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StartseiteKommentare und Themen der WocheWette auf die digitale Zukunft29.10.2019

Altmaiers Gaia-X-ProjektWette auf die digitale Zukunft

Peter Altmaiers Projekt eines europäischen Cloud-Netzwerkes ist ambitioniert und kann auch schiefgehen, kommentiert Johannes Kuhn. Dass sich die Politik auf solche Wetten einlassen muss, zeigt, dass Deutschland seine Zukunft im Zeitalter der Digitalisierung nur noch bedingt in der eigenen Hand hat.

Von Johannes Kuhn

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Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, während einer Sitzung des Deutschen Bundestags am 25.10.2019 in Berlin (www.imago-images.de)
Mit dem europäischen Cloud-Netzwerk Gaia-X leistet sich Wirtschaftsminister Altmaier ein Projekt, das auch schiefgehen kann, meint Johannes Kuhn (www.imago-images.de)
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Deutschland digitalisiert sich: So lautet die Botschaft, die alljährlich vom Digitalgipfel der Bundesregierung ausgeht. Im angrenzenden Sauerland mag die Internet-Verbindung einem Daten-Schluckauf ähneln, in Dortmund schmiedete man bereits Pläne für die ultraschnellen Anwendungen von Übermorgen.

Das ist nicht zynisch, sondern folgerichtig: Der verschleppte Breitband- und Mobilfunkausbau hat gezeigt, wie schlechte politische Entscheidungen die Lebensqualität ganzer Landstriche beeinträchtigen und den Standort Deutschland schwächen können. Und genau um diese Standort-Frage geht es weiterhin und verstärkt, angesichts des Umbaus großer Teile der Weltwirtschaft in ein Netzwerk aus datengetriebenen Anwendungen.

Gaia-X - Scheitern nicht ausgeschlossen

Ausgerechnet der bislang eher unglücklich agierende Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat nun ein ambitioniertes Projekt gestartet. Die Infrastruktur-Idee Gaia-X soll mit Hilfe von Standards und Schnittstellen gleich zwei Probleme lösen: Europa soll mehr Gewicht im US-dominierten Cloud Computing für Firmenkunden gewinnen. Und Unternehmen erhalten die Möglichkeit, an Trainingsdaten für ihre selbstlernenden Algorithmen zu kommen. Und das alles nach den hohen europäischen Datenschutz-Standards.

Das klingt in der Theorie gut. Doch die praktische Umsetzung bleibt bislang so vage, dass ein Scheitern des Projekts an technischen und institutionellen Hürden nicht auszuschließen ist.

Mittelstand ist Sorgenkind der Digitalisierung

Genauso wenig wie am Ende ein Ausbleiben der Kundschaft. Denn Firmen, vom Startup bis zum Mittelständler, blicken auf Kosten und Mehrwert für sich selbst - und nicht darauf, ob sie mit ihren Entscheidungen den heimischen Digitalstandort stützen. Mal abgesehen davon, dass der Mittelstand durchaus ein Sorgenkind der Digitalisierung ist: Dass gestandene deutsche Betriebe noch nicht einmal erahnen, welche Veränderungen auf sie zukommen, war eine oft gehörte Klage in Dortmund.

Die digitale Souveränität, von der die Bundesregierung gerne spricht, sie wäre dem europäischen Kontinent zu wünschen.

Riskante Wette - gegen Dominanz Chinas und der USA

Doch die Dominanz Chinas und der USA ist nicht über Nacht hereingebrochen: An der US-Westküste steht eine jahrzehntelange Investitions-, Einwanderungs- und Ausprobier-Kultur dahinter. In China ein auf Digitalarbeitskräfte ausgerichtetes Bildungssystem, aber auch eine Kultur staatlicher Eingriffe und besinnungsloser Überflutung der Digitalbranche mit Geld. Etwas, das sich in Europa niemand leisten kann.

Sich etwas leisten, das auch schiefgehen kann: Das ist bei Gaia-X offenbar Altmaiers Strategie. Scheitern muss erlaubt sein, heißt es immer in der Technologie-Branche, also ist die Initiative einen Versuch wert. Dass sich die Digitalpolitik auf solche Wetten einlassen muss, zeigt aber: Der Standort Deutschland hat seine Zukunft im Zeitalter der Digitalisierung nur noch bedingt in der eigenen Hand.

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