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StartseiteInterview"Althaus ist die einzige Möglichkeit für die CDU"17.02.2009

"Althaus ist die einzige Möglichkeit für die CDU"

Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen" stellt Belastbarkeit des Ministerpräsidenten infrage

Sergej Lochthofen, Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen", fragt sich, ob der verunfallte Dieter Althaus den Wahlkampf in Thüringen gesundheitlich durchstehen kann.

Sergej Lochthofen im Gespräch mit Dirk Müller

Dieter Althaus (CDU), Ministerpräsident des Freistaates Thüringen (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)
Dieter Althaus (CDU), Ministerpräsident des Freistaates Thüringen (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)

Dirk Müller: Wie geht es Dieter Althaus? Ist sein Gesundheitszustand wieder so stabil, dass er bei den Landtagswahlen in Thüringen noch einmal antreten kann als Ministerpräsident? Die behandelnden Ärzte in der Rehaklinik am Bodensee haben sich vor gut einer Stunde zur körperlichen Verfassung des CDU-Politikers geäußert.

O-Ton Arzt: Nach heutigem Kenntnisstand gehen wir davon aus, dass Herr Althaus noch vor der Sommerpause politisch wieder tätig sein kann. Zirka Mitte März wird Herr Althaus voraussichtlich auch vernehmungsfähig sein. Gegenwärtig ist seine Konzentrationsfähigkeit noch nicht ausreichend, um vernommen zu werden. Es gibt noch Phasen der raschen Ermüdung und der Unruhe. Dieses wird sich bis dahin sicherlich verbessert haben. An den Unfall selbst und die Zeit davor erinnert sich Herr Althaus nicht, wie übrigens die meisten Patienten mit einem schweren Schädelhirntrauma.

Müller: Die Ärzte sagen also, Dieter Althaus könnte, wenn er will, denn wieder antreten bei den Landtagswahlen in Thüringen in diesem Sommer. Darüber sprechen wollen wir nun mit Sergej Lochthofen, Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen". Guten Tag!

Sergej Lochthofen: Guten Tag aus Erfurt.

Müller: Herr Lochthofen, ist dann jetzt wieder alles im Lot?

Lochthofen Nein, glaube ich nicht. Unser Kenntnisstand ist nicht viel größer als vorher. Da hat die CDU auch immer wieder gesagt, sie möchten mit Dieter Althaus in den Wahlkampf ziehen. Wir befinden uns hier auch im Bereich der Spekulation. Auf der einen Seite scheinbare Besserung, was natürlich sehr positiv wäre. Man wünscht es jedem in dieser Situation. Auf der anderen Seite die Bilder, die wir so sehen, die, sagen wir, nicht offiziell gemacht werden in der Regel, zeigen uns doch einen ziemlich geknickten, in sich gekehrten Mann. Also ich glaube, hier versucht man, auch mit Blick auf den Wahlkampf und die Dramaturgie vor so einem Wahlkampf in Thüringen schon mal ein paar Informationen positiv in die Öffentlichkeit zu streuen.

Müller: Wie lange, Herr Lochthofen, wird die Partei denn noch ruhig halten?

Lochthofen Das ist die Besonderheit in Thüringen. Die CDU ist auf Dieter Althaus zugeschnitten. Die meisten im Kabinett sind von ihm handverlesen, sind auch Getreue. Die wenigen, die etwas Selbstständiges machen könnten, werden still gehalten. Das sind im Wesentlichen Frauen. Wir haben auch eine merkwürdige Situation in Thüringen. Das weiß man vielleicht von außen nicht. Es gibt ja nur wenige Katholiken in Thüringen, das ist geradezu ein protestantisches Land, aber fast das ganze Kabinett wird von Katholiken besetzt. Das hatte ich früher so nie für möglich gehalten, dass solche Sachen dann plötzlich so eine große Rolle spielen. Hier gibt es so eine Boy Group, die gegen die Frauen steht und immer aufpasst, dass Dieter Althaus in seiner Abwesenheit auch hier, was den Platzhirsch anbelangt, nichts geschieht. Das ist die Situation. Man hat noch eine Schockstarre, aber hofft natürlich, dass der Wahlkampf ziemlich spät losgeht, weil die menschliche Dimension natürlich auch die Opposition davon abhält, hart einzusteigen.

