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StartseiteBüchermarktVon Fatherland zu NSA16.01.2020

Alternativwelt-RomaneVon Fatherland zu NSA

"The Man in the high castle" ist eine der erfolgreichsten Alternativwelt-Geschichten unserer Zeit. Das Science-Fiction-Genre füllt die Kassen: Von Andreas Eschbachs "NSA" bis zu Christian Krachts: "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten". Welche Bücher lohnen sich?

Von Hartmut Kasper

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Filmstill aus der Amazon-Serie "The Man in the High Castle" mit Rufus Sewell (re) nach der Romanvorlage von Philip K. Dick (picture alliance / Everett Collection / Liane Hentscher)
Filmstill aus der Amazon-Serie "The Man in the High Castle" mit Rufus Sewell (re) nach der Romanvorlage von Philip K. Dick (picture alliance / Everett Collection / Liane Hentscher)
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Im Jahr 1959 hat General Motors ein futuristisches Auto auf den Weg gebracht: einen Wagen wie eine Rakete, mit diesem Leitwerk, den Finnen, den Flügelansätzen. Das war der Firebird III. Fahrer und Beifahrer sitzen unter einer Plexiglaskuppel; drückt man einen Ultraschallsender, heben sich die Kuppeln. Man steigt ein und startet. Angetrieben wird der Firebird mit einer 168 kW Whirlfire GT-305 Gasturbine.

Buchcover von 3 erwähnten Büchern im Science Fiction Spezial (Buchcover Fischer, Lübbe, Kiepenheuer & Witsch)Nur 3 der erwähnten Bücher (Buchcover Fischer, Lübbe, Kiepenheuer & Witsch)

Der Wagen hat kein Lenkrad, sondern wird mit einem Joystick gesteuert. Übrigens muss er gar nicht gesteuert werden, er fährt mit Auto-Guide: Zwei Spulen, die bei den Vorderrädern liegen, erhalten von einem Kabel, das in die Fahrbahn eingelassen wird, elektrische Signale, Lenkbefehle, die das Auto auf Kurs halten. Ein Auto von übermorgen, könnte man meinen.

Dabei ist es ein Auto von vorgestern. In einem Werbefilm, in dem man das Auto in Fahrt sehen kann, heißt es, so werde man in Zukunft überall fahren. Das Auto steht heute im Henry Ford Museum in Dearborn im US-Staat Michigan. So ist es nicht gekommen. Aber – es hätte so kommen können. Ein paar Käufer mehr, die eine oder andere anderslautende Entscheidung der Betriebsführung und des US-amerikanischen Ministeriums für Straßenverkehr und Steuerbefehlselektronik und schon würden wir heute in einer ganz anderen Welt leben, in einer Alternativwelt. Womit wir beim Thema wären: Science Fiction und Alternativwelten.

Das leuchtende München von Thomas Mann

Dabei setzt die Konstruktion einer so genannten Alternativwelt nicht unbedingt den Einsatz wissenschaftlich-technischer Mittel voraus - anders, als es die auf science, also Wissenschaft und Technik als Alleinstellungsmerkmal pochende SF-ologie strengerer Observanz für die SF eigentlich fordert.

Die Alternativwelt ist rasch erfunden: Eine Veränderung der historischen Ereignisfolge: ein Napoleon, der bei Waterloo siegreich bleibt; eine spanische Armada, die von günstigen Winden nach England geweht wird; eine Mücke im Auge des Attentäters auf John F. Kennedy im entscheidenden Moment, und schon nimmt die Geschichte einen anderen Verlauf. Und eine neue Welt entsteht anstelle der uns vertrauten. Eine Utopie im Wortsinn. Und damit eine Region, für die die Science Fiction durchaus zuständig ist.

Man könnte fragen: Aber trifft das nicht auf jede Art von Literatur zu, von Wanderführern und Kochbüchern einmal abgesehen? Auch das leuchtende München von Thomas Mann ist ja ein alternatives München. Durch die wirkliche Prärie sind weder Winnetou noch Old Shatterhand je auf Streife geritten. Das Gericht, das seinen Prozess im Dachgeschoss führt, wird man im wirklichen Prag nicht finden, nur in Kafkas Alternativwelt.

Das ist natürlich richtig. Aber: Die fiktiven Elemente im großen fiktionalen Roman lassen die Grundpfeiler und Fassaden der Welt meist unberührt. Die Geschichte spielt sich in mehr oder weniger vertrauter Umgebung ab, in einer Welt, in die wir eingeweiht sind, so oder so. Die Phantastik dagegen betont das Andersartige, macht es zu ihrem Thema.

