.

Ramona Westhof: "Ich glaube, ich muss mir langsam mal überlegen, welche Soße ich haben will. Okay, die Liste ist super lang."

Tom Packet: "Das beste, was es gibt, ist ‚Sauce Carbonade‘, da gießen sie im Prinzip heißes Fleisch auf deine Pommes. In Belgien haben alle ihre Lieblingssoße, manche Leute sagen Ketchup, aber …"

Die beste Pommessoße ist eindeutig "Andalouse", das hat die Recherche ergeben. Majo mit Paprika und Tomaten.

Die "Use-it"-Karten gibt es auch für andere Städte:

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