Müller: Wobei offenbar die rosigen, die absoluten Zeiten der CDU in Thüringen vorbei sind.

Lochthofen Das war schon vorher der Fall, also vor diesen tragischen Ereignissen im Januar auf der Piste. Man ging eigentlich davon aus, dass eine absolute Mehrheit nicht noch einmal zu holen ist, dass möglicherweise sogar rot-rot in Thüringen droht – in einer ganz neuen Konstellation für Deutschland, wo der kleinere Partner, die SPD, den Ministerpräsident unter Matschie stellt und Ramelow einen Schritt zurückgeht, nur um Althaus abzulösen, sozusagen ein linkes Bündnis ermöglicht. Das ist alles sozusagen Hintergrund hinter diesen Ereignissen, so dass, glaube ich, vieles, was im Augenblick an die Öffentlichkeit kommt, auch politisches Kalkül ist, so weit wie möglich Debatten, um die Belastbarkeit von Althaus in so einem Wahlkampf nicht zu früh entstehen zu lassen.

Müller: Könnte denn, Herr Lochthofen, wenn Dieter Althaus sich noch einmal entscheiden würde, entscheiden kann, noch einmal anzutreten, er nun mit einem weiteren oder mit einem neuen Bonus rechnen?

Lochthofen Wir wissen nicht, wie sich die Menschen verhalten, die normalerweise weder zur CDU, noch zur SPD neigen oder zu den Linken, die bei der Wahl vielleicht in der Wahlkabine entscheiden. Da können emotionale Aspekte, der Mann ist angeschlagen, da wird viel drauf rumgehackt etc., natürlich eine Rolle spielen. Nur darauf vielleicht eine Wahlstrategie aufzubauen, wäre sicherlich sehr abenteuerlich, weil auf der anderen Seite tatsächlich die Frage nach Schuld oder Nichtschuld sicherlich in dieser Situation auch eine Rolle spielen wird. Im Augenblick gibt es ja schon unterschwellig eine Diskussion, gibt es einen besonderen VIP-Bonus für Herrn Althaus, wird gegen ihn ein Strafverfahren in Österreich laufen oder nicht, oder wird man, weil der Mann prominent ist und weil man auch nicht gerne den Tourismus und das Skifahren in Negativschlagzeilen sieht, in Österreich sehr schnell die ganze Sache versuchen zu erledigen, sehr leise zu erledigen. Das alles ist natürlich auch Stoff für Wahlkämpfe. Insofern frage ich mich, ob jemand, der gesundheitlich so angeschlagen ist, das natürlich so durchstehen kann.

Müller: Sie fragen sich das, ob er das durchstehen kann. Wir hatten eben darüber gesprochen, ob die Partei das noch lange durchstehen kann. Welches realistische Szenario haben Sie jetzt im Kopf?

Lochthofen Im Augenblick läuft alles darauf hinaus, dass die CDU in Thüringen alles versuchen wird, Althaus als Wahlkämpfer vorne dranzustellen. Sie haben keine alternative Figur, die tatsächlich etwas im Augenblick reißen kann. Die einzigen, die zurecht gehandelt werden: Frau Lieberknecht, das ist die Sozialministerin und eine Politikerin, die lange in der Thüringer Politik eine Rolle spielt, meistens aber mehr im Hintergrund. Vorne spielt sie nicht die Rolle. Sie ist keine große Rednerin, sie ist auch kein Tribun. Das heißt, an dieser Stelle wäre der Ausfall sichtbar. Die zweite Frau, die dort auch in Frage kommt – die Männer im Übrigen nicht -, die wäre die Finanzministerin, Frau Diezel, die eine sehr solide Finanzpolitik in Thüringen gemacht hat. Wir gehören ja sogar bei den Verhandlungen zwischen den Bundesländern zu den Ländern, die in Zukunft etwas zahlen sollen, nicht so sehr die Hand aufhalten. Das ist ja schon mal positiv für Thüringen, aber das reicht bei weitem nicht, bei der Bevölkerung anzukommen. Ich vermute mal, ein Großteil der Wähler kennt sie nicht im Detail. Insofern: Althaus ist die einzige Möglichkeit für die CDU.

Müller: In den "Informationen am Mittag" im Deutschlandfunk Sergej Lochthofen, Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen". Vielen Dank für das Gespräch.

Lochthofen Auf Wiedersehen!

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