Die Literatur als Möbiusband

Geradezu idealtypisch in Philip K. Dicks epochalem Roman "The Man in the High Castle", hierzulande bekannt unter dem Titel "Das Orakel vom Berge" aus dem Jahr 1962. In diesem Roman haben Japan und das nationalsozialistische Deutschland den zweiten Weltkrieg gewonnen und die USA in Besatzungszonen aufgeteilt: den Osten beherrschen die Nazis, den Westen die Japaner. Zwischen den beiden Machtblöcken liegen als Puffer die Rocky Mountain-Staaten.

Auf amerikanischen Flughäfen landen Lufthansa-Interkontinentalraketen. In Europa haben die Nazis das Mittelmeer mittels Atomkraft ausgetrocknet und in Siedlungsland verwandelt. Von Kanada aus reitet Bob Hope satirische Attacken gegen die Deutschen, die inzwischen auf Mond und Mars gelandet sind, und er erzählt Witze über Nazis, die von zweiköpfigen Marsianern Arierausweise verlangen.

Nazis, die den ganzen Globus mit ihrem Terror überzogen haben und nun über die Endlösung der Afrikafrage nachsinnen, einen neuen, kontinentalen Genozid. All das bestückt mit Fragmenten unserer Realgeschichte, mit Bormann und Goebbels, Roosevelt und Churchill, mit Luftangriffen auf Hamburg und Essen.

Das ist das Bauprinzip vieler Erzählungen von Dick: Er schneidet das Band unserer Welt, auf dessen oberen Fläche sich die Realität befindet und auf dessen unteren Fläche das Phantastische haust, durch. Dann klebt er die verdrehten Enden zusammen, wodurch sich Seite und Gegenseite vereinen und zu einem einzigen, ausweglosen Territorium werden.

Ein Buch im Buch

Nun gibt es aber eine Besonderheit, die dem Roman einen wirklich einzigartigen Dreh verleiht: ein Buch im Buch, das so genannte Heuschreckenbuch nämlich, ein Roman mit dem Titel "The Grasshopper Lies Heavy" von einem Autor namens Hawthorne Abendsen. Im Deutschen "Schwer liegt die Heuschrecke" oder neuerdings mit "Die Plage der Heuschrecke" übersetzt.

"‘Die Plage der Heuschrecke. Ist dies nicht eines dieser in Boston verbotenen Bücher?‘ – ‚Verboten ist es in den ganzen Vereinigten Staaten. Und natürlich auch in Europa. (…) Dann hätten Deutschland und Japan den Krieg verloren! (…) Es hätte wirklich so kommen können. Die Vereinigten Staaten hätten die Japaner besiegen können.‘ – ‚Wie?‘ - Das steht alles in dem Roman. Er enthält natürlich viele fiktionale Elemente - ich meine, er muss ja unterhaltsam sein, sonst würden ihn die Leute nicht lesen. Aber…‘"

Spiegelkabinett der Alternativwelten

Aber - dieses Buch ist also - Überraschung - wiederum ein Alternativwelt-Roman. Es erzählt von einer Welt, in der das nationalsozialistische Deutschland und Japan den Zweiten Weltkrieg verloren haben.

Aber deswegen spielt es noch lange nicht in unserer Welt. Sondern in einer Welt, in der das britische Imperium den Krieg zwar gewonnen hat, sich danach aber, immer selbstherrlicher und rassistischer werdend, in einen Kalten Krieg mit den USA verwickelt, die ihrerseits jeden Rassismus überwunden haben. Ein Spiegelkabinett von lauter Alternativwelten. Nur die reale Welt, unsere Welt, scheint keine Alternative zu sein.

Ein nachhallendes Buch. Eine Welt, in der die Nazis den Krieg gewonnen haben, ist ja mittlerweile fast ein eigens Genre innerhalb der Alternativwelt-Literatur geworden. Ich erinnere nur an "Fatherland" von Robert Harris. Von anderen Werken oder Machwerken zu schweigen, die um den mal hoch aktiven, mal siechen, mal toten Führer kreisen.

Wenn das der Führer wüsste

Einen durchaus ähnlichen Fall hat es denn auch im Sprachraum gegeben, und zwar wenige Jahre nach Dicks "Orakel vom Berge": den Roman "Wenn das der Führer wüsste" von Otto Basil. Dieser Otto Basil ist überhaupt ein interessanter Mann - und heute mit seinem Werk weitgehend verschollen: Er ist als Otto Adam Franz Bazil 1901 in Wien geboren, wird Barpianist, Schriftsteller, Journalist. Er erhält Schreibverbot und wird von der Gestapo verhaftet - wegen "Verspottung des Führers". Auf Fürsprache Josef Weinhebers kommt er frei.

Nach dem Krieg hilft er, Autoren wie T. S. Eliot, Erich Fried, Albert Camus, Ilse Aichinger und Friederike Mayröcker in Österreich durchzusetzen und legt zwei grundlegende Monographien über Georg Trakl vor. Und veröffentlicht 1966 diesen Roman "Wenn das der Führer wüsste". Ein geradezu wahnwitziges Werk. Der Protagonist des Romans - Held mag man nicht sagen - ist ein Mann namens Albin Totila Höllriegl, der in der Stadt Heydrich im Kyffhäusergebirge praktiziert und sich seinen Kunden so vorstellt, als

"Strahlungsspürer
Geschäftsstelle Heydrich der NS-Fachschaft für Pendelweistum
Behebung von Strahlungsschäden aller Art
Auspendeln von Lebensumständen
Schutzelektroden, Radiumschmuck, Schwingungsgürtel
(…)
Nordische Daseinsberatung
Sprechstunden außer Sonntag täglich von 9 bis 11
An Sonn- und Feiertagen kein Kundendienst
KRIEG DEN ERDSTRAHLEN!"

Das nennen wir mal das pompsprachige Imponiergehabe einer bürokratischen durchorganisierten Diktatur auf den hohlen Punkt gebracht. Nordische Daseinsberatung und das Auspendeln von Lebensumständen. Auch in diesem Roman haben die Faschisten den Krieg gewonnen. Was Europas und dem Rest der Welt dann gedroht hätte, haben sich die Nationalsozialisten ja selbst oft genug ausgemalt.

Die Nürnberger Prozesse als Vorlage

Joe Heidecker und Johannes Leeb hatten im Jahr 1959 eine Dokumentation des Nürnberger Prozesses veröffentlicht, in dem die Ankläger der Frage nachgingen, was die Nationalsozialisten für die Zeit nach ihrem Sieg geplant hätten. Ein Vorabdruck dieser Dokumentation wurde im Mai 1959 unter dem Titel "Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte" veröffentlicht und diente Basil als Quelle für seinen Roman.

Der Roman, heute weitgehend vergessen, erschien im Jahr 1966. Es machte Furore auf der Frankfurter Buchmesse und in der Literaturkritik. Das Buch wurde zum Verkaufsschlager; schon seine Startauflage von 25.000 Exemplaren war für die damalige Zeit eine Sensation.

Der Alptraum einer Welt voller Zuchtmutterklöster und SS-Ordensburgen, Walhallen und Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, den Napolas. Alles vom braunen Dunst der NS-Esoterik vernebelt. Ob sich die Lektüre heute noch lohnt? Literaturhistorisch ist Höllriegels Höllenfahrt zweifellos von besonderem Interesse. Aber verglichen mit der gläsernen Diktion Philip K. Dicks und dessen Fähigkeit, Figuren glaubwürdig durch eine groteske Landschaft zu führen, kommt Basil hier eher geschraubt, verstaubt und theatralisch daher. Ein literarisches Relikt.

In der Schweizer Sowjet-Republik

Alternativwelten an sich sind allerdings durchaus kein Relikt. Christian Krachts Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und Schatten" stammt aus dem 21. Jahrhundert - auch, wenn es um ziemlich genau ein Jahrhundert zurückblendet. In diesem Roman aus dem Jahr 2008 bleibt Lenin in der Schweiz. Die Oktoberrevolution in Russland fällt aus, dafür wird in der Schweiz revoltiert und es entsteht die SSR, die Schweizer Sowjet-Republik. Nun soll die Bahn also auch noch an der Bolschewisierung der Schweiz Schuld sein? Wer sonst? Aber im Ernst: Auch in diesem Roman spielt ein anderes, uns schon bekanntes Buch eine Rolle:

"Die Divisionärin war gerade dabei, die ausgeblichenen Stäbe des I-Ging auf die grüne Linoleumplatte ihres Schreibtisches zu legen, jene vierundsechzig Hexagramme, in denen Eingeweihte die gesamte Geschichte und Zukunft der Welt zu lesen vermochten"

Geht Alternativwelt auch ohne I Ging?

Wir sollten uns noch über den aktuellen Roman von Neal Stephenson unterhalten, den er zusammen mit Nicole Galland verfasst hat. Es geht um den Roman "Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O." Das D.O.D.O. ist eine Geheimorganisation der US-amerikanischen Regierung, ihr Sinn und Zweck: sie soll vermittels von Zeitreisen die einst Wirklichkeit gewesene, dann aber verlorene Magie zurückholen in unsere Gegenwart. D.O.D.O. steht für das Department of Diachronik Operations, also etwa: die Abteilung für Einsätze gegen den Uhrzeigersinn.

Ist das nun also nur ein Zeitreiseroman? Zeitreisen sind nicht ganz ohne, wie man weiß. Man landet in der Vergangenheit und verkehrt die eigene Gegenwart zur Zukunft. Und während man noch ziemlich sicher sein kann, in welcher Vergangenheit man landet, kann jede Tat, die man dort oder dann verrichtet, zu einer mal mehr, mal weniger starken Veränderung der Zukunft führen - das heißt: zum Austausch der Gegenwart, die den Zeitreisenden bekannt ist, gegen eine völlig neue, alternative Gegenwartswelt.

Das mag wie eine schöngeistige Definition der Belletristik überhaupt klingen, nur irgendwie harrypotteresk. Stephenson gilt als großer Innovator der phantastischen Literatur in den USA. Und Nicole Galland ist eine Autorin historischer Romane. Eine gute Begleiterin für Zeitreisen in die Vergangenheit. Ob alles glattgeht? Gar nicht. Überhaupt ist dieser Roman ein ziemlich wilder Ritt, auch was den Stil betrifft. Neben klassischen Erzählsequenzen gibt es unter anderem: seitenlange Briefe, Verzeichnisse von Nachrichtenaustauschen, Suchverläufe, interne Memos, die Ballade vom Walmart, Tagebucheinträge, Einsatzprotokolle, und schließlich ein durchaus notwendiges Glossar mit Einträgen wie DERASCH für "Diachroner Einsatz Regelwerk Arbeitsschutz" oder ODEK für "Ontische Dekohärenz-Kavität".

Technologie rückgängig machen

Neue Welten, neue Wörter. Das alles klingt nach einem ziemlichen Klamauk, nach Wortspielen in Geheimsprache, nach Verkleidungen und – mit Verlaub - literarischem Kindergeburtstag mit Reise nach Jerusalem und Hexenhut auf. Aber die Spielidee ist dennoch alternativweltlich orientiert, insofern das Handlungsziel wenigstens einer Partei die Herstellung einer Alternativwelt ist.

Eine ungarische Hexe, die die Seiten gewechselt hat, verrät den Leuten vom DODO, was die böse Hexe – ja, so etwas soll es geben – was die irische Hexe und Spionin Gráinne plant: Sie will die Technologie rückgängig machen. Was das Department DODO unterbinden will – verständlicherweise, steht mit der Abschaffung der Technologie doch auch die eigene Existenz auf dem Spiel. Die freundliche Hexe aus Ungarn sagt:

"Wenn ich die Welt so neu erfinden könnte, dass es nie Sklaven gegeben hätte, würde ich das tun, ganz sicher, aber dann würdet ihr die Menschheitsgeschichte nicht mehr wiedererkennen, und das, was an die Stelle von euch Bekanntem träte, würde euch nicht gefallen, weil wir alle Vertrautes haben möchten. Ihr wollt Gráinne aufhalten, nicht weil sie versucht, etwas Böses zu tun, sondern weil sie versucht, euch Dinge fremd zu machen. Und das ist unbequem für eure Auffassung davon, wie das Leben zu sein hat, mit Walmarts und Baumwollunterwäsche und Dingen, für die ihr diese sogenannten Seltenen Erden braucht. Ihr möchtet diese Dinge immer gehabt haben. Das ist alles. Gráinnes Pläne sind unbequem für euren Lebensstil. Abgesehen davon habt ihr keinen triftigen Grund."

Nazis mit Computern

Es scheint, dass die Alternativwelt tatsächlich oft mit irgendeiner Art von Magie oder magischem Denken zu tun hat: das I Ging, Orakel, Hexen und Wünschelrutengänger. Vielleicht bietet die Alternativwelt ja ein geeignetes Rückzugsgebiet für Obskurantismen aller Art? Ein Spielraum für Esoteriker? Das sollte man im Auge behalten. Zumal esoterische Entwürfe ja meist etwas Alternativweltliches haben, diese Modelle von flachen Erden, Hohlwelten, diese dunkle, immer erdabgewandte Seite des Mondes und wo sonst Nazis und andere Welteroberungsapostel ihr Asyl finden.

Aber nicht immer: In Andreas Eschbachs Roman "NSA" ist die Spielidee eine andere und dabei viel erschreckendere. In dieser Alternativweltgeschichte verfügen die Nazis nicht nur über Wunderwaffen wie die Atombombe, sondern auch über ein EDV-System, das unserem aktuellen Stand der Technik entspricht. ¬- Was wäre, wenn eine gar nicht futuristische, sondern die heute verfügbare digitale Technik einem verbrecherischem Regime in die Hände fiele?

Und diese Technik erweist sich als alles andere denn heilsam oder demokratiefördernd. Fern davon, aus sich heraus zu egalisieren, sagen wir es klassisch: für Gleichheit oder Brüderlichkeit oder gar Freiheit zu sorgen, lässt sich diese Technologie widerstandlos wie jede Technologie in den Dienst der Macht und der Machthaber stellen.

Eine Art "Nathan der Weise" für die Zukunft

Eschbach erzählt davon, wie diese technischen Möglichkeiten, für die heute rein kommerziell ausgerichtete Betriebe wie Amazon, Facebook, Google oder Twitter stehen, sich vereinnahmen lassen und Hierarchien nicht nur nicht einebnen, sondern verstärken und perpetuieren. Das NSA - das Nationale Sicherheitsamt - wird zum Instrument totaler Kontrolle und darauf beruhender totaler Herrschaft. Alles andere als eine angenehme Alternative.

Zeigen uns die Alternativwelten mit ihren sepiabraunen oder blutigroten Dystopien, dass wir heute in der besten aller möglichen Welten leben? Dass es, wie schlimm auch immer es gekommen ist, noch schlimmer hätte kommen können? Sind die Alternativweltromane heimliche Trostbücher? Allerdings wollen wir auch nicht verheimlichen, dass in einschlägigen Verlagen Romane, ganze Romanreihen erscheinen, in denen ein alternatives Deutschland, das adlige Offiziere handstreichartig vom Faschismus befreit haben, serienweise den einen oder anderen Weltkrieg doch noch gewinnt.

Ganz so, als wäre die Wehrmacht der leider nicht zum Zuge gekommene Hüter von Ehre und Ordnung gewesen - und nicht allzu oft der schmutzige Komplize der Tyrannei. Widerwärtige, im Kasernenhofton gehaltene Reinwaschphantastereien und Military-Pornos. Bücher und Pamphlete, die man selten oder nie im Buchladen sieht, die aber über den Versandhandel ihren Schnitt machen. Leider.

Vielleicht ist die utopische Kompetenz der Alternativweltgeschichten auch noch nicht ausgeschöpft. Vielleicht brauchte man einen Roman über eine zwar nicht heile, aber immerhin schon mal bessere Welt. Eine Art "Nathan der Weise" für die Zukunft. Wenigstens Spurenelemente solcher utopischen Alternativen gibt es auch schon. Man denke an Romane beispielsweise von Dietmar Dath, an die "Neptunation", in denen die Kooperation von Kulturen neue Gestaltungsräume eröffnen.

Aber das ist ein anderes Thema. Setzen wir uns in unser Raketenauto, den Firebird III. Wie sollten wir sonst wirklich nach Hause kommen?

Otto Basil: "Wenn das der Führer wüsste".
Milena Verlag, Wien. 384 Seiten, 18,90 Euro.

Philip K. Dick: "Das Orakel vom Berge".
Aus dem Amerikanischen von Norbert Stöbe.
Fischer Klassik. 272 Seiten, 9,99 Euro.

Andreas Eschbach: "NSA".
Lübbe Verlag. Köln, 800 Seiten, 22,90 Euro.

Christian Kracht: "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten".
Kiepenheuer & Witsch, Köln.
Hier zitiert nach der Ausgabe: dtv, München, 160 Seiten, 9,90 Euro.

Nicole Stephenson und Nicole Galland: "Der Aufstieg und Fall des D.O.D.O."
Wilhelm Goldmann Verlag. München, 864 Seiten, 30 Euro.